Kin­der­er­zie­hungs­zei­ten wer­den an­ge­rech­net

9/10-Re­ge­lung für Kran­ken­ver­si­che­rung ent­schärft: Was Rent­ner jetzt wis­sen müs­sen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen - Von Wal­traud Mess­mann

Vie­le Rent­ner wer­den bald mehr Geld in der Ta­sche ha­ben. Mög­lich macht das ei­ne Neu­re­ge­lung, die ih­nen die Auf­nah­me in die güns­ti­ge­re Kran­ken­ver­si­che­rung der Rent­ner (KV­dR) er­leich­tert.

Ar­beit­neh­mer, die län­ge­re Zeit pri­vat kran­ken­ver­si­chert wa­ren, ha­ben ab dem 1. Au­gust bes­se­re Chan­cen, im Al­ter in die güns­ti­ge­re Pflicht­ver­si­che­rung in der Kran­ken­ver­si­che­rung der Rent­ner (KV­dR) auf­ge­nom­men zu wer­den. Da­für sorgt ei­ne Ent­schär­fung der 9/10-Re­ge­lung, die heu­te in Kraft tritt. Was Be­stands­rent­ner und Neu­rent­ner jetzt wis­sen müs­sen:

Was be­sagt die 9/10-Re­ge­lung? Vor­aus­set­zung für ei­ne oft kos­ten­güns­ti­ge­re Pflicht­ver­si­che­rung in der Kran­ken­ver­si­che­rung der Rent­ner (KV­dR) ist, dass ei­ne „Vor­ver­si­che­rungs­zeit“er­füllt ist. Rent­ner müs­sen da­für die so­ge­nann­te 9/10-Re­gel er­fül­len. Das heißt, dass Be­trof­fe­ne in der zwei­ten Hälf­te ih­res Er­werbs­le­bens min­des­tens 90 Pro­zent in der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV) pflicht­ver­si­chert, frei­wil­lig ver­si­chert oder fa­mi­li­en­ver­si­chert wa­ren. Al­le an­de­ren wa­ren ge­zwun­gen, mit ei­nem meist hö­he­ren Bei­trag frei­wil­li­ge Mit­glie­der der Kran­ken­ver­si­che­rung zu wer­den.

Was ist ab dem 1. Au­gust an­ders? Zwar bleibt die 9/10-Re­ge­lung grund­sätz­lich be­ste­hen. Neu ist je­doch, dass bei Ver­si­cher­ten mit Kin­dern künf­tig zu­sätz­li­che Jah­re mit ge­setz­li­chem Ver­si­che­rungs­schutz zu­ge­schla­gen wer­den.

Wer kann von der Neu­re­ge­lung pro­fi­tie­ren? Von der Neu­re­ge­lung kön­nen Frau­en und Män­ner glei­cher­ma­ßen pro­fi­tie­ren. Au­ßer­dem gilt

sie nicht nur für Neu-, son­dern auch für Rent­ner, die be­reits im Ru­he­stand sind und Ren­te be­zie­hen – al­so so­ge­nann­te Be­stands­rent­ner.

Wer­den auch für Stief­kin­der Zei­ten an­ge­rech­net? Ja. Für Kin­der, Stief­kin­der und auch Pfle­ge­kin­der. Un­ter Kin­der fal­len in die­sem Sin­ne nicht nur leib­li­che Kin­der, son­dern auch die ih­nen ge­setz­lich gleich­ge­stell­ten Ad­op­tiv­kin­der. Für je­des Kind, Stief­kind oder Pfle­ge­kind wird ei­ne Zeit von drei Jah­ren an­ge­rech­net. Für En­kel­kin­der aber nicht.

Sind auch Mehr­fach­be­rück­sich­ti­gun­gen mög­lich ? Ja. Das heißt, Ad­op­tiv-, Stie­fund Pfle­ge­kin­der müs­sen so­wohl bei ih­ren Ad­op­tiv-, Stief- und Pfle­ge­el­tern als auch bei ih­ren leib­li­chen El­tern be­rück­sich­tigt wer­den. Mit den bei­den leib­li­chen El­tern so­wie den Ad­op­tiv­el­tern be­zie­hungs­wei­se Pfle­ge­el­tern könn­ten dies un­ter Um­stän­den so­gar vier El­tern­tei­le sein.

Gibt es Ein­schrän­kun­gen, was die Dau­er, den Zeit­punkt oder In­ten­si­tät der Kin­der­be­treu­ung an­geht?

Für die An­rech­nung auf die Vor­ver­si­che­rungs­zeit spielt es kei­ne Rol­le, ob

• das Kind tat­säch­lich und in wel­chem zeit­li­chen Um­fang von der be­tref­fen­den Per­son be­treut bzw. er­zo­gen wor­den ist. Da­mit sind auch die Fäl­le er­fasst, bei de­nen das Kind vor Voll­en­dung des drit­ten Le­bens­jah­res ver­stirbt,

• für die Be­treu­ung bzw. Er­zie­hung des Kin­des ei­ne Er­werbs­tä­tig­keit un­ter­bro­chen wor­den ist.

• bei an­ge­nom­me­nen Kin­dern (Ad­op­tiv­kin­dern), Stief­kin­dern und Pfle­ge­kin­dern das El­tern-Kind-Ver­hält­nis vor oder nach Voll­en­dung des 18. Le­bens­jah­res be­grün­det wor­den ist.

