Fi­pro­nil im Ei: Skan­dal er­reicht Deutsch­land

Ver­brau­cher in Bel­gi­en und Nie­der­lan­den wa­ren seit Ta­gen in­for­miert

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen -

Ein Laus­be­kämp­fungs­mit­tel im Ei: Wäh­rend die Be­hör­den in Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den schon vor dem In­sek­ti­zid warn­ten, ha­ben die Deut­schen nichts ah­nend ihr Früh­stücks­ei ge­ges­sen. Hat das Warn­sys­tem ver­sagt?

Von Dirk Fis­ser

OS­NA­BRÜCK. Erst Ta­ge nach den Nie­der­lan­den und Bel­gi­en kam es hier­zu­lan­de zum Rück­ruf. Viel­fach wohl zu spät. Hun­dert­tau­sen­de mut­maß­lich mit Fi­pro­nil be­las­te­te Eier wa­ren in Deutsch­land ver­kauft und viel­leicht schon ver­zehrt. Wie kam es da­zu? Ei­ne Be­stands­auf­nah­me.

An­fang Ju­li hat­te laut bel­gi­schen Me­di­en ein Ge­flü­gel­züch­ter in Flan­dern bei ei­ner Ei­gen­kon­trol­le den ver­bo­te­nen Wirk­stoff in Ei­ern ent­deckt. Der Mann schlug Alarm, Bel­gi­en gab über das Schnell­warn­sys­tem am 21. Ju­li ei­ne War­nung her­aus, al­ler­dings mit dem Hin­weis, es sei­en kei­ne Eier ins Aus­land ex­por­tiert wor­den. Er­mitt­lun­gen lie­fen an, die kurz dar­auf fast die ge­sam­te Eier­pro­duk­ti­on in Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den be­tra­fen. Zwi­schen­zeit­lich blo­ckier­ten die Be­hör­den al­lein in den Nie­der­lan­den 180 Le­ge­hen­nen­be­trie­be, Eier wur­den mil­lio­nen­fach zu­rück­ge­ru­fen.

Eric Hu­bers vom nie­der­län­di­schen Bau­ern­ver­band sprach von ei­ner Ka­ta­stro­phe für die Bran­che. Die Ge­flü­gel­hal­ter hät­ten das Mit­tel ei­nes nie­der­län­di­schen Her­stel­lers im Glau­ben ein­ge­setzt, es han­de­le sich um ein un­be­denk­li­ches Mit­tel aus äthe­ri­schen Ölen zur Des­in­fek­ti­on der Stäl­le. Tat­säch­lich war das Mit­tel aber wohl mit dem In­sek­ti­zid Fi­pro­nil ver­setzt. Das wird zur Floh- und Ze­cken­be­kämp­fung bei Haus­tie­ren ein­ge­setzt. In der Le­bens­mit­tel­pro­duk­ti­on hat es nichts zu su­chen.

Die Ver­brau­cher in Deutsch­land be­ka­men da­von nichts mit. Noch am Frei­tag ver­gan­ge­ner Wo­che er­klär­te das Bun­des­agrar­mi­nis­te­ri­um in Berlin auf An­fra­ge, es sei nicht be­kannt, ob Eier nach Deutsch­land ge­lie­fert wor­den sei­en. Es fehl­te of­fen­bar an In­fos aus Be­ne­lux.

Bran­chen­ken­nern war da längst klar, dass der Fi­pro­nil-Skan­dal auch auf Deutsch­land über­schwap­pen wür­de. Die Bun­des­re­pu­blik deckt nur 70 Pro­zent ih­res Eier­be­darfs mit hei­mi­scher Pro­duk­ti­on ab. Der Rest wird im­por­tiert – über­wie­gend aus den Nie­der­lan­den. Und so kam es, wie es nach An­sicht der Ex­per­ten auch kom­men muss­te: Am Sonn­tag be­zie­hungs­wei­se am Mon­tag ga­ben Nord­rhein-West­fa­len und Nie­der­sach­sen War­nun­gen her­aus.

Be­trof­fe­ne Be­trie­be aus den Nie­der­lan­den hat­ten nach jet­zi­gem Stand 2,9 Mil­lio­nen mög­li­cher­wei­se be­las­te­te Eier an ei­ne Pack­stati­on im nord­rhein-west­fä­li­schen Gronau ge­lie­fert. 1,3 Mil­lio­nen gin­gen wei­ter nach Nie­der­sach­sen, 850 000 nach NRW. Der Rück­ruf läuft.

