Streit um die Leg­ge

Len­ge­rich woll­te ei­ne ei­ge­ne Lei­nen­prüf­stel­le be­kom­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Westfälische Tagespost -

Von Dr. Chri­stof Spann­hoff

TECK­LEN­BURG. Am Sams­tag, 9. Sep­tem­ber, und Sonn­tag, 10. Sep­tem­ber, fin­det in Teck­len­burg der jähr­li­che „Lei­nen- und Hand­wer­ker­markt“statt, der dar­an er­in­nert, dass das Teck­len­bur­ger Land frü­her ein Zen­trum der Lei­nen­her­stel­lung war.

Seit dem Mit­tel­al­ter wur­de im Teck­len­bur­ger Land Lei­nen her­ge­stellt. Doch erst Mit­te des 17. Jahr­hun­derts rich­te­te der da­ma­li­ge Lan­des­herr, Graf Mo­ritz von Bent­heimTeck­len­burg (1615–1674), ei­ne Prüf­stel­le ein. Die­se soll­te da­zu die­nen, ei­ne gleich­blei­ben­de Qua­li­tät der Lein­wand zu ge­währ­leis­ten, denn sie war vor­nehm­lich für den Ex­port be­stimmt.

Die so­ge­nann­te Leg­ge (zu nie­der­deutsch leg­gen ‚le­gen‘ , weil die Lei­nen­stof­fe zur Prü­fung auf ei­nem gro­ßen Tisch aus­ge­legt wer­den muss­ten) wur­de in ei­nem 1577 er­rich­te­ten Tor­haus am Teck­len­bur­ger Markt­platz un­ter­ge­bracht. Sie ist vor dem Hin­ter­grund der Her­aus­bil­dung ei­nes at­lan­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems zu se­hen, das im 17. Jahr­hun­dert mit der ver­stärk­ten Be­sied­lung Nord­ame­ri­kas und der Ent­ste­hung der süd­ame­ri­ka­ni­schen Plan­ta­gen­wirt­schaft Gestalt an­nahm. Teck­len­bur­ger Lei­nen war güns­tig und so­mit auf dem Welt­markt be­gehrt. Mit der Ein­rich­tung der Leg­ge ver­such­te der Teck­len­bur­ger Graf, an die­ser Konjunktur teil­zu­ha­ben, denn der ge­sam­te Lein­wand­han­del sei­ner Graf­schaft lief in der Fol­ge über Teck­len­burg.

Zu­min­dest für die nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg (1618–1648) chro­nisch lee­ren gräf­li­chen Kas­sen war die Ein­rich­tung der Leg­ge ei­ne wich­ti­ge Ein­nah­me­quel­le. Ob die Lei­nen­prüf­stel­le dar­über hin­aus auch ei­nen po­si­ti­ven Ein­fluss auf den ei­gent­li­chen Lein­wand­han­del hat­te, ist frag­lich. Die Leg­ge wirk­te sich aber för­der­lich auf den üb­ri­gen Die Teck­len­bur­ger Leg­ge Han­del und das Ge­wer­be der Stadt Teck­len­burg aus. Der Zwang, die Teck­len­bur­ger Leg­ge auf­zu­su­chen, brach­te vie­le Men­schen in das Burgstädt­chen, die an Ort und Stel­le wei­te­re Ge­schäf­te tä­tig­ten und Wa­ren kon­su­mier­ten.

Aus die­sem Grund ist es zu er­klä­ren, dass sich auch Len­ge­rich be­reits seit dem 17. Jahr­hun­dert um die Er­laub­nis be­müh­te, ei­ne ei­ge­ne Leg­ge ein­rich­ten zu dür­fen. Das geht aus ei­nem un­da­tier­ten Schrei­ben der Len­ge­ri­cher Orts­vor­ste­her aus der Zeit um 1710 her­vor. Dort heißt es, dass man sich be­reits seit Bent­heim-Teck­len­bur­gi­scher Zeit (al­so vor 1706) um ei­ne ei­ge­ne Lei­nen­leg­ge be­müht ha­be, was al­ler­dings im­mer wie­der durch die Teck­len­bur­ger Kauf­leu­te ver­hin­dert wor­den sei.

Nach­dem die Graf­schaft Teck­len­burg 1707 an Bran­den­burg-Preu­ßen über­ge­gan­gen war, ver­such­ten die Len­ge­ri­cher er­neut, von ih­rem neu­en Lan­des­herrn, dem preu­ßi­schen Kö­nig, ei­ne Ge­neh­mi­gung zu er­hal­ten. Die Orts­vor­ste­her be­grün­de­ten ihr Er­su­chen da­mit, dass die Teck­len­bur­ger Leg­ge ei­gent­lich von An­fang an in Len­ge­rich an­zu­sie­deln ge­we­sen wä­re, weil es ein in dem Fle­cken le­ben­der Hol­län­der na­mens ten Ka­ten ge­we­sen sei, der 1660 die Teck­len­bur­ger Leg­ge „er­fun­den“ha­be.

Zu­dem ar­gu­men­tier­ten die Len­ge­ri­cher mit ih­rer gu­ten Ver­kehrs­la­ge, de­rent­we­gen zahl­rei­che Lei­nen­händ­ler aus dem Os­na­brü­cker, Ra­vens­ber­ger und Müns­ter­land durch den Ort kä­men, und dass es für die­se sehr be­schwer­lich sei, mit den schwer be­la­de­nen Wa­gen den Berg nach Teck­len­burg hin­auf­zu­fah­ren. Vie­le die­ser Händ­ler hät­ten den Wunsch nach ei­ner Len­ge­ri­cher Leg­ge ge­äu­ßert. Ein Leg­ge­haus sei auch be­reits vor­han­den, und zwar „oben uff der Pfor­ten“. Ge­meint war al­so wohl der Len­ge­ri­cher Rö­mer. Al­ler­dings ging der Wunsch der Len­ge­ri­cher nicht in Er­fül­lung. Auch die Preu­ßen rich­te­ten kei­ne Prüf­stel­le in Len­ge­rich ein. Erst 1842 er­hielt der Ort ei­ne ei­ge­ne Leg­ge, zu ei­nem Zeit­punkt, als der Stern des Teck­len­bur­ger Lei­nen­han­dels be­reits ge­sun­ken war.

wur­de Mit­te des 17. Jahr­hun­derts in ei­nem Tor­haus un­ter­ge­bracht. Len­ge­rich hät­te auch gern ei­ne sol­che Ein­rich­tung ge­habt. Foto: Chri­stof Spann­hoff

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