Chef­arzt warnt vor Kol­laps des Ge­sund­heits­sys­tems

Pro­fes­sor Martin En­gel­hardt vom Kli­ni­kum Os­na­brück: Kin­der be­we­gen sich viel zu we­nig

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Vor dra­ma­ti­schen Fol­gen des Be­we­gungs­man­gels bei Kin­dern warnt der ärzt­li­che Di­rek­tor des Kli­ni­kums Os­na­brück, Pro­fes­sor Martin En­gel­hardt, im In­ter­view. Er hat 2010 die Idee des Pro­jekts Kin­der-Be­we­gungs­stadt (KiBS) ent­wi­ckelt.

Von San­dra Dorn

Es ist jetzt 14.35 Uhr. Wie viel ha­ben Sie sich heu­te schon be­wegt?

Viel zu we­nig. Und das, ob­wohl wir hier im Kran­ken­haus lan­ge We­ge ha­ben. Da­durch, dass ich mehr­fach zum OP und zur Sta­ti­on muss, ha­be ich schon ei­ne re­la­tiv gro­ße Geh­stre­cke.

Und das reicht nicht?

Das reicht na­tür­lich nicht. Man soll­te sich am Tag als be­rufs­tä­ti­ger Er­wach­se­ner schon min­des­tens ei­ne hal­be bis ei­ne St­un­de kör­per­lich an­stren­gend be­we­gen, das wä­re ide­al.

Beim KiBS-Pro­jekt ha­ben Sie als Ziel aus­ge­ge­ben, dass sich Kin­der so­gar zwei St­un­den täg­lich in­ten­siv be­we­gen sol­len. Ist das mach­bar?

Für Kin­der soll­te das ab­so­lut mach­bar sein. Frü­her ha­ben die Kin­der doch sehr viel mehr in der Na­tur ge­spielt und sich be­wegt. Aber die heu­ti­ge Rea­li­tät sieht na­tür­lich ganz an­ders aus.

War­um?

Na ja, das liegt am ge­än­der­ten Wer­te- und So­zi­al­ver­hal­ten. Wir sind da­mals in die Grund­schu­le zu Fuß ge­gan­gen und in die hö­he­re Schu­le oder ins Gym­na­si­um mit dem Fahr­rad ge­fah­ren. Heu­te ist das eher die Sel­ten­heit. Die Kin­der wer­den mit dem Au­to bis un­mit­tel­bar vors Klas­sen­zim­mer ge­fah­ren. Und dann gibt es noch die gan­zen Me­di­en: Die Kin­der hän­gen per­ma­nent vor dem Bild­schirm. Man muss sie ani­mie­ren raus­zu­ge­hen. Aber von vie­len im El­tern­haus wird das nicht mehr vor­ge­lebt.

Wann hat die­se Ent­wick­lung an­ge­fan­gen?

Ich glau­be, das ist ein schlei­chen­der Pro­zess. 1905 wa­ren es noch 20 Ki­lo­me­ter, die sich der Deut­sche im Schnitt pro Tag be­wegt hat, 1950 zehn Ki­lo­me­ter und jetzt sind es sta­tis­tisch ge­se­hen 680 Me­ter pro Tag. Und das ist na­tür­lich schon ver­hee­rend.

Und die Fol­gen ha­ben Sie dann auf dem OP-Tisch lie­gen.

Nicht nur auf dem OP-Tisch. Wenn Kin­der sich nicht be­we­gen, dann ha­ben sie auch ei­ne ge­stör­te geis­ti­ge und see­li­sche Ent­wick­lung. Auch das Selbst­be­wusst­sein der Kin­der lei­det ex­trem, wenn sie ir­gend­wann mer­ken, dass sie un­be­weg­lich sind, nichts leis­ten kön­nen oder ein­fach nicht ge­lernt ha­ben, mit Nie­der­la­gen um­zu­ge­hen, sich ein­zu­ord­nen, mit an­de­ren Kom­pro­mis­se zu schlie­ßen. All die­se Din­ge wer­den ei­nem beim Sport­trei­ben in der Ge­mein­schaft bei­ge­bracht.

Die Kin­der­be­we­gungs­stadt Os­na­brück war Ih­re Idee, was war der Aus­lö­ser?

