Das 61. Sport­ab­zei­chen soll nicht das letz­te sein

Für Dau­er­bren­ner Rolf Lies­ke ist mit 79 Jah­ren kein En­de in Sicht – Wenn ein Kirsch­baum zur größ­ten Hür­de wird

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport Regional - Von Jo­han­nes Kapitza (Text), Gert West­dörp (Fo­tos)

Mit 79 Jah­ren ist noch lan­ge nicht Schluss: Rolf Lies­ke legt in die­sem Jahr sein 61. Sport­ab­zei­chen ab. Da­mit liegt er in der Re­gi­on ganz vorn, aber beim SC Melle ist er nicht der ein­zi­ge treue Ab­sol­vent.

MELLE. Und dann holt Rolf Lies­ke aus. Ein paar Schrit­te An­lauf, der Ober­kör­per dreht ein, die Ar­me stre­cken sich, die Au­gen wer­den groß: All sei­ne Kraft packt er in den Wurf, mit dem er den zwei Ki­lo­gramm schwe­ren Me­di­zin­ball auf die Rei­se schickt. Nach kur­zem Flug lan­det der Ball auf dem Ra­sen des Mel­ler Carl-St­arcke-Plat­zes. „8,90 Me­ter“ruft je­mand das Mes­s­er­geb­nis her­über. Rolf Lies­ke sieht zu­frie­den aus. „Das war jetzt gera­de Gold“, sagt der 79-Jäh­ri­ge.

„Das war Gold“, be­stä­tigt Ute Pe­per­korn, „das will ich mal gleich ein­tra­gen.“Ob es am En­de Gold wird, ist gar nicht so wich­tig. „Sil­ber reicht“, sagt Lies­ke, und er könn­te auch mit Bron­ze gut le­ben. Haupt­sa­che, er schafft es, das Sport­ab­zei­chen. Ein biss­chen Ehr­geiz ist gut im Sport, über­trie­be­ne Ver­bis­sen­heit ist Lies­ke aber fremd. Wer schon 60-mal sein Sport­ab­zei­chen ab­ge­legt hat, muss sich selbst längst nichts mehr be­wei­sen.

Wenn der Na­me Rolf Lies­ke fällt, dann denkt man in Melle so­fort an Mu­sik. Jahr­zehn­te­lang war er der per­so­ni­fi­zier­te Mu­sik­un­ter­richt am ört­li­chen Gym­na­si­um. No­ten und Tak­te ha­ben den Rhyth­mus sei­nes Le­bens vor­ge­ge­ben. Beim Zweit­fach kommt man schon ins Gr­ü­beln. „Erd­kun­de“, sagt Lies­ke, aber das ha­be er ja kaum un­ter­rich­tet. Was wohl noch we­ni­ge Schü­ler wuss­ten: An Lies­ke ist ein Sport­leh­rer ver­lo­ren ge­gan­gen. Mit sei­nen 60 Sport­ab­zei­chen ist er in Stadt und Land­kreis Os­na­brück kon­kur­renz­los. Und das 61. ist in Ar­beit.

Als er sein Stu­di­um be­gann, sei er in Leicht­ath­le­tik gut ge­we­sen, sagt Lies­ke, „Spie­le gin­gen auch noch.“Aber Tur­nen war nicht seins, Lehr­amt auf Sport da­mit hin­fäl­lig. Das Sport­ab­zei­chen soll­te je­doch ei­ne Le­bens­auf­ga­be blei­ben. „Wir hat­ten ei­nen sehr gu­ten Leicht­ath­le­ten als Sport­leh­rer. Sei­ne Be­geis­te­rung war an­ste­ckend“, er­in­nert sich der 79-Jäh­ri­ge. Als Elft­kläss­ler am Gym­na­si­um Gif­horn ab­sol­vier­te er 1956 sein ers­tes Sport­ab­zei­chen. Wei­te­re folg­ten, erst in Gif­horn, dann in Neu­stadt am Rüben­ber­ge, spä­ter in Melle, wo er seit 1966 un­ter­rich­te­te.

