Par­force­ritt durch die Par­ti­tu­ren

Bei Bay­reu­ther Ins­ze­nie­rung der „Wal­kü­re“über­zeu­gen Sän­ger trotz des Sprint-Tem­pos von Di­ri­gent Ja­now­ski

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Pe­dro Obie­ra Bay­reu­ther Fest­spie­le: Be­rich­te und Bil­der auf noz.de/kul­tur

In sei­nem fünf­ten und letz­ten Jahr wird Frank Cas­torfs um­strit­te­ne Ins­ze­nie­rung des Ni­be­lun­gen-Rings von Richard Wa­gner als der „Ring“in die Bay­reu­ther Ge­schich­te ein­ge­hen, für den sich so leicht Kar­ten er­gat­tern lie­ßen wie nie zu­vor. Im „Rhein­gold“und der „Wal­kü­re“blie­ben Plät­ze leer, und vor dem Kar­ten­bü­ro wur­den Kar­ten an­ge­prie­sen und nicht, wie ge­wohnt, „er­fleht“.

Le­ben müs­sen die Fest­spie­le heu­te auch mit dem Blog­ger-Wust im In­ter­net, bei dem sich vor al­lem Geg­ner des Cas­torf-Rings nicht im­mer re­spekt­voll Luft ver­schaf­fen und der Pro­duk­ti­on ei­nen nicht son­der­lich gu­ten Ruf ein­brach­ten. Und die mas­si­ven Um­be­set­zun­gen in den ers­ten Jah­ren ha­ben auch nicht zu ei­ner qua­li­ta­ti­ven Sta­bi­li­sie­rung und zur Stär­kung des An­se­hens bei­ge­tra­gen.

Schließ­lich wur­de der „Ring“nach sei­ner Pre­mie­re vor fünf Jah­ren als „Pe­tren­ko“-Ring ge­fei­ert. Doch Ki­rill Pe­tren­ko, der ge­fei­er­te Di­ri­gent, Chef der Baye­ri­schen Staats­oper und de­si­gnier­ter Lei­ter der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker, ver­ließ be­reits nach zwei Jah­ren den Hü­gel, und mit dem Wa­gner-er­fah­re­nen Marek Ja­now­ski er­hielt der „Ring“ei­ne er­heb­lich straf­fe­re und ro­bus­te­re mu­si­ka­li­sche Aus­rich­tung. Das schlägt sich, wie be­reits die bei­den ers­ten „Ring“Tei­le in die­sem Jahr zei­gen, in ei­nem von über­bor­den­der mu­sik­dra­ma­ti­scher Ener­gie ge­tra­ge­nen Ge­wal­tritt durch die Par­ti­tu­ren nie­der. Ja­now­ski nimmt we­nig Rück­sicht auf mu­si­ka­li­sche Fein­hei­ten, die im ver­deck­ten Orches­ter­gra­ben ei­ner be­son­ders sen­si­blen Be­hand­lung be­dür­fen, noch auf die Sän­ger, auch wenn er sei­nem Wo­tan im gro­ßen Mo­no­log des zwei­ten „Wal­kü­ren“-Akts dies­mal ein we­nig mehr Luft zum At­men und zur Gestal­tung ließ als im Vor­jahr.

An­sons­ten kann sich Ja­nowk­si glück­lich schät­zen, vor al­lem in der „Wal­kü­re“über Sän­ger ver­fü­gen zu kön­nen, die den dy­na­misch auf­ge­heiz­ten und durch­weg auf Sprint-Tem­po ge­trimm­ten Par­force­ritt oh­ne nen­nens­wer­te Rei­bungs­ver­lus­te be­wäl­ti­gen kön­nen. Da­zu zäh­len Chris­to­pher Ven­tris als Sieg­mund und die er­staun­lich

stimm­ge­wal­ti­ge Ca­mil­la Nyl­und als Sieg­lin­de, erst recht na­tür­lich die be­währ­te Catherine Fos­ter als Brünn­hil­de. Und John Lund­gren hät­te die stimm­li­chen Mit­tel, die kom­ple­xe Par­tie des Wo­tan dif­fe­ren­zier­ter zu ge­stal­ten, wenn ihm Ja­now­ski ge­nü­gend Frei­raum lie­ße.

Ins­ge­samt über­flü­gel­ten die Ge­s­angs­leis­tun­gen in der „Wal­kü­re“die mit­tel­mä­ßi­gen Dar­bie­tun­gen im „Rhein­gold“um min­des­tens ei­ne Klas­se. Dort konn­ten le­dig­lich Da­ni­el Beh­le als Froh, Andre­as Con­rad als Mi­me und Gün­ther Groiss­böck, der ge­rüch­te­wei­se schon als Wo­tan des nächs­ten „Rings“im Jah­re 2020 ge­han­delt wird, voll­auf über­zeu­gen. Iain Pe­ter­sons Wo­tan wirk­te so blass wie Ro­ber­to Sac­càs Lo­ge stimm­lich eng und fla­ckernd.

Zum Pu­bli­kums­lieb­ling avan­cier­te in die­sem Jahr der Bas­sist Ge­org Zep­pen­feld, der, auf der Hö­he sei­ner stimm­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit, wie zu Zei­ten von Hans So­tin gleich als Kö­nig Mar­ke im „Tris­tan“, als Gur­n­emanz im „Par­si­fal“, als Hun­ding in der „Wal­kü­re“und auch noch als Nacht­wäch­ter in den „Meis­ter­sin­gern“für Ak­zen­te sorgt.

An Cas­torfs Deu­tung des „Rings“als Sa­ga in­ter­na­tio­na­ler Öl-Mul­tis schei­den sich nach wie vor die Geis­ter. Dass er die „Rhein­gold-Ge­sell­schaft“ in die Lu­der- und Hu­ren­sze­ne­rie ei­nes ab­ge­ta­kel­ten Mo­tels der ame­ri­ka­ni­schen „Rou­te 66“ver­legt, ist zwar ori­gi­nell, ver­kürzt aber die Mög­lich­kei­ten, den mo­ra­li­schen Ver­fall der „Ring“-Ge­sell­schaft bis zum weit ent­fern­ten En­de der „Göt­ter­däm­me­rung“oh­ne Span­nungs­ver­lus­te ent­wi­ckeln zu kön­nen. Cas­torfs Re­zept, mit­hil­fe der gi­gan­ti­schen Büh­nen­bil­der von Aleksan­dar De­nic die vier Aben­de in ver­schie­de­ne öl­pro­du­zie­ren­de Re­gio­nen der Welt zu trans­for­mie­ren, könn­te im Film er­heb­lich über­zeu­gen­der wir­ken als auf der Büh­ne. Das Er­geb­nis sind vier sehr lo­se zu­sam­men­hän­gen­de Ein­zel­tei­le. Platz für ei­ne dif­fe­ren­zier­te Per­so­nen­füh­rung bleibt da we­nig. Doch ab­ge­rech­net mit ei­ner „Ring“-Pro­duk­ti­on wird erst nach der „Göt­ter­däm­me­rung“.

In den ge­wal­ti­gen Büh­nen­bau­ten der „Ring“-Ins­ze­nie­rung muss man die Fi­gu­ren fast mit der Lu­pe su­chen. Foto: dpa

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