Ret­te sich, wer kann

In Ab­gas­af­fä­re wächst der Druck auf Do­brindt – Rechts­freie Räu­me in der Au­to-Welt?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

Ret­te sich, wer kann – der Die­sel­gip­fel von Po­li­tik und Au­to­in­dus­trie in Berlin war ei­gent­lich als „Rei­ni­gungs­ak­ti­on“der dre­cki­gen Die­sel­flot­te ge­plant. Jetzt geht es für Her­stel­ler, Bun­des­mi­nis­ter und Län­der­chefs vor al­lem auch dar­um, sich selbst rein­zu­wa­schen.

Von Bea­te Ten­fel­de

BERLIN. Be­son­ders Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) steht schwer un­ter Druck, ein Spät­zün­der oder gar Nicht­zün­der zu sein. Zwei Jah­re lang – von 2014 bis 2016 – war der Günst­ling von CSU-Chef Horst See­ho­fer in sei­nem Mi­nis­te­ri­um un­ter­ge­taucht, um an der vom Chef ge­wünsch­ten „Aus­län­der­maut“zu bas­teln. Oh­ne durch­schla­gen­den Er­folg.

Hat der Maut-Mi­nis­ter sich nun we­gen nach­läs­si­ger Auf­sicht der Au­to­kon­zer­ne zu ver­ant­wor­ten? Das ist jetzt die Fra­ge. Kar­tell­ab­spra­chen, Be­trugs­soft­ware und nun auch noch dro­hen­de Fahr­ver­bo­te: Die Skan­da­le in der Au­to­in­dus­trie zei­gen, dass sich – be­güns­tigt durch for­dern­de Au­to­bos­se und man­geln­de Kon­trol­le in­dus­triefreund­li­cher Po­li­ti­ker – rechts­freie Räu­me bil­den konn­ten.

Der Bun­des­tags­wahl­kampf be­feu­ert die De­bat­ten noch: Je­de Men­ge von Schuld­zu­wei­sun­gen kur­sie­ren. Wie groß der Ein­fluss der Au­to­lob­by auf das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um sei, wur­de Um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks (SPD) im WDR ge­fragt. „Das müs­sen Sie bit­te mich nicht fra­gen, das müs­sen Sie bit­te den Kol­le­gen Do­brindt fra­gen“, lau­te­te ih­re Ant­wort. Do­brindts Mi­nis­te­ri­um muss sich mit Vor­wür­fen aus­ein­an­der­set­zen, es ha­be im ver­gan­ge­nen Jahr Berichte über Ab­gas-Ma­ni­pu­la­tio­nen ei­nes Fahr­zeu­ges von Por­sche „ge­schönt“. Der Chef ließ aus­rich­ten: „Wir ha­ben nichts ent­schärft.“

Sein Pro­blem: Nie­mand in der Po­li­tik möch­te der­zeit als be­din­gungs­lo­ser Freund der Au­to-Wirt­schaft oder gar des Die­sel­mo­tors er­schei­nen. Und Do­brindt schon gar nicht. Der Mi­nis­ter spürt, dass der Skan­dal ihn er­reicht hat. Als im Herbst 2015 die Ma­ni­pu­la­ti­on von Ab­gas­wer­ten durch VW durch ei­ne Ent­hül­lung aus den USA be­kannt wur­de, sag­te Do­brindt noch: „Mit Un­ter­stüt­zung von Volks­wa­gen“wür­den die Vor­wür­fe un­ter­sucht. Noch ein paar Mo­na­te spä­ter ging der Mi­nis­ter trotz im­mer neu­er Ver­däch­ti­gun­gen wei­ter Hand in Hand mit den Au­to­bau­ern.

Wäh­rend in den USA schon fi­nan­zi­el­le Ent­schä­di­gun­gen für Kun­den in der Dis­kus­si­on wa­ren, soll­te es für 630000 be­trof­fe­ne Be­sit­zer von Die­sel­au­tos di­ver­ser Her­stel­ler in Deutsch­land le­dig­lich der „frei­wil­li­ge Rück­ruf im Rah­men von Ser­vice­ak­tio­nen“rich­ten. Und selbst als der Die­selskan­dal längst über Volks­wa­gen hin­aus­ging und auch noch die Kar­tell­vor­wür­fe hin­zu­ka­men, zi­tier­te die „Süd­deut­sche Zei­tung“ver­gan­ge­ne Wo­che Do­brindt mit dem Satz: „Das ist ein lau­es Lüft­chen im Ver­gleich zu dem, was ich als CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär er­lebt ha­be.“

Lin­ken-Chef Bernd Ri­ex­in­ger stößt in die wei­che Flan­ke hin­ein. Er rief den Bund und die Lan­des­re­gie­run­gen von Nie­der­sach­sen, Ba­den-Würt­tem­berg und Bay­ern zu ei­nem En­de des „Ku­schel­kur­ses ge­gen Au­to­kon­zer­ne“auf. „Was Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt und die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ste­phan Weil, Win­fried Kret­sch­mann und Horst See­ho­fer bis­her ge­tan ha­ben, war nichts an­de­res als Bei­hil­fe zum Be­trug an den Au­to­käu­fern und der Um­welt“, sag­te Ri­ex­in­ger un­se­rer Re­dak­ti­on. Er for­der­te Kon­se­quen­zen die­ses „Po­li­tik­ver­sa­gens“. Die Po­li­tik müs­se auf dem Spit­zen­tref­fen der Au­to­in­dus­trie kla­re Fris­ten für die Nach­rüs­tung al­ter Die­sel­mo­del­le set­zen. Sonst sei­en Hun­dert­tau­sen­de Ar­beits­plät­ze und die Glaub­wür­dig­keit der Wirt­schaft in Ge­fahr.

Und der Lin­ke setzt noch nach: „Wem an­ge­sichts des mil­lio­nen­fa­chen Be­trugs nichts Bes­se­res ein­fällt, als Berichte zu schö­nen, auf frei­wil­li­ge Soft­ware-Up­dates der Kon­zer­ne zu set­zen und mit dem Geld der Steu­er­zah­ler den Ab­satz des Be­trü­ger­kar­tells an­zu­kur­beln, hat sein Amt ver­fehlt“, be­ton­te Ri­ex­in­ger mit Blick auf Do­brindt und die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. An­ge­sichts der Mil­li­ar­den­ge­win­ne der Au­to­kon­zer­ne dürf­ten da­für we­der die Au­to­fah­rer noch der Steu­er­zah­ler zur Kas­se ge­be­ten wer­den. „Wer sich die Sup­pe ein­ge­brockt hat, muss sie auch aus­löf­feln“, sag­te Ri­ex­in­ger.

Ei­ner, der ei­ne zen­tra­le Rol­le beim Glaub­wür­dig­keits­ver­lust der Au­to­bran­che spielt, ist in der Ver­sen­kung ver­schwun­den: Mar­tin Win­ter­korn, ge­fürch­te­ter und einst auch be­wun­der­ter VW-Kon­zern­chef, trat am 23. Sep­tem­ber 2015 we­gen des Die­selskan­dals zu­rück. Kurz vor sei­nem Rück­tritt for­der­te er noch ziem­lich un­ge­dul­dig von der Po­li­tik „mehr Tem­po“und Ri­si­ko­be­reit­schaft. „Wäh­rend wir hier dis­ku­tie­ren, schaf­fen an­de­re Fak­ten“, kri­ti­sier­te der Ma­na­ger in Berlin. War dies der An­fang vom En­de?

Foto: dpa

Hat er das Steu­er noch in der Hand? Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) in ei­nem Au­di RS 7.

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