Nach An­ga­ben der SPDBun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Ul­la Schmidt ist es auch un­er­heb­lich, wann die Kin­der ge­bo­ren und er­zo­gen wor­den sei­en. „Die Er­zie­hungs­zeit kann im­mer auf die zwei­te Hälf­te des Er­werbs­le­bens und da­mit zur Er­fül­lung der 9/10-Re­ge­lung an­ge­rech­net wer­den“, sagt sie.

Was müs­sen Be­stands­rent­ner jetzt un­ter­neh­men, die glau­ben, dass sie die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Neu­be­rech­nung er­fül­len? Sie müs­sen selbst ak­tiv wer­den. Denn nach An­ga­ben der Pres­se­spre­che­rin des Spit­zen­ver­ban­des der ge­setz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­kas­sen (GKV) Clau­dia Wid­mai­er müs­sen die Kran­ken­kas­sen ei­ne Prü­fung der Ver­si­che­rungs­pflicht un­ter den neu­en recht­li­chen Be­din­gun­gen nur auf Ver­an­las­sung der be­trof­fe­nen Per­son durch­füh­ren. Wenn Rent­ner al­so glau­ben, dass sie durch die Neu­re­ge­lung ab dem 1. Au­gust die Be­din­gun­gen für ei­ne Mit­glied­schaft in der kos­ten­güns­ti­ge­ren KV­dR er­fül­len, müs­sen sie bei ih­rer Kran­ken­kas­se ei­nen An­trag auf Neu­be­rech­nung stel­len.

Wie soll­te ein sol­cher An­trag aus­se­hen? Laut Wid­mai­er kön­nen Än­de­rungs­an­trä­ge je­der­zeit und form­los ge­stellt wer­den. Bei­lie­gen soll­ten die Ge­burts­ur­kun­den der Kin­der. Zu­stän­dig sei die Kran­ken­kas­se, bei der die be­tref­fen­de Per­son ak­tu­ell ver­si­chert ist. Be­steht kei­ne ge­setz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung, kann ei­ne der wähl­ba­ren Kran­ken­kas­sen um Prü­fung ge­be­ten wer­den.

Wie muss der Be­scheid der Kran­ken­kas­sen aus­se­hen? Laut Wid­mai­er muss der Be­scheid nach den Re­ge­lun­gen des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­rechts mit ei­ner Be­grün­dung ver­se­hen sein. Die­se sei so ab­zu­fas­sen, „dass die Ent­schei­dung für den rechts­un­kun­di­gen Be­trof­fe­nen nach­voll­zieh­bar ist“, be­tont die Ex­per­tin. Au­ßer­dem müs­se der Be­scheid in der Re­gel auch ei­ne Rechts­be­helfs­be­leh­rung ent­hal­ten. Feh­le sie oder sei sie un­rich­tig, be­tra­ge die Wi­der­spruchs­frist ein Jahr nach Be­kannt­ga­be.

Gibt es ei­nen Aus­schluss­ter­min für ei­nen Än­de­rungs­an­trag? Nach An­ga­ben des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums gibt es für die Än­de­rungs­an­trä­ge kei­nen Aus­schluss­ter­min. „Sie kön­nen je­der­zeit ge­stellt wer­den“, heißt es. Die Kran­ken­kas­sen hät­ten bei der Neu­be­rech­nung der Vor­ver­si­che­rungs­zeit kei­nen Spiel­raum, wenn vom Ver­si­cher­ten Kin­der nach­ge­wie­sen wür­den. „Ge­gen ei­ne schrift­li­che Ab­sa­ge kann Wi­der­spruch er­ho­ben und ge­ge­be­nen­falls ei­ne ge­richt­li­che Über­prü­fung ver­an­lasst wer­den“, be­ton­te ei­ne Mi­nis­te­ri­ums­spre­che­rin.

Was ist mit Per­so­nen, die nach dem 1. Au­gust 2017 in Ren­te ge­hen? Nach An­ga­ben von Wid­mai­er wird bei die­sen Per­so­nen die Neu­re­ge­lung bei den Kas­sen von Amts we­gen gleich mit be­rück­sich­tigt. Die ent­spre­chen­den KV­dR-Mel­de­vor­dru­cke sei­en be­reits über­ar­bei­tet. Die An­ga­ben, die hin­sicht­lich der Neu­re­ge­lung nö­tig sei­en, wür­den mit ab­ge­fragt, so die Spre­che­rin.

Gibt es Schät­zun­gen zu der Zahl mög­li­cher Nutz­nie­ßer? Nach An­ga­ben des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums sind 300 782 Rent­ner und 214 972 Rent­ne­rin­nen frei­wil­lig in der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­si­chert. Für die­se kom­me ein Wech­sel der Kran­ken­kas­se grund­sätz­lich in­fra­ge, wenn durch die Neu­re­ge­lung die Vor­aus­set­zun­gen er­füllt wer­den, heißt es.

Auf nied­ri­ge­re Kran­ken­kas­sen­bei­trä­ge dür­fen künf­tig vie­le Rent­ner hof­fen. Foto: imago/Schö­ning

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