Agen­ten­thril­ler mit­ten in Berlin

Der bi­zar­re Fall TXT sorgt für Krach zwi­schen Deutsch­land und Viet­nam

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

Die mut­maß­li­che Ent­füh­rung ei­nes Ge­schäfts­manns durch den viet­na­me­si­schen Ge­heim­dienst in Berlin be­las­tet die Be­zie­hun­gen er­heb­lich. Vie­les ist noch un­klar. In Viet­nam ge­hen die Be­hör­den seit ein paar Wo­chen hart ge­gen Re­gie­rungs­kri­ti­ker vor.

Von An­ne-Béatri­ce Clas­mann und Chris­toph Sa­tor

HANOI/BERLIN. Auf dem Fo­to, das man nun von ihm kennt, sitzt Tr­inh Xuan Th­anh ziem­lich ent­spannt auf ei­ner Ber­li­ner Park­bank. Heu­te, so viel weiß man, geht es dem 51-jäh­ri­gen Ge­schäfts­mann aus Viet­nam sehr viel schlech­ter. Nach sei­ner mut­maß­li­chen Ver­schlep­pung aus Deutsch­land ist er nun in ei­nem La­ger in Hanoi in­haf­tiert, der Haupt­stadt sei­ner al­ten Hei­mat. Ges­tern wur­de er im staat­li­chen Fern­se­hen ge­zeigt – an­geb­lich ein Be­weis, dass er frei­wil­lig zu­rück­ge­kehrt ist.

Der Fall Tr­inh Xuan Th­anh (kurz: TXT) be­las­tet die Be­zie­hun­gen zwi­schen Deutsch­land und Viet­nam in­zwi­schen er­heb­lich. Nach­dem es über vie­le St­un­den hin­weg auf die deut­sche Dro­hung mit „mas­si­ven ne­ga­ti­ven“Fol­gen kei­ne of­fi­zi­el­le Re­ak­ti­on ge­ge­ben hat­te, ist die Re­gie­rung des kom­mu­nis­ti­schen Ein­par­tei­en­staats nun be­müht, die Wo­gen zu glät­ten. Die Spre­che­rin des Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums, Le Thi Thu Hang, be­ton­te: „Viet­nam legt im­mer gro­ßen Wert auf die stra­te­gi­sche Part­ner­schaft mit Deutsch­land.“

Zugleich äu­ßer­te sie „gro­ßes Be­dau­ern“über die deut­sche Ent­schei­dung, den obers­ten Statt­hal­ter des viet­na­me­si­schen Ge­heim­diens­tes in Berlin aus­zu­wei­sen. Die Bun­des­re­gie­rung hat­te den Di­plo­ma­ten am Mitt­woch zur „un­er­wünsch­ten Per­son“er­klärt und ihm 48 St­un­den Zeit ge­ge­ben, Deutsch­land zu ver­las­sen. Ob der Mann der Auf­for­de­rung schon Fol­ge ge­leis­tet hat, war bis ges­tern Abend nicht be­kannt. Al­ler­dings ist nicht zu er­war­ten, dass er sich da­ge­gen sträubt. Wenn die Frist um ist, hat er kei­ne di­plo­ma­ti­sche Im­mu­ni­tät und kei­ne Pri­vi­le­gi­en mehr.

Auf die deut­sche For­de­rung, den Ge­schäfts­mann zu­rück­rei­sen zu las­sen, ging die Re­gie­rung in Hanoi nicht ein. Im Ge­gen­teil: Im Staats­fern­se­hen wur­de „TXT“ge­zeigt, wie er in die Ka­me­ras be­haup­te­te, dass er sich selbst ge­stellt ha­be. „Ich bin zu­rück, um der Wahr­heit ins Au­ge zu se­hen. Und ich will ho­he Füh­rer tref­fen, um mich zu ent­schul­di­gen.

