„Le­cker ge­kocht ha­ben wir im­mer“

Os­na­brü­cker Men­sa-Chefin Anne­len Trost geht mit 63 in Ru­he­stand

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Kei­ner weiß bes­ser, was Stu­den­ten schmeckt, als Anne­len Trost. Die Lei­te­rin der Hoch­schul­gas­tro­no­mie hat am 1. Au­gust nach über 40 Jah­ren beim Stu­den­ten­werk Os­na­brück ih­ren letz­ten Ar­beits­tag. Zum Ab­schied rüh­ren wir noch ein­mal ihr Be­rufs­le­ben um: Blick in ei­nen Kes­sel Bun­tes.

Von Se­bas­ti­an Stri­cker

Was macht ei­ne Men­saChe­fin im Ru­he­stand: Koch­buch schrei­ben?

Mit Si­cher­heit nicht. Ich will erst ein­mal im Ru­he­stand an­kom­men, ihn ken­nen­ler­nen und das bun­te Le­ben ge­nie­ßen. Angst vor Lan­ge­wei­le ha­be ich je­den­falls nicht.

Er­in­nern Sie sich noch an das ers­te Me­nü, das Sie aus­ge­ge­ben ha­ben? Na­tür­lich. No­vem­ber 1975, Men­sa im AVZ: ein Stam­mes­sen, be­ste­hend aus Ko­te­lett, Salz­kar­tof­feln und Brech­boh­nen. Zum Nach­tisch gab es wahl­wei­se ei­nen Ap­fel oder ei­nen Jo­ghurt. Ich er­in­ne­re mich des­halb so ge­nau, weil die Ko­te­letts in un­se­ren fun­kel­na­gel­neu­en Brat­ge­rä­ten so ge­schrumpft wa­ren, dass wir zwei Stück auf je­den Tel­ler le­gen muss­ten, da­mit die Stu­den­ten auf ih­re Kos­ten ka­men – ein Stam­mes­sen kos­te­te da­mals üb­ri­gens 1,80 DM. Zum Glück hat­ten wir ge­nug Fleisch ein­ge­kauft. Aber so ein Feh­ler ist uns nie wie­der pas­siert. Wie hat sich das Men­sa­es­sen in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren ver­än­dert?

Le­cker ge­kocht ha­ben wir im­mer. Aber die Viel­falt ist un­ge­mein groß ge­wor­den. Heu­te wird auch we­sent­lich mehr Wert auf ap­pe­tit­li­che Prä­sen­ta­ti­on ge­legt. So gab es frü­her ein fest­ge­leg­tes Me­nü, und die Ta­bletts hat­ten Fä­cher, wo das Es­sen hin­ein­ge­ge­ben wur­de. Heu­te kann sich je­der das Me­nü auf sei­nem Tel­ler aus zig Kom­po­nen­ten selbst zu­sam­men­stel­len. Wir ha­ben für bei­na­he je­den Ge­schmack et­was im An­ge­bot, bie­ten Ak­ti­ons­wo­chen an, in de­nen wir un­ter an­de­rem für die vie­len aus­län­di­schen Stu­die­ren­den auch in­ter­na­tio­na­le Kü­che ab­bil­den. Die Prei­se fürs Men­sa­es­sen sind da­bei stets nied­rig ge­blie­ben: Das Güns­tigs­te ist heu­te un­ser Ein­topf für 1,20 Eu­ro. Ein Me­nü aus hoch­wer­ti­gen Zu­ta­ten kos­tet im Durch­schnitt drei Eu­ro.

Wel­chen Es­sen­s­trend ha­ben Sie aus­ge­las­sen? Kei­nen. Im Ge­gen­teil: Wir sind beim Stu­den­ten­werk Os­na­brück im­mer schon Pio­nie­re ge­we­sen. Als da­mals bei­spiels­wei­se die Ers­ten nach ve­ge­ta­ri­schem Es­sen ge­ru­fen ha­ben, hat­ten wir das be­reits ein­mal pro Wo­che auf dem Spei­se­plan. Heu­te steht es je­den Tag drauf. Mitt­ler­wei­le isst ja die Hälf­te un­se­rer Gäs­te ve­ge­ta­risch.

Wie vie­le sind das?

Wir ver­kös­ti­gen in un­se­ren Men­sen wäh­rend der Vor­le­sungs­zeit täg­lich ins­ge­samt 10000 Men­schen, da­von 80 Pro­zent in Os­na­brück, den Rest in Vech­ta und Lin­gen. Das ist schon ei­ne Num­mer.

Men­sa­es­sen darf nicht viel kos­ten, muss aber trotz­dem schme­cken, ge­sund und hoch­wer­tig sein. Geht das über­haupt im­mer, zum Bei­spiel bei Bio-Es­sen?

Es stimmt: Le­bens­mit­tel ha­ben ho­hen Wert – und gu­te ih­ren Preis. Bei Bio muss man aber un­ter­schei­den. Bio­ge­mü­se zum Bei­spiel lässt sich von den Kos­ten her gut in den Spei­se­plan in­te­grie­ren. Bi­ofleisch hin­ge­gen kön­nen und wol­len die meis­ten Stu­die­ren­den wirk­lich nicht be­zah­len. Dar­um ha­ben wir uns für Fleisch aus art­ge­rech­ter Tier­hal­tung ent­schie­den. Das kommt na­he an Bi­o­qua­li­tät her­an, ist aber nicht ganz so teu­er. Üb­ri­gens wa­ren wir auch hier sei­ner­zeit die Ers­ten, die gan­ze Tie­re aus art­ge­rech­ter Hal­tung ge­kauft und da­nach die Spei­se­plä­ne ge­schrie­ben ha­ben.

