Mar­tia­lisch und er­staun­lich un­po­li­tisch

El Ak­kads De­büt­ro­man „Ame­ri­can War“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Thomas Schae­fer

Auf den ers­ten Blick wir­ken die Kar­ten der USA, die Omar El Ak­kads De­büt­ro­man „Ame­ri­can War“er­öff­nen, ganz nor­mal, es be­darf des ge­naue­ren Hin­schau­ens, um wahr­zu­neh­men, was nicht stimmt: Die Sil­hou­et­te Nord­ame­ri­kas ist arg zer­rupft, die Küs­ten sind an­ge­nagt, Flo­ri­da exis­tiert gar nicht mehr – Fol­gen des Kli­ma­wan­dels, der die in die­sem Jahr in den USA und nun be­reits auf Deutsch er­schie­ne­ne Ge­schich­te grun­diert und sich nicht nur auf die Geo­gra­fie aus­wirkt. So muss­te das „sturm­ge­plag­te Washington“als Haupt­stadt auf­ge­ge­ben und durch das si­che­re Co­lum­bus/Ohio er­setzt wer­den. Dort kom­men im­mer mehr Flücht­lin­ge aus dem un­ter Glut­hit­ze lei­den­den Sü­den an, der sei­ner­seits ka­ri­ta­ti­ve Hil­fe aus Über­see er­hält, von den Groß­mäch­ten Chi­na und dem neu­en ara­bi­schen „Boua­ziz­i­reich“, das von Ma­rok­ko bis ans Kas­pi­sche Meer reicht und das Ziel eu­ro­päi­scher Flücht­lin­ge ist, die sich auf den Weg über das Mit­tel­meer ma­chen.

Wer meint, das Buch des in Ägyp­ten ge­bo­re­nen, in Ore­gon le­ben­den Jour­na­lis­ten Omar El Ak­kad sei ein po­li­ti­scher Schlüs­sel­ro­man, täuscht sich: Ganz dem Ti­tel ent­spre­chend, be­han­delt „Ame­ri­can War“aus­schließ­lich die „gro­ße don­nern­de Trom­mel des Krie­ges“, aus der Per­spek­ti­ve ei­ner frag­wür­di­gen Hel­din. Sa­rat Chest­nut, ein „Mäd­chen wie ein Back­stein“, wur­de im Sü­den der USA ge­bo­ren und wuchs mit Zwil­lings­schwes­ter und Bru­der an den Ufern des Mis­sis­sip­pi auf, zu Zei­ten, als das Land vom „Zwei­ten Bür­ger­krieg“heim­ge­sucht wird. Wie­der ste­hen sich die Süd­staa­ten und der Nor­den ge­gen­über, dies­mal ist nicht Skla­ve­rei der Aus­lö­ser, son­dern die Ent­schei­dung der Zen­tral­re­gie­rung, auf fos­si­le Ener­gi­en zu ver­zich­ten, wor­auf­hin die öl­af­fi­nen „Frei­en Süd­staa­ten“Mis­sis­sip­pi, Ala­ba­ma und Geor­gia im Jahr 2074 ih­re Un­ab­hän­gig­keit er­klä­ren.

Schre­ckens­sze­na­ri­en

Sa­rat ge­hört zu de­nen, die sich mit der Nie­der­la­ge nicht ab­fin­den. Po­li­ti­siert wird sie im Flücht­lings­la­ger Camp Pa­ti­ence, in dem die Fa­mi­lie nach dem Tod des Va­ters un­ter­ge­kom­men ist – zum ei­nen, nach­dem Mi­li­zen des Nor­dens ein grau­sa­mes Mas­sa­ker im La­ger an­ge­rich­tet ha­ben, zum an­de­ren durch den du­bio­sen Mr. Gai­nes, der sich Sa­rats als Men­tor an­nimmt und sie er­folg­reich in­dok­tri­niert: Sa­rat wird zur fa­na­ti­schen Un­ter­grund­kämp­fe­rin und löst, nach­dem es 2095 zum Frie­dens­schluss ge­kom­men ist, mit ei­nem mit­tels Vi­ren aus­ge­führ­ten Ter­ror­an­schlag ei­ne „Ein­heits­pest“aus, der 110 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner zum Op­fer fal­len.

Hand­lungs- und auch an­spie­lungs­reich ist der Ro­man, der al­ler­dings ei­nen Hang zum Kol­por­ta­ge­haf­ten, Mar­tia­li­schen, sprach­lich Tri­via­len nicht ver­leug­nen kann und auf dif­fe­ren­zier­te po­li­ti­sche Ge­dan­ken ver­zich­tet. Bei al­len Schre­ckens­sze­na­ri­en, mit de­nen El Ak­kad in grel­len Far­ben aus­malt, was uns be­vor­ste­hen mag, ver­fehlt er des­halb die auf­klä­re­ri­schen Am­bi­tio­nen, die ihn viel­leicht an­ge­trie­ben ha­ben.

Omar El Ak­kad: „Ame­ri­can War“, Ro­man. S. Fi­scher, 2017, 443 Sei­ten, 24 Eu­ro.

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