„Ich ha­be auch mein ers­tes Sport­ab­zei­chen in Gif­horn ge­macht, da­mals beim Bun­des­grenz­schutz“, sagt Man­fred Klo­weit-Herr­mann. Mit der Pre­mie­re war die Lei­den­schaft ent­facht. Der 77-Jäh­ri­ge, den es im Lau­fe sei­nes Le­bens eben­falls nach Melle ver­schla­gen hat, ist Lies­ke auf den Fer­sen: Der pen­sio­nier­te Po­li­zist hat 2017 zum 56. Mal die Be­din­gun­gen er­füllt. „Ich ma­che das Sport­ab­zei­chen auch je­des Jahr, aber Rolf ist mir im­mer fünf Jahre vor­aus“, sagt Klo­weit-Herr­mann. Ein biss­chen Weh­mut schwingt in dem Satz mit. „Es geht ganz schnell, dass man ein Jahr mal nicht kann“, re­la­ti­viert Lies­ke sei­nen Vor­sprung.

Für ihn war 2001 so ein Jahr. Der Kirsch­baum trug or­dent­lich, die schöns­ten Früch­te hin­gen na­tür­lich ganz oben. Lies­ke rück­te mit ei­ner Lei­ter an, aber ir­gend­wann ließ die Ast­ga­bel nach. Lies­ke sprang ab und lan­de­te auf ei­nem Find­ling. Dia­gno­se: Fuß ge­bro­chen. „Ich hat­te schon mit dem Sport­ab­zei­chen an­ge­fan­gen, aber da war dann nichts mehr zu ma­chen“, sagt Lies­ke, „aber im nächs­ten Jahr ging’ s wie­der wei­ter.“Wie lan­ge er das Sport­ab­zei­chen ab­le­gen kann, hän­ge stark vom Ge­sund­heits­zu­stand ab, sagt der 79-Jäh­ri­ge. Noch gibt es für ihn kei­nen An­lass auf­zu­hö­ren.

„Man kann die Zet­tel je­des Jahr vor­be­rei­ten“, sagt Ute Pe­per­korn über ih­re bei­den treu­en Ab­sol­ven­ten. Seit 2008 ko­or­di­niert sie beim SC Melle die Ab­nah­me der Sport­ab­zei­chen als Nach­fol­ge­rin von Ga­b­rie­le Schnei­der. Ei­gent­lich ha­be sie als Trai­ne­rin der Nach­wuchs­leicht­ath­le­ten nur das Auf­wärm­pro­gramm auf dem Sport­platz über­neh­men wol­len, sagt Pe­per­korn. „Jetzt ma­che ich auch den Bü­ro­kram, und es macht rich­tig Spaß.“

Viel­leicht auch, weil die Mel­ler im Kreis­sport­bund (KSB) Os­na­brück-Land „ab­so­lut top“sind, wie KSB-Ge­schäfts­füh­rer Kers­ten Wick be­stä­tigt. Nach ab­so­lu­ten Zah­len stellt der SCM im­mer wie­der die meis­ten Ab­sol­ven­ten bei den Eh­run­gen. Von KSB-weit 6668 Sport­ab­zei­chen im Jahr 2016 gin­gen 609 nach Melle.

Das geht zum ei­nen auf Men­schen wie Ewald Schlü­ter zu­rück, der als „Mis­ter Sport­ab­zei­chen“in Melle Grund­la­gen ge­schaf­fen hat. Zum an­de­ren lobt Wick „vie­le Ko­ope­ra­tio­nen mit Schu­len“, die re­gel­mä­ßig die Bi­lanz ver­bes­sern. Der KSB ist grund­sätz­lich gut auf den Ver­ein zu spre­chen: Der nut­ze als ei­ner von 25 Klubs im Land­kreis das Ver­wal­tungs­pro­gramm für Sport­ab­zei­chen, ma­che da­mit die Ar­beit für den Kreis­sport­bund ein­fa­cher und kön­ne mit der Tech­nik mehr jun­ge Leu­te fürs Eh­ren­amt be­geis­tern, als wenn al­le Da­ten von Hand er­fasst wer­den müss­ten, sagt Wick.

