Eier wer­den mas­sen­haft ver­nich­tet – Giftskan­dal er­reicht die Re­gi­on

Fi­pro­nil im Ei: Be­trof­fe­ner Land­wirt aus der Re­gi­on be­rich­tet – Mil­lio­nen­scha­den in den Nie­der­lan­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite - Von Dirk Fis­ser mehr auf noz.de/agrar

Das In­sek­ti­zid Fi­pro­nil ist wohl auch in Le­ge­hen­nen­be­trie­ben in Nie­der­sach­sen zum Ein­satz ge­kom­men. Vier Hüh­ner­far­men aus der Graf­schaft Bent­heim und ein Be­trieb aus dem Ems­land sind am Mitt­woch ge­sperrt wor­den, teil­te das Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um mit. Hin­ter­grund ist der Ein­satz ei­nes nie­der­län­di­schen Di­enst­leis­ters in den Stäl­len. Das Un­ter­neh­men gilt der­zeit als Qu­el­le des Gift­ein­trags. Un­klar ist aber der­zeit noch, ob der Schäd­lings­be­kämp­fer ab­sicht­lich den gif­ti­gen Stoff ei­nem an­de­ren Pro­dukt bei­ge­mischt hat oder ob die Ver­ant­wor­tung da­für bei Zu­lie­fer­fir­men liegt. In den Nie­der­lan­den und Deutsch­land wer­den nun vor­sorg­lich mas­sen­haft Eier ver­nich­tet, die nicht in den Markt ge­hen dür­fen. Das Bild stammt von ei­nem Be­trieb aus den Nie­der­lan­den.

Der Eier­skan­dal aus den Nie­der­lan­den hat Deutsch­land er­reicht. Be­trie­be in der Re­gi­on sind ge­sperrt wor­den, Un­ter­su­chun­gen lau­fen. Wie kam das Gift Fi­pro­nil in die Stäl­le?

OS­NA­BRÜCK. Ein Mann im gel­ben Schutz­an­zug schiebt ein Wä­gel­chen durch ei­nen Stall. Aus Dü­sen am Ge­fährt wird ein fei­ner Ne­bel ver­sprüht, der sich im ge­sam­ten Ge­bäu­de ver­teilt. Hat so der Fi­pro­nil-Skan­dal be­gon­nen, der zu­nächst die nie­der­län­di­sche Eier­pro­duk­ti­on lahm­leg­te und jetzt Deutsch­land er­reicht hat? Die Sze­ne stammt aus ei­nem Wer­be­film der Fir­ma, die das Gift in die Stäl­le ge­bracht ha­ben soll. Ob ab­sicht­lich oder un­wis­sent­lich ist der­zeit un­klar.

Her­vor­ra­gend sei der Ruf in der Bran­che ge­we­sen, be­rich­ten nie­der­län­di­sche Hüh­ner­hal­ter über die Fir­ma. Von ei­nem Wun­der­mit­tel aus äthe­ri­schen Ölen ist die Re­de, das das Un­ter­neh­men in den Stäl­len ver­teilt ha­be – mit sehr gu­ten Er­geb­nis­sen. Der Be­trieb ver­sprach durch­schla­gen­de Er­fol­ge ge­gen die ro­te Vo­gel­mil­be, im Nie­der­län­di­schen auch ro­te Blut­laus ge­nannt, und das zu güns­ti­gen Prei­sen. Der Pla­ge­geist beißt nachts die Hüh­ner und saugt Blut. Es ist ein ewi­ger Kampf im Stall, den die Land­wir­te stell­ver­tre­tend für ih­re Tie­re aus­fech­ten.

Der Er­folg der Fir­ma aus Bar­ne­veld bei Amers­fo­ort sprach sich bis nach Deutsch­land rum. „Das hat mich ein­fach über­zeugt, was ich ge­hört und ge­se­hen ha­be“, sagt ein Bau­er aus der Graf­schaft Bent­heim, der das Un­ter­neh­men be­auf­tragt hat­te. 40 000 Le­ge­hen­nen hält er in Frei­land­hal­tung. 38 000 Eier pro­du­ziert sein Be­trieb pro Tag. Und die muss er nun – bis auf Wei­te­res – ver­nich­ten.

Denn was er und sei­ne Kol­le­gen nicht ahn­ten: Of­fen­bar ver­teil­te die Sprüh­ma­schi­ne nicht nur den an­ge­prie­se­nen öko­lo­gi­schen Wirk­stoff „De­ga16“, son­dern auch das in der Nutz­tier­hal­tung ver­bo­te­ne Laus­be­kämp­fungs­mit­tel Fi­pro­nil. Wer es bei­ge­mischt hat, ist un­klar. Der Schäd­lings­be­kämp­fer aus Bar­ne­veld weist die Schuld von sich. War es der De­ga16-Her­stel­ler? Oder ei­ner sei­ner Zu­lie­fe­rer? Oder ei­ner de­ren Zu­lie­fe­rer?