Der Haupt­aus­lö­ser war, dass mir hier auf­ge­fal­len ist, dass die Pa­ti­en­ten zu­neh­mend über­ge­wich­ti­ger und di­cker wer­den und wir je­de Wo­che Martin En­gel­hardt ist Chef­arzt für Or­tho­pä­die und Un­fall­chir­ur­gie am Kli­ni­kum Os­na­brück und selbst seit sei­ner Ju­gend be­geis­ter­ter Sport­ler.

min­des­tens bei ei­nem Pa­ti­en­ten ei­nen Schwer­last­tisch – das heißt Pa­ti­en­ten über 140 Ki­lo – be­nö­tigt ha­ben. Wir wer­den un­ser Ge­sund­heits­sys­tem, das wir al­le sehr schät­zen, nicht hal­ten kön­nen durch die Kos­ten, die da­durch ent­ste­hen. Ich ha­be mein gan­zes Le­ben lang Sport ge­trie­ben, bin en­ga­giert in Ver­ei­nen und Ver­bän­den, und von da­her lag mir am Her­zen, dass man in die­ser Rich­tung ak­tiv wird, und zwar schon in den jüngs­ten Jahr­gän­gen.

Und da ge­schieht in Deutsch­land zu we­nig?

In Groß­bri­tan­ni­en läuft es bes­ser. Da gibt es ei­ne Sport­mi­nis­te­rin und ein na­tio­na­les Sport­kon­zept. Da wer­den zum Bei­spiel Mil­lio­nen in­ves­tiert, da­mit al­le Kin­der Rad­fah­ren ler­nen. Wir in Deutsch­land schla­fen vor uns hin. Wir ge­ben lie­ber Mil­li­ar­den in die Re­pa­ra­tur.

Es gibt auch Kin­der, die mit Sport ab­so­lut nichts an­fan­gen kön­nen…

Ich glau­be, es bringt nichts, ein Kind da­zu zu zwin­gen, ir­gend­et­was Spe­zi­el­les zu ma­chen. Es muss Spaß ma­chen. Das ge­lingt am bes­ten mit meh­re­ren zu­sam­men. Es gibt

so viel­fäl­ti­ge An­ge­bo­te heut­zu­ta­ge. Es ist auch zu emp­feh­len, dass man sich bei ei­nem Kind nicht auf ei­ne ein­zi­ge Sport­art fo­kus­siert, son­dern ein brei­tes sport­mo­to­ri­sches Aus­bil­dungs­pro­gramm für ein Kind an­bie­tet.

Das klingt wie ei­ne An­lei­tung für Aka­de­mik­er­el­tern. Wie er­rei­chen Sie die an­de­ren?

Auch da hängt es da­von ab, was mit den El­tern los ist. In ei­ner klas­si­schen Ar­bei­ter­fa­mi­lie gibt es durch­aus wel­che, die sport­be­geis­tert sind. Es ist aber auch so, dass es in der rei­chen Bun­des­re­pu­blik nicht nur Rei­che gibt, son­dern auch ei­nen nicht un­er­heb­li­chen An­teil von Fa­mi­li­en, die nicht un­be­dingt vie­le fi­nan­zi­el­le Mit­tel ha­ben und sich das Sport­trei­ben teil­wei­se nicht leis­ten kön­nen. Der Um­stand, dass im­mer we­ni­ger Kin­der schwim­men kön­nen, liegt nicht nur al­lein dar­an, dass die kei­nen Sport mehr trei­ben wol­len, son­dern dass es ein­fach wahn­sin­nig teu­er ist, die­se gan­zen Schwimm­kur­se zu be­zah­len. Des­halb ma­chen wir ja auch bei KiBS kos­ten­lo­se An­ge­bo­te gera­de für Fa­mi­li­en, die sich das nicht so leis­ten kön­nen.

Wie schät­zen Sie die Aus­sich­ten ein, mit KiBS über Os­na­brück hin­aus et­was zu be­we­gen?

Na ja, wir sind ja nicht ir­gend­wel­che Fan­tas­ten. Aber na­tür­lich hat es ei­nen Ein­fluss, wenn wir mit sol­chen Ak­ti­vi­tä­ten der Kin­der­be­we­gungs­stadt von un­ten an­fan­gen, an­de­re Kom­mu­nen ha­ben schon In­ter­es­se an dem Kon­zept ge­zeigt. Viel­leicht ge­lingt es ja mal, dass ein Bo­ris Pis­to­ri­us Bun­des­in­nen­mi­nis­ter wird, dann ha­ben wir ei­ne Chan­ce, mit so ei­nem Pro­jekt viel­leicht auf Bun­des­ebe­ne er­folg­reich zu sein. Wir müs­sen das Ge­sund­heits­sys­tem da­vor be­wah­ren, dass es kol­la­biert.

Al­le be­reits er­schie­nen Tei­le der Se­rie kön­nen Sie im In­ter­net nach­le­sen un­ter www.noz.de/os

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