Nicht nur die Schu­len sind in Melle mit im Boot. „Die Hand­bal­ler kom­men die­ses Jahr auch wie­der“, freut sich Pe­per­korn über Sport­ler aus dem ei­ge­nen Ver­ein, die nicht nur ein Au­ge für ih­re Dis­zi­plin ha­ben. Das ste­te In­ter­es­se am Sport­ab­zei­chen ist auch ei­ne Mo­ti­va­ti­on für die Hel­fer. „Auf die kann ich mich im­mer ver­las­sen. Die sind im­mer da“, sagt Pe­per­korn. Ihr gro­ßer Tag ist am 5. Au­gust: Dann dreht sich auf dem Sport­platz ei­nen Nach­mit­tag lang al­les ums Sport­ab­zei­chen, be­vor En­de Sep­tem­ber die re­gel­mä­ßi­gen Ab­nah­me­zei­ten am Mon­tag­abend und Mitt­woch­mor­gen aus­lau­fen – was nicht heißt, dass die Sai­son da­mit be­en­det wä­re.

„Es gibt im­mer Leu­te, die noch an Sil­ves­ter schwim­men ge­hen“, sagt Pe­per­korn. Ab No­vem­ber be­ginnt sie mit den Er­in­ne­rungs­an­ru­fen bei den Sport­lern, de­nen nur noch we­ni­ge Dis­zi­pli­nen zum Sport­ab­zei­chen feh­len. Wer dann kurz vor knapp noch sei­ne letz­ten Leis­tun­gen nach­wei­sen will, „muss nur an­ru­fen“, zeigt sich Pe­per­korn ku­lant. Es muss ja kei­ne Dau­er­ein­rich­tung wer­den, dass ein Kind das Ball­wer­fen kurz vor Jah­res­en­de auf ei­ner ver­schnei­ten Hof­ein­fahrt nach­holt.

„Ein Jahr geht schnell vor­bei“, weiß Man­fred Klo­weitHerr­mann – aus leid­vol­ler Er­fah­rung: Er ha­be ein­mal zwi­schen Weih­nach­ten und Sil­ves­ter noch den Weit­sprung ab­sol­vie­ren müs­sen, be­rich­tet er. Es war ihm ei­ne Leh­re. In­zwi­schen ge­hört er zu den Sport­lern, die früh im Jahr ih­re Leis­tun­gen bei­sam­men­ha­ben. 25 Me­ter Schwim­men, Me­di­zin­ball­weit­wurf und Seilspringen stan­den die­ses Mal auf dem Pro­gramm – und na­tür­lich 10 000 Me­ter lau­fen. Oh­ne Lau­fen geht es nicht für den selbst er­nann­ten „Ganz­jah­res­land­schafts­ge­sund­heits­und -er­leb­nis­läu­fer“. Nicht ren­nen, son­dern un­ter­wegs sein, lau­tet sei­ne Phi­lo­so­phie.

Lies­ke kann die Lauf­be­geis­te­rung nicht tei­len. Der Sprint, der war in jün­ge­ren Jah­ren noch was für ihn. Aber mit der Langstre­cke konn­te er sich nicht an­freun­den. „Ich hat­te die ers­ten Run­den schon hin­ter mir, he­chel­te über den Platz, und vom Rand rief ei­ner ,schnel­ler‘ . Da ha­be ich so­fort auf­ge­hört“, er­in­nert er sich an ein ein­schnei­den­des Er­leb­nis. Aus­dau­er und Schnel­lig­keit be­weist er lie­ber auf dem Fahr­rad. 63 Mi­nu­ten Zeit hat er für 20 Ki­lo­me­ter, um Sil­ber zu be­kom­men. Im 200-Me­ter-Rad­sprint brin­gen 21,5 Se­kun­den Gold. „Von al­lei­ne kommt da nichts. Man muss ganz schön stram­peln“, sagt Lies­ke, der die Wer­te aus dem Eff­eff pa­rat hat.