Wie­so ging das nicht schnel­ler? Ein Spre­cher des Agrar­mi­nis­te­ri­ums in Nord­rhein-West­fa­len sagt, die Be­hör­den in den Nie­der­lan­den hät­ten zu­nächst Fäl­le in ih­rem Land ab­ge­ar­bei­tet, be­vor sie sich in Deutsch­land ge­mel­det hät­ten. Aus dem Agrar­mi­nis­te­ri­um in Nie­der­sach­sen ist zu er­fah­ren, dass die ent­schei­den­de Mel­dung über den mög­li­chen Ver­trieb be­trof­fe­ner Pro­duk­te erst am spä­ten Frei­tag­abend ein­ge­gan­gen sei.

Aus gut un­ter­rich­te­ten Krei­sen heißt es zu­dem, die er­mit­teln­den Staats­an­walt­schaf­ten in den Nie­der­lan­den und Bel­gi­en hät­ten die Lis­te der be­trof­fe­nen Be­trie­be auf An­fra­ge aus Deutsch­land nicht her­aus­ge­rückt. So sei zu­nächst nicht nach­voll­zieh­bar ge­we­sen, ob auch Fi­pro­nil-Eier über die Gren­ze ge­gan­gen sei­en. Als die Mel­dung kam, sei die Kri­sen­ma­schi­ne­rie in Deutsch­land so­fort an­ge­lau­fen.

Das Warn­sys­tem scheint al­so funk­tio­niert zu ha­ben, wenn über­haupt ha­ben ein­zel­ne Glie­der der Ket­te ver­sagt – ge­nau­er ge­sagt Be­hör­den in Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den, die für Ver­zö­ge­run­gen ge­sorgt ha­ben könn­ten.

Das Agrar­mi­nis­te­ri­um in Düsseldorf ver­si­chert der­weil: Bei ei­ner aku­ten Ge­sund­heits­ge­fähr­dung für Ver­brau­cher wä­re si­cher­lich schnel­ler ge­han­delt wor­den. Tat­säch­lich schät­zen die Fach­leu­te die ge­sund­heit­li­che Ge­fahr eher als klein ein. Die der­zeit ge­mes­se­nen Fi­pro­nil-Wer­te der Eier sind nicht sehr hoch. „Für Er­wach­se­ne ist das noch nicht ge­fähr­lich“, sag­te ei­ne Spre­che­rin des Bun­des­in­sti­tuts für Ri­si­ko­be­wer­tung (BfR). We­gen Ana­ly­se­er­geb­nis­sen in Bel­gi­en hat­te das BfR al­ler­dings vor ei­nem po­ten­zi­ell aku­ten Ge­sund­heits­ri­si­ko für Kin­der beim Ver­zehr der Eier ge­warnt. In hö­he­ren Do­sen kann Fi­pro­nil bei Men­schen Haut und Au­gen rei­zen so­wie Übel­keit, Er­bre­chen und Kopf­schmer­zen ver­ur­sa­chen.

Der Bun­des­ver­band der Ver­brau­cher­zen­tra­len (vz­bv) kri­ti­sier­te dann doch das Sys­tem – und zwar die Kom­mu­ni­ka­ti­on der deut­schen Be­hör­den im Fi­pro­nil-Eier­skan­dal. vz­bv-Le­bens­mit­tel­re­fe­ren­tin Jutta Jak­sche sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on: „Das In­for­ma­ti­ons­wirr­warr von Bun­des- und Lan­des­be­hör­den ver­un­si­chert die Ver­brau­cher nur, statt für Klar­heit zu sor­gen.“

Jak­sche ver­wies dar­auf, dass Nie­der­sach­sen auf ein po­ten­zi­ell aku­tes Ge­sund­heits­ri­si­ko für Kin­der beim Ver­zehr von mit Fi­pro­nil be­las­ten­den Ei­ern hin­wei­se, Nord­rhein-West­fa­len aber nicht. „Wir brau­chen ei­ne ver­läss­li­che In­for­ma­ti­on. Das Bun­des­in­sti­tut für Ri­si­ko­be­wer­tung soll­te Kon­su­m­emp­feh­lun­gen her­aus­ge­ben und nicht je­des Bun­des­land selbst­stän­dig“, so Jak­sche.

Mil­lio­nen Eier sind mög­li­cher­wei­se mit dem In­sek­ti­zid Fi­pro­nil be­las­tet. Ver­däch­ti­ge Char­gen in Nie­der­sach­sen tra­gen den Auf­druck 1-NL 4128604 oder 1-NL 4286001. Foto: dpa

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