Al­te Bil­der für die Ewig­keit

Markt­füh­rer aus Os­na­brück di­gi­ta­li­siert Fo­to- und Vi­deo­auf­nah­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - ge­grün­det. Bil­der fin­den Sie auf noz.de

Kaum je­mand kommt dem Pri­vat­le­ben sei­ner Kun­den so nah wie der Os­na­brü­cker Fir­men­in­ha­ber Hans-Her­mann Gra­en. An­ge­fan­gen als Star­t­up, di­gi­ta­li­siert sein Un­ter­neh­men Di­gi­tal­spe­zia­list pro Jahr heu­te Aber­tau­sen­de von pri­va­ten Film- und Fo­to­auf­nah­men. Zu Be­such bei ei­ner Fir­ma zwi­schen vor­ges­tern und mor­gen.

Von Se­bas­ti­an Phil­ipp

OS­NA­BRÜCK. Wer den Ar­beits­platz von Hans-Her­mann Gra­en und Jan Bern­har­di be­tritt, be­kommt ei­nen ganz gu­ten Ein­druck da­von, wie sich die Un­ter­hal­tungs­elek­tro­nik in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ent­wi­ckelt hat: Vi­deo­re­kor­der, de­ren For­mat heu­te nie­mand mehr kennt, und Film­pro­jek­to­ren, die mit ih­rem mo­no­to­nen Ta­ckern die Werk­hal­le an der Sutt­hau­ser Stra­ße er­fül­len. Und di­rekt da­ne­ben mo­der­ne HD-Ka­me­ras, pro­fes­sio­nel­le Scan­ner und hoch­ge­rüs­te­te Com­pu­ter­sys­te­me. Es ist ein ne­ben­ein­an­der von Alt und Neu, die Di­gi­tal­spe­zia­lis­ten trans­por­tie­ren die lieb ge­won­ne­nen Er­in­ne­run­gen ih­rer Kun­den vom Ana­lo­gen ins Di­gi­ta­le.

Apro­pos Er­in­ne­run­gen: An­ge­fan­gen hat die Ge­schich­te des Un­ter­neh­mens 2007 in ei­nem un­schein­ba­ren La­den­lo­kal an der Min­de­ner Stra­ße. Gra­en, vor­her beim Os­na­brü­cker Pa­pier­rie­sen Fe­lix Scho­el­ler ak­tiv, star­te­te sein­er­zeit mit ei­nem Freund in die Selbst­stän­dig­keit. „Was die Ga­ra­ge für Bill Ga­tes war, ist für uns die Ra­ke­ten­bu­de in der Min­de­ner Stra­ße ge­we­sen“, scherzt Gra­en. Auf 50 Qua­drat­me­tern ex­pe­ri­men­tier­te er mit ei­nem An­ge­stell­ten an der rich­ti­gen Tech­nik für die Di­gi­ta­li­sie­rung von Bild- und Ton­auf­nah­men.

Und dann kam aus dem Nichts der An­ruf, den Gra­en als „den ent­schei­den­den Schub für un­ser Un­ter­neh­men“be­zeich­net. Am an­de­ren En­de der Lei­tung: der Tchi­bo-Kon­zern auf der Su­che nach ei­nem Part­ner für die Film- und Bild­di­gi­ta­li­sie­rung. „Na­tür­lich ha­ben wir da­mals zu­ge­sagt, auch wenn durch­aus die Be­fürch­tung be­stand, dass wir uns da­mit über­neh­men“, gibt Gra­en zu. Tat­säch­lich stell­te sich der Groß­auf­trag von Tchi­bo als ent­schei­den­der Punkt in der Fir­men­ge­schich­te her­aus. Nach nur we­ni­gen Mo­na­ten in der „Ra­ke­ten­bu­de“be­zo­gen die Di­gi­tal­spe­zia­lis­ten ei­ne Hal­le an der Nob­ben­bur­ger Stra­ße – im­mer­hin ei­ne Ver­zehn­fa­chung der Be­triebs­flä­che.