Staats­an­walt­schaf­ten in Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den er­mit­teln.

„Ir­gend­wer wird es ge­we­sen sein. Das ist mir jetzt gera­de erst ein­mal egal“, sagt der Land­wirt aus der Graf­schaft. Sein Hof ist ge­sperrt, wie drei an­de­re Be­trie­be in sei­ner Nach­bar­schaft und ein wei­te­rer Be­trieb im Ems­land. Sie al­le wa­ren Kun­den der Fir­ma aus Bar­ne­veld, ge­nau­so wie 180 nie­der­län­di­sche Be­trie­be. In La­bors wird gera­de un­ter­sucht, ob die Eier ih­rer Le­ge­hen­nen tat­säch­lich Fi­pro­nil-be­las­tet sind. In Kür­ze sol­len Er­geb­nis­se vor­lie­gen.

So lan­ge darf kein Ei ver­kauft wer­den. In den Nie­der­lan­den und in Bel­gi­en konn­te ei­ne Ver­seu­chung bei fast 20 Far­men be­reits nach­ge­wie­sen wer­den.

„Wir ha­ben gera­de die Vo­gel­grip­pe über­stan­den“, be­rich­tet der Grafschafter. „Aber das setzt dem noch ein­mal ei­nen drauf.“Acht bis neun Cent hat er bis­lang pro Ei er­hal­ten. Jetzt muss er für de­ren Ent­sor­gung zah­len. Al­les in al­lem kal­ku­liert er mit ei­nem sechs­stel­li­gen Scha­den für sei­nen Be­trieb, wenn die Er­geb­nis­se ei­ne Be­las­tung be­stä­ti­gen.

Er ist ge­gen sol­che Scha­dens­fäl­le ver­si­chert, vie­le sei­ner nie­der­län­di­schen Kol­le­gen wohl nicht. Be­reits jetzt be­lie­fe sich der Scha­den auf meh­re­re Mil­lio­nen Eu­ro, teil­te der Bran­chen­ver­band im Nach­bar­land mit. In nie­der­län­di­schen Me­di­en ist von Ver­zweif­lung und Trä­nen auf den Hüh­ner­far­men die Re­de. Denn wen soll man für den Pro­duk­ti­ons­aus­fall haft­bar ma­chen? Wür­den al­le ge­sperr­ten Be­trie­be Scha­dens­er­satz­an­sprü­che beim Schäd­lings­be­kämp­fer gel­tend ma­chen, wä­re der wohl plei­te. Dar­über macht sich kei­ner Il­lu­sio­nen. Ver­glei­che wer­den ge­zo­gen zum gro­ßen Di­oxin-Skan­dal 2010 in Deutsch­land, als Fut­ter­mit­tel ver­seucht wa­ren und am En­de nie­mand zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wur­de.

Es liegt gro­ße Un­si­cher­heit über den Hüh­ner­far­men. Auch weil nie­mand ge­nau weiß, was im Fall ei­ner Ver­seu­chung mit den Tie­ren pas­siert. Für vie­le von ihnen könn­te das Fi­pro­nil das vor­zei­ti­ge En­de be­deu­ten. Denn bis der Wirk­stoff aus dem Kör­per ver­schwun­den ist, kann es Wo­chen dau­ern. Zeit je­den­falls, in der die Tie­re

wei­ter ge­füt­tert wer­den müs­sen, die Eier aber wohl nicht ver­kauft wer­den dürf­ten. Die Not­lö­sung wä­re der Tod.

Die nie­der­län­di­sche Le­bens­mit­tel­auf­sichts­be­hör­de NVWA un­ter­sucht der­weil auch Nah­rungs­mit­tel, die Eier ent­hal­ten, wie Mayon­nai­se, Pas­ta oder Eis, auf Spu­ren von Fi­pro­nil. Die NVWA warn­te vor dem Ver­zehr von be­las­te­ten Ei­ern. In zu ho­her Do­sis kön­ne das Mit­tel Le­ber, Nie­ren und Schild­drü­se schä­di­gen.

Der Eier-Skan­dal:

Fo­to: Bas van Slu­is

Wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chun­gen von Ei­ern in den Nie­der­lan­den auf mög­li­che Fi­pro­nil-Rück­stän­de. Fo­to: dpa

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