Heb­am­men und Müt­ter ver­lie­ren

Wes­ter­kap­pel­ne­rin über Be­rufs­haft­pflicht­ver­si­che­run­gen und das Recht auf Selbst­be­stim­mung

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Westfälische Tagespost -

Ka­ya Brand ist frei­schaf­fen­de Heb­am­me – wohl ei­ne der äl­tes­ten be­ruf­li­chen Do­mä­nen, die von Frau­en auf­ge­baut und ver­tei­digt wor­den sind. Über Tau­sen­de von Jah­ren. Doch er­höh­te Be­rufs­haft­pflicht­ver­si­che­run­gen ma­chen im­mer mehr Heb­am­men zu Ver­lie­re­rin­nen.

Von Ul­ri­ke Ha­ver­mey­er

„Was? Du hast frü­her Haus­ge­bur­ten be­treut?“Si­na Kra­mer, die ih­re bei­den Töch­ter Zoe (5 Jah­re) und Leo­nie (6 Wo­chen) im Os­na­brü­cker Kli­ni­kum zur Welt ge­bracht hat, schüt­telt un­gläu­big den Kopf. „Das wä­re ja nichts für mich… ist das denn über­haupt si­cher?“Ka­ya Brand lä­chelt still. So ein war­mes, ent­spann­tes, in sich ru­hen­des Lä­cheln, in dem sich Wis­sen und Er­fah­rung und vie­le schö­ne Er­in­ne­run­gen wi­der­spie­geln. „Na­tür­lich ist das si­cher“, sagt die 34-Jäh­ri­ge, die seit fünf Jah­ren ei­ne ei­ge­ne Heb­am­men-Pra­xis in Wes­ter­kap­peln be­treibt, und nickt en­er­gisch: „Wenn die Schwan­ger­schaft bis da­hin un­auf­fäl­lig ver­lau­fen ist und die Frau für sich ent­schie­den hat, dass das das Rich­ti­ge für sie ist – war­um denn nicht? Ih­re Heb­am­me ist ja die gan­ze Zeit da­bei.“

In Berlin, wo Ka­ya Brand nach ih­rer Aus­bil­dung vor rund zehn Jah­ren als frei­be­ruf­li­che Heb­am­me tä­tig war, sei­en Haus­ge­bur­ten kei­ne Sel­ten­heit ge­we­sen, er­zählt sie. Die Heb­am­men hät­ten es sich da­mals noch leis­ten kön­nen, auch au­ßer­kli­ni­sche Ge­burts­hil­fe

an­zu­bie­ten. „Doch dann sind die Haft­pflicht­ver­si­che­run­gen für Ge­burts­hil­fe, die nicht in ei­ner Kli­nik er­folgt, ex­trem an­ge­stie­gen und un­er­schwing­lich für die meis­ten von uns ge­wor­den.“Rund 7600 Eu­ro im Jahr müss­te Ka­ya Brand in­zwi­schen an Ver­si­che­rungs­bei­trag be­zah­len, wenn sie das, was sie am liebs­ten tut und wes­we­gen sie Heb­am­me ge­wor­den ist, un­ein­ge­schränkt be­trei­ben woll­te: Frau­en nicht nur vor und nach, son­dern vor al­lem: bei ei­ner Ge­burt zu be­ra­ten und zu be­glei­ten. Und zwar oh­ne die Vor­ga­be: Endstation Kli­ni­kK­reiß­saal.

Ka­ya Brand schaut vom Wohn­zim­mer aus in den von der Som­mer­son­ne be­schie­ne­nen Gar­ten der Fa­mi­lie

Kra­mer. „Du hät­test Leo­nie zum Bei­spiel auch hier drau­ßen un­ter frei­em Him­mel be­kom­men kön­nen – viel­leicht in ei­nem Pool“, sin­niert sie, sieht in die stau­nen­den Au­gen von Si­na Kra­mer und lacht amü­siert auf. „Es ist völ­lig in Ord­nung, dass du sie in der Kli­nik be­kom­men hast“, ver­si­chert sie. „Ich fän­de es al­ler­dings nur fair, wenn ei­ne Frau die Wahl hät­te, wie und

wo sie ent­bin­den will.“Im hei­mi­schen Um­feld. In ei­nem Ge­burts­haus. Oder im Kran­ken­haus. Das sei auch ei­ne Fra­ge des weib­li­chen Selbst­ver­ständ­nis­ses. „Als Heb­am­me ha­be ich die Auf­ga­be, Frau­en dar­in zu be­stär­ken, auf sich selbst zu ver­trau­en, auf ih­re ei­ge­ne Wahr­neh­mung und ih­re Kraft.“