Heu­te spielt für vie­le Stu­den­ten ve­ga­ne Er­näh­rung ei­ne gro­ße Rol­le.

Ob ve­ga­nes Es­sen, für das wir von der Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Pe­ta aus­ge­zeich­net wur­den, oder be­son­ders aus­ge­wo­ge­ne Mahl­zei­ten, wie sie bei uns zwei­mal pro Wo­che un­ter dem La­bel „Men­sa vi­tal“an­ge­bo­ten wer­den: Wir sind auf al­les vor­be­rei­tet. Wir be­die­nen in un­se­ren Ca­fe­te­ri­en so­gar Trends wie „Food to go“. Das al­ler­dings sehr ungern, ge­be ich zu. Denn Es­sen und Trin­ken zum Mit­neh­men ver­än­dert die Tisch­kul­tur und ver­ur­sacht ganz viel Müll. Doch die Stu­den­ten for­dern es. Wir konn­ten uns dem lei­der nicht ver­schlie­ßen. Auch wenn Nach­hal­tig­keit bei uns ei­nen ho­hen Stel­len­wert hat.

Är­gert es Sie, wenn Stu­den­ten über das Men­sa­es­sen nör­geln?

Es spornt uns an. Es­sen und Trin­ken ist Ge­schmacks­sa­che, dar­über soll­te man nicht strei­ten. Und na­tür­lich kön­nen wir es nicht je­dem recht ma­chen. Wenn die Kri­tik un­se­rer Gäs­te aber be­rech­tigt er­scheint, weil ih­nen zum Bei­spiel ein Ge­richt zu sal­zig oder zu süß ist, ge­hen wir da­mit kon­struk­tiv um. Dann sind wir auch für Rück­mel­dun­gen dank­bar, denn nur so kön­nen wir uns ver­bes­sern.

Ha­ben Sie al­les selbst pro­biert, was in der Men­sa auf den Tel­ler kommt?

Ja. Aber un­se­re Spei­se­plä­ne wie­der­ho­len sich ja – in der Re­gel al­le zehn Wo­chen. Au­ßer­dem ha­ben wir ei­nen Öko­tro­pho­lo­gen (Haus­halts- und Er­näh­rungs­wis­sen­schaft­ler, An­mer­kung der Re­dak­ti­on), der al­le Re­zep­te noch ein­mal durch­leuch­tet. Ich kann da­her aus vol­lem Her­zen sa­gen: Un­ser Es­sen ist ge­sund, aus­ge­wo­gen und kommt fast oh­ne Zu­satz­stof­fe aus, weil wir al­les frisch zu­be­rei­ten. Da­für leis­ten wir uns Fach­per­so­nal. Und eins steht eben­falls fest: Un­se­re Kocha­zu­bis ler­nen beim Stu­den­ten­werk Os­na­brück mehr als an­ders­wo, ge­ra­de im Be­reich ve­ge­ta­ri­sche und ve­ga­ne Kü­che.

In Ih­rer Zeit hat das Stu­den­ten­werk Os­na­brück 30 „Gol­de­ne Ta­bletts“ein­ge­heimst, er­hielt mehr­fach Prei­se für Deutsch­lands „Men­sa des Jah­res“. Was be­deu­ten Ih­nen sol­che Aus­zeich­nun­gen?

Dar­auf sind wir im­mer noch stolz wie Bol­le. Be­son­ders weil sie auf der Mei­nung von Stu­die­ren­den fu­ßen. Und weil das Stu­den­ten­werk Os­na­brück es im­mer ge­schafft hat, in dem Wett­be­werb um „Gol­de­ne Ta­bletts“mit all sei­nen Men­sen zu punk­ten. Das ist sonst kei­nem Stu­den­ten­werk in Deutsch­land ge­lun­gen. Un­ser Er­folgs­ge­heim­nis wa­ren und sind hier si­cher­lich die ein­heit­li­chen Spei­se­plä­ne und Re­zep­tu­ren. Sie ga­ran­tie­ren, dass die Stu­den­ten an al­len sechs Stand­or­ten die­sel­be ho­he Qua­li­tät be­kom­men.

Auch wenn Sie als Rent­ne­rin kein Koch­buch schrei­ben wol­len: Wie lau­tet Ihr Re­zept für ein zu­frie­de­nes Be­rufs­le­ben?

Das Um­feld muss pas­sen. Beim Stu­den­ten­werk Os­na­brück wur­de ich ge­for­dert und ge­för­dert, ha­be mich mit mei­nen Auf­ga­ben iden­ti­fi­ziert, die am An­fang üb­ri­gens nicht nur im Be­reich Men­sa, son­dern auch schon mal bei der Zim­mer­ver­mitt­lung la­gen, im Se­kre­ta­ri­at oder in der Bafög-Stel­le. Ich bin an die Sa­chen im­mer prag­ma­tisch und mit ge­sun­dem Men­schen­ver­stand her­an­ge­gan­gen. Und ganz wich­tig: Ich ha­be mir selbst ver­traut.

Be­weg­tes Be­rufs­le­ben in be­weg­ten Bil­dern: Anne­len Trost in un­se­rer Vi­deo-Por­t­rät­se­rie „Os­na­brü­cker Cha­rak­ter­köp­fe“auf noz.de/vi­deo

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.