Phi­lo­so­phie mit Ka­lau­ern

Re­né Sy­dow be­geis­tert bei „Kul­tur im In­nen­hof“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional -

Von Ma­rie-Lui