Zehn­tau­sen­de Bil­der, Di­as und Fil­me lan­den heu­te im Jahr bei den Di­gi­tal­spe­zia­lis­ten, die hei­ße Pha­se liegt in der kal­ten Jah­res­zeit. Rund um Weih­nach­ten set­ze in den Fa­mi­li­en die Er­kennt­nis ein, al­te Schät­ze für die Nach­welt fest­zu­hal­ten, ver­mu­tet Pro­duk­ti­ons­lei­ter Jan Bern­har­di. In die­sen Mo­na­ten stockt das Un­ter­neh­men sein Per­so­nal von et­wa 30 fes­ten Mit­ar­bei­tern auf bis zu 70 Per­so­nen auf und ar­bei­tet im Mehr­schicht­be­trieb. Auch wenn vie­le die Di­gi­ta­li­sie­rung mit der Au­to­ma­ti­sie­rung gleich­set­zen – bei den Di­gi­tal­spe­zia­lis­ten ist es nicht so.

Ein Bei­spiel da­für sind die Su­per-8-Fil­me. In ei­ner Rei­he

sind die Film­pro­jek­to­ren – fast schon mu­se­al an­mu­ten­de, rat­tern­de Über­bleib­sel aus der Ana­log-Ära – ne­ben­ein­an­der auf­ge­reiht. Die ein­ge­schick­ten Spu­len der Kun­den wer­den ein­ge­legt, an­stel­le ei­nes Ob­jek­tivs blickt je­doch ei­ne mo­der­ne HD-Ka­me­ra ins Ge­häu­se, um die Be­wegt­bil­der ab­zu­tas­ten. Ein Mit­ar­bei­ter kon­trol­liert auf ei­nem Mo­ni­tor stän­dig Hel­lig­keit so­wie Farb­sät­ti­gung und ver­än­dert, wenn nö­tig, die Auf­nah­me­ein­stel­lun­gen. „Au­to­ma­ti­siert funk­tio­niert so et­was nicht, wenn Sie Qua­li­täts­ver­lus­te aus­schlie­ßen wol­len“, sagt Bern­har­di. Gibt es auch schon ein­mal so in­ti­me Auf­nah­men, dass die Di­gi­ta­li­sie­rung ab­ge­bro­chen wird? Gra­en hält sich bei die­sem Punkt be­deckt. Da­ten­schutz. „Ein­deu­tig ras­sis­ti­sche oder straf­recht­lich re­le­van­te Auf­nah­men ver­ar­bei­ten wir je­doch aus Prin­zip nicht“, sagt der Ge­schäfts­füh­rer.

Nach der Su­per-8-Ära kam die Epo­che der Vi­deo­ka­me­ras. Die tech­ni­schen Er­run­gen­schaf­ten die­ser Jahre fin­den sich gleich ne­ben der Film­spu­len-Ab­tei­lung. Meh­re­re Dut­zend Vi­deo­re­kor­der spie­len hier die ein­ge­schick­ten Kas­set­ten ab, die Auf­nah­me­ge­rä­te ban­nen das Be­wegt­bild­ma­te­ri­al auf DVD oder al­ter­na­ti­ve Da­ten­trä­ger wie USB-Stick oder Fest­plat­te. Über­ra­schend ist die Viel­falt der Vi­deo­for­ma­te, die heut­zu­ta­ge

nur noch ma­xi­mal Ein­ge­fleisch­te oder his­to­risch In­ter­es­sier­te ken­nen: Vi­deo 2000-, Beta­max- und so­gar U-Ma­tic-Ge­rä­te ver­rich­ten hier ih­ren Di­enst.

Wenn Gra­en über sein Sam­mel­su­ri­um aus al­ten Ab­spiel­ge­rä­ten spricht, dann durch­aus mit ei­nem Stirn­run­zeln. Hin­ter­grund: Die Er­satz­tei­le wer­den knapp, bis­wei­len gibt es über­haupt kei­ne mehr. „Wir ha­ben sel­ber Tüft­ler im Team und ste­hen in en­gem Kon­takt zu ei­ner hoch spe­zia­li­sier­ten Fach­werk­statt. Na­tür­lich son­die­ren wir stän­dig den Ge­braucht­markt, aber klar ist, dass der Markt sich lang­sam aus­dünnt.“Für ein U-Ma­tic-Ge­rät sind laut Gra­en bei In­ter­net­bör­sen bei­spiels­wei­se schnell 500 bis 700 Eu­ro fäl­lig – mit dem Ri­si­ko,

