Ein­sam durch die Pa­ri­ser Nacht

Star der Nou­vel­le Va­gue: Jean­ne Mo­reau wur­de mit Fil­men wie „Ju­les und Jim“zur Ki­n­o­le­gen­de

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Jean­ne Mo­reau ist im Al­ter von 89 Jah­ren ge­stor­ben. Die Schau­spie­le­rin wur­de mit Fil­men wie „Ju­les und Jim“zur Le­gen­de.

Von Ste­fan Lüd­de­mann

PA­RIS. Sie ist die ein­sa­me Frau im Re­gen, die zu den me­lan­cho­li­schen Trom­pe­ten­klän­gen von Mi­les Da­vis durch das Pa­ris der Nacht wan­delt. In Lou­is Mal­les „Fahr­stuhl zum Scha­fott“be­rührt sie als un­über­seh­bar star­ke und zu­gleich zu­tiefst ver­letz­ba­re Frau. Der Klassiker der Nou­vel­le Va­gue macht sie 1958 zum Star – und zum Ge­sicht ei­ner Epo­che. Wäh­rend sie auf der Su­che nach ih­rem Ge­lieb­ten an Bars und Spiel­hal­len vor­über­schlen­dert, ma­len sich Skep­sis und Le­bens­sehn­sucht, Här­te und Zer­brech­lich­keit auf dem Ge­sicht ei­ner Frau ab, die noch jung ist und doch be­reits al­le Er­fah­run­gen des Al­ters durch­lebt zu ha­ben scheint. Jean­ne Mo­reau ist der Film­star, der in kei­ne Ka­te­go­rie passt. Sie ist Jean­ne Mo­reau, ganz ein­fach.

Iden­ti­tät als The­ma

„Letz­te Lie­be“lau­tet der Ti­tel des ers­ten Films, den die 1928 in Pa­ris ge­bo­re­ne Schau­spie­le­rin dreht. Am En­de ih­rer Fil­mo­gra­fie steht „Ei­ne Da­me in Pa­ris“(2012). Bei­de Film­ti­tel fo­kus­sie­ren das Bild ei­ner gro­ßen Darstel­le­rin, die kei­ne glat­te Schön­heit zu sein braucht, um ero­tisch aus­zu­strah­len, kei­ne Streu­ne­rin, um auf­säs­sig zu wir­ken. Jean­ne Mo­reau ist die Frau, die sich traut. So wie in François Truf­fauts „Ju­les und Jim“(1962), je­ner

me­lan­cho­lisch-aus­ge­las­se­nen Drei­ecks­ge­schich­te, in der Jean­ne Mo­reau in der Rol­le der Catherine mit auf­ge­mal­tem Schnurr­bart und keck auf­ge­setz­ter Schie­ber­müt­ze her­aus­for­dernd mit Ge­schlech­ter­rol­len spielt. Die Schau­spie­le­rin mit der rau­chi­gen Stim­me macht Iden­ti­tät so in­ten­siv wie kaum ei­ne an­de­re ih­rer Kol­le­gin­nen zum The­ma, lan­ge be­vor Dis­kus­sio­nen um Gen­der Trou­ble in Mode kom­men.

Jean­ne Mo­reau be­ginnt ih­re Kar­rie­re auf den gro­ßen Büh­nen des Pa­ri­ser Schau­spiels. Sie spielt beim Fes­ti­val von Avi­gnon wie auch am

Broad­way, er­hält Thea­ter­prei­se, be­vor ihr der Ein­stieg in das Film­ge­schäft ge­lingt. Ge­ra­de in den Fünf­zi­ger­jah­ren ent­steht kaum ein Klassiker des fran­zö­si­schen Ki­nos oh­ne ih­re Be­tei­li­gung. Sie wird von Truf­faut in „Sie küss­ten und sie schlu­gen ihn“(1959) be­setzt, spielt in der Re­gie von Ro­ger Va­dim in „Ge­fähr­li­che Lieb­schaf­ten“(1959). Or­son Wel­les holt sie 1962 für sei­ne Ver­fil­mung von Franz Kaf­kas Jahr­hun­der­tro­man „Der Pro­zess“, Lu­is Buñu­el rea­li­siert mit ihr in der Haupt­rol­le sein „Ta­ge­buch ei­ner Kam­mer­zo­fe“(1964). Ver­steck­te

Kon­flik­te, see­li­sche Ab­grün­de, brü­chi­ge Kon­ven­tio­nen: Jean­ne Mo­reau avan­ciert zur Spe­zia­lis­tin für die auf­rei­ben­den Am­bi­va­len­zen des Le­bens.

Prei­se für Le­bens­werk

Das tut ih­rer Po­pu­la­ri­tät kei­nen Ab­bruch – im Ge­gen­teil. Die Schau­spie­le­rin, die von der Lie­ben­den bis zur Hu­re und Königin je­de Rol­le mehr als nur aus­füllt, wird in Fil­men von Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der („Que­rel­le – ein Pakt mit dem Teu­fel“) und Wim Wen­ders („Bis ans En­de der Welt“) auch im deut­schen Ki­no be­rühmt. Zu­dem star­tet

sie ih­re ei­ge­nen Kar­rie­re als Sän­ge­rin. Die rau­chi­ge Stim­me wird da­bei ihr Mar­ken­zei­chen. Jean­ne Mo­reau wird mit Prei­sen ge­ra­de­zu über­häuft. 2004 ehrt sie das Film­fes­ti­val von Can­nes für ihr Le­bens­werk, im Jahr 2000 hat­te sie be­reits auf der Ber­li­na­le den Gol­de­nen Bä­ren für ihr Le­bens­werk er­hal­ten. Wei­te­re Darstel­ler­prei­se pro­mi­nen­ter Fes­ti­vals kom­men hin­zu.

Da­bei ver­steht es sich fast von selbst, dass Jean­ne Mo­reau mit al­len Gro­ßen ih­res Fachs ge­spielt hat – von Je­an-Paul Bel­mon­do bis Mar­cel­lo Mas­troi­an­ni, von Os­kar

Wer­ner bis Mi­chel Pic­co­li. Trotz­dem bleibt die Schau­spie­le­rin als so­li­tä­re Er­schei­nung in Er­in­ne­rung. Sie brauch­te kei­nen Film­part­ner, um stark zu sein, nicht die Al­lü­re ei­ner Di­va, um so­fort als au­ßer­ge­wöhn­lich er­kannt zu wer­den. Jean­ne Mo­reau bleibt auf ewig je­ne jun­ge Frau von drei­ßig Jah­ren aus „Fahr­stuhl zum Scha­fott“, die zu me­lan­cho­li­schen Klän­gen durch die Nacht geht, auf der Su­che nach der Lie­be und dem Le­ben.

Jean­ne Mo­reau: Ihr Le­ben in Bil­dern auf noz.de/kul­tur

Mal brav, mal kess: In dem Film­klas­si­ker „Ju­les und Jim“von François Truf­faut spiel­te Jean­ne Mo­reau ei­ne Frau zwi­schen zwei Män­nern. In ei­ner le­gen­dä­ren Sze­ne tritt Mo­reau in Män­ner­klei­dern auf. Foto: imago/Mi­les­to­ne Me­dia

Kampf mit dem Zu­fall: In Lou­is Mal­les „Fahr­stuhl zum Scha­fott“spielt Jean­ne Mo­reau die jun­ge Flo­rence, die für ih­re gro­ße Lie­be zur Ver­bre­che­rin wird. Foto: imago/Uni­ted Ar­chi­ves

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