Mei­ne Fa­mi­lie hat mich er­mu­tigt, zu­rück­zu­kom­men und mich zu stel­len.“

An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass ihm in Viet­nam nun die To­des­stra­fe droht, wä­re das über­ra­schend. Sei­ne deut­sche An­wäl­tin Pe­tra Isa­bel Schla­gen­hauf sagt da­zu: „Mein Man­dant hät­te sich un­ter kei­nen Um­stän­den frei­wil­lig in die Hän­de viet­na­me­si­scher Be­hör­den be­ge­ben. Ihm war be­wusst, dass er in Viet­nam aus po­li­ti­schen Grün­den kei­ner­lei rechts­staat­li­ches Ver­fah­ren zu er­war­ten hat­te.“

Vie­les liegt in dem Fall noch im Dun­keln. Auf wel­chem Weg und war­um er in sein Hei­mat­land ge­bracht wur­de, ist ge­nau so of­fen wie die Hin­ter­grün­de.

Ist Th­anh tat­säch­lich ein kor­rup­ter Par­tei­funk­tio­när, der sich per­sön­lich be­rei­chert hat? Wird er aus po­li­ti­schen Grün­den ver­folgt? Oder ist es ei­ne Mi­schung aus bei­dem? In Viet­nam sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sehr vie­le Leu­te schnell reich ge­wor­den, auch Funk­tio­nä­re der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei.

Tr­inh Xuan Th­anh wird zur Last ge­legt, als Chef ei­ner Toch­ter­fir­ma des staat­li­chen Öl- und Gas­kon­zerns Pe­troViet­nam für Ver­lus­te von um­ge­rech­net et­wa 125 Mil­lio­nen Eu­ro ver­ant­wort­lich zu sein an­geb­lich ein ty­pi­scher Fall von Kor­rup­ti­on. Die deut­sche An­wäl­tin Schla­gen­hauf sieht ihn hin­ge­gen als „Op­fer ei­nes

Macht­kampfs in­ner­halb der KP“.

In Deutsch­land hat­te er be­reits An­trag auf Asyl ge­stellt. Dar­über ent­schie­den ist noch nicht. Wie auch im­mer die Sa­che aus­geht: Der ehe­ma­li­ge Wirt­schafts­pro­fes­sor Le Dang Do­anh, ein Deutsch­land-Ken­ner und frü­he­rer Be­ra­ter von viet­na­me­si­schen Pre­mier­mi­nis­tern, meint: „Das wird sehr schlech­te Kon­se­quen­zen für die Be­zie­hun­gen zwi­schen bei­den Län­dern ha­ben.“

Un­ab­hän­gig vom ak­tu­el­len Fall lässt sich sa­gen, dass die Be­hör­den in Viet­nam seit ei­ni­gen Wo­chen sehr hart ge­gen Re­gie­rungs­kri­ti­ker vor­ge­hen. An­fangs wur­de dies in­ter­na­tio­nal kaum re­gis­triert. Durch

wirt­schaft­li­che Er­fol­ge hat der 95-Mil­lio­nen-Ein­woh­ner-Staat sein Image kräf­tig auf­ge­bes­sert.

Aber seit En­de Ju­ni ei­ne der pro­mi­nen­tes­ten Po­lit-Blog­ge­rin­nen, Nguy­en Ngoc Nhu Quynh (38), zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt wur­de, ist auch das Aus­land auf­merk­sam ge­wor­den, wie mit Kri­ti­kern um­ge­gan­gen wird. Die Bun­des­re­gie­rung äu­ßer­te sich da­mals scho­ckiert über ein „of­fen­sicht­lich po­li­tisch ge­steu­er­tes Ur­teil“. Im Ju­li folg­ten min­des­tens acht wei­te­re An­kla­gen, Ver­haf­tun­gen und Ver­ur­tei­lun­gen ge­gen Dis­si­den­ten. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal zu­fol­ge sa­ßen dort ver­gan­ge­nes Jahr 91 po­li­ti­sche Dis­si­den­ten in Ge­fäng­nis. Auf­stre­ben­der Staat: mehr zu Viet­nam le­sen Sie auf noz.de/po­li­tik

Fo­to: dpa

In den Fo­kus nimmt ein Ka­me­ra­mann die Bot­schaft von Viet­nam in Berlin. Der viet­na­me­si­sche Ge­heim­dienst hat nach In­for­ma­tio­nen des Aus­wär­ti­gen Am­tes ei­nen ehe­ma­li­gen Par­tei­funk­tio­när mit­ten in Berlin ge­kid­nappt.

Wur­de wahr­schein­lich ver­schleppt: der Viet­na­me­se Tr­inh Xuan Th­anh. Fo­to: dpa

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