ei­nen ab­ge­nutz­ten Vi­deo­kopf oder gar ein gänz­lich de­fek­tes Ge­rät zu er­ste­hen. Wie Bern­har­di zu ver­ste­hen gibt, ist ne­ben reich­lich Im­pro­vi­sa­ti­ons­kunst auch ein ho­hes Maß an tech­ni­schem Know­how nö­tig, um die Schätz­chen am Lau­fen zu hal­ten.

Die­se Pro­ble­me gibt es bei der Di­gi­ta­li­sie­rung von Di­as nicht. Da­für ist der Per­so­nal­ein­satz noch ein­mal deut­lich hö­her. Kon­kret liegt das dar­an, dass Gra­ens Mit­ar­bei­ter im Grun­de bei je­dem Bild noch ein­mal Hand an­le­gen, um bei­spiels­wei­se die Aus­rich­tung des Di­as zu prü­fen und – wenn nö­tig – zu jus­tie­ren. „Der größ­te Ein­zel­auf­trag war die Di­gi­ta­li­sie­rung von

77 000 Di­as. Das dau­ert na­tür­lich sei­ne Zeit – auch weil wir es so qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig wie mög­lich ma­chen wol­len“, sagt Gra­en. Bis zu vier Mil­lio­nen Di­as lau­fen im Jahr durch die Be­ar­bei­tung, im Er­geb­nis han­deln Bern­har­di und sei­ne Kol­le­gen im All­tags­ge­schäft auf­grund der ho­hen Auf­lö­sun­gen ge­wal­ti­ge Da­ten­men­gen. 50 bis 70 Te­ra­byte an Da­ten – das ent­spricht der Spei­cher­grö­ße von meh­re­ren Zehn­tau­send DVD – hält das Un­ter­neh­men im Schnitt vor, nach sechs Wo­chen wer­den Bild­da­tei­en kom­plett vom Ser­ver ge­löscht. Das sei ein Er­for­der­nis des Da­ten­schut­zes, und an­ders ge­he es an­ge­sichts der Da­ten­men­gen auch nicht, so Bern­har­di.

Mitt­ler­wei­le pro­du­zie­ren die Di­gi­tal­spe­zia­lis­ten nicht mehr nur un­ter dem ei­ge­nen La­bel, son­dern auch für Tchi­bo und an­de­re Groß­un­ter­neh­men, die ih­ren Na­men nicht in die­sem Text le­sen möch­ten. „Vie­le wür­den sich wun­dern, wo übe­r­all nicht un­ser Na­me drauf­steht, aber wir drin­ste­cken“, sagt Gra­en mit ein we­nig Stolz. Ge­mes­sen an der An­zahl der Auf­trä­ge und Kun­den­be­wer­tun­gen, sei das Un­ter­neh­men so et­was wie der Markt­füh­rer in Deutsch­land. „Im Ver­gleich zu Mit­be­wer­bern ha­ben wir doch ei­nen deut­li­chen Vor­sprung“, so Gra­en. Ir­gend­wann könn­te aber auch der jet­zi­ge Stand­ort an der Sutt­hau­ser Stra­ße zu klein wer­den. Schließ­lich wächst das Un­ter­neh­men mit zwei­stel­li­gen Pro­zent­zah­len pro Jahr. „Für 2017 pei­len wir ein Um­satz­wachs­tum von et­wa 30 Pro­zent an“, sagt Ge­schäfts­füh­rer Gra­en.

Wei­te­re

Fo­tos: Da­vid Ebe­ner

Das Os­na­brü­cker Un­ter­neh­men Di­gi­tal­spe­zia­list di­gi­ta­li­siert al­te Fo­to- und Vi­deo­auf­nah­men und ist mitt­ler­wei­le Markt­füh­rer in Deutsch­land.

Hans-Her­mann Gra­en hat das Un­ter­neh­men im Jahr 2007

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