Stär­ke und Selbst­ver­trau­en um­strö­men auch Si­na Kra­mer. Die nun seit sechs Wo­chen zwei­fa­che Mut­ter, ist zum ei­nen durch ih­re Äl­tes­te ei­ne „er­fah­re­ne Hä­sin“, zum an­de­ren hat sie sich im Vor­be­rei­tungs­kurs bei Ka­ya Brand auf die Ge­burt ih­res zwei­ten Kin­des ein­ge­stimmt. An die­sem Mor­gen schaut die Heb­am­me zur Nach­sor­ge bei ihr vor­bei. Die Kran­ken­kas­sen be­zah­len bis zu zwölf Wo­chen

nach der Ge­burt re­gel­mä­ßi­ge Heb­am­men­be­su­che, de­ren An­zahl va­ri­ie­ren kann. Ent­spannt sit­zen die bei­den Frau­en auf dem So­fa und tau­schen sich aus: über Leo­nies Ge­wichts­zu­nah­me, über ab­ge­klun­ge­ne Ver­dau­ungs­be­schwer­den, Pups-Glo­bu­li und Kirsch­kern­kis­sen, an­ste­hen­de Imp­fun­gen und läs­ti­ge Neu­ge­bo­re­nen-Ak­ne. Die klei­ne Per­son, um die sich das Ge­spräch dreht, schlum­mert der­weil tief und fest in Sicht­wei­te ih­rer Mut­ter in ei­nem Git­ter­bett­chen.

„Mei­ne Toch­ter ist heu­te um 4.20 Uhr auf­ge­wacht…“, seufzt Si­na Kra­mer, „wenn’ s geht, soll­ten wir sie jetzt noch nicht we­cken...!“Wäh­rend der sü­ße Wonneproppen, nach­dem er des Nachts ge­stillt, ge­wi­ckelt und aus­gie­big ge­knud­delt wur­de, an­schlie­ßend wie­der ein­ge­döst ist, hat sei­ne Mut­ter seit­dem kei­nen Schlaf mehr ge­fun­den. Si­na Kra­mer zuckt die Schul­tern, ver­kneift sich ein Gäh­nen und sieht ih­ren sü­ßen Un­schulds­en­gel ver­zückt an: „Man be­kommt sei­ne Kin­der doch, um sie ein­fach nur lieb zu ha­ben“, sagt sie.

Den­noch ist die Mut­ter­schaft oft ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung: Rund um die Uhr top­fit sein? Wie aus dem Ei ge­pellt aus­se­hen? Im­mer al­les im Griff ha­ben? Kei­ne Schwä­che, kei­ne Un­si­cher­hei­ten – und erst recht kei­ne Feh­ler zu­las­sen? „Manch­mal macht man es sich als Mut­ter auch bloß un­nö­tig schwer“, sagt Si­na Kra­mer kopf­schüt­telnd und ern­tet für die­se Er­kennt­nis ein zu­stim­men­des Ni­cken von ih­rer Heb­am­me. Denn auch= wenn Ka­ya Brand sich we­gen der schwie­ri­gen Zei­ten für ih­ren Be­rufs­stand der­zeit auf Ge­burts­vor­be­rei­tung, Wo­chen­bett­be­treu­ung, Nach­sor­ge und Rück­bil­dungs­kur­se be­schränkt, ver­folgt sie ih­re Mis­si­on doch un­be­irrt wei­ter und wird nicht mü­de „ih­ren“Müt­tern zu ver­mit­teln, was für ei­nen Schatz an Le­bens­er­fah­rung, Kom­pe­tenz und Weis­heit in ei­ner je­den von ih­nen steckt. „Ei­ni­ge Müt­ter brau­chen le­dig­lich et­was Hil­fe, die­sen Schatz zu ent­de­cken und auf ihn zu ver­trau­en“, sagt Ka­ya Brand – und wie­der brei­tet sich die­ses zu­ver­sicht­li­che Lä­cheln auf ih­rem Ge­sicht aus.

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Foto: Ul­ri­ke Ha­ver­mey­er

Bes­tens auf­ge­leg­te Lang­schlä­fe­rin: Nach­dem die klei­ne Leo­nie um 4.20 Uhr ve­he­ment nach den Di­ens­ten ih­rer Mut­ter ver­langt hat, zeigt sie sich bei Heb­am­me Ka­ya Brand von ih­rer lieb­rei­zends­ten Sei­te.

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