Über­haupt macht sich das Sport­ab­zei­chen nicht mal eben ne­ben­bei. Wer meint, die Leis­tun­gen oh­ne Trai­ning im Hau­ruck­ver­fah­ren ab­le­gen zu kön­nen, kann schnell an sei­ne Gren­zen ge­lan­gen, sind sich Klo­weit-Herr­mann und Lies­ke ei­nig. Zehn bis 15 Ter­mi­ne brau­che er, bis er al­le An­for­de­run­gen er­füllt hat, sagt Lies­ke. Hin­zu kommt al­le fünf Jahre ein Be­such im Schwimm­bad: Seit der Sport­ab­zei­chen­re­form im Jahr 2013 sind die Schwimm­dis­zi­pli­nen im Leis­tungs­ka­ta­log

nicht mehr als ei­ge­ne Grup­pe ver­pflich­tend. Auf die Schwimm­fer­tig­keit wird trotz­dem Wert ge­legt. Er­wach­se­ne müs­sen al­le fünf Jahre „nach­wei­sen, dass man nicht un­ter­geht“, wie Lies­ke es hu­mor­voll aus­drückt.

Als er 1956 sein ers­tes Ab­zei­chen ab­leg­te, ge­hör­te Schwim­men noch zum Pflicht­pro­gramm. 300 Me­ter leg­te Lies­ke in 8:12 Mi­nu­ten zu­rück. So ist es im Ur­kun­den­heft fest­ge­hal­ten. „Für ei­nen Schwim­mer ist das ei­ne lä­cher­li­che Zeit“, sagt der 79Jäh­ri­ge heu­te. Aber dar­auf kommt es ja gar nicht an. „Das Sport­ab­zei­chen ist der bes­te Ge­sund­heits­test, den es auf der Welt gibt“, sagt Man­fred Klo­weit-Herr­mann. „Je­der kann den Sport ma­chen, der ihm liegt, und die An­for­de­run­gen sind ab­so­lut ver­nünf­tig“, fin­det der 77-Jäh­ri­ge. „Das un­ter­schrei­ben wir al­le“, stimmt Lies­ke zu.

Dann holt er noch mal mit dem Me­di­zin­ball aus. Ein paar Schrit­te An­lauf, der Ober­kör­per dreht wie­der ein, die Ar­me stre­cken sich, die Au­gen wer­den groß, Ab­wurf, Flug – aber die 8,90 Me­ter sind un­er­reich­bar. „Der Ball wird von Wurf zu Wurf grö­ßer“, ist Lies­ke zum Scher­zen auf­ge­legt. Sein Soll hat er er­füllt, „und letz­ten En­des geht es ja um nichts“, sagt der 79-Jäh­ri­ge. Nur um den Spaß am Sport. Den hat Lies­ke auch bei sei­nem 61. Sport­ab­zei­chen noch nicht ver­lo­ren.

Auf bes­tem We­ge zum Sport­ab­zei­chen: Man­fred Klo­weit-Herr­mann (Bild links) und Rolf Lies­ke (Bild rechts). Die Leis­tun­gen nimmt in Melle Ko­or­di­na­to­rin Ute Pe­per­korn (Bild oben, rechts) mit ih­rem Team ab. Lies­ke hat all sei­ne sport­li­chen Nach­wei­se auf­ge­ho­ben (Bild Mit­te): 1956 gab es noch ein gan­zes Heft, 2016 die ein­fa­che Ur­kun­de für die 60. Wie­der­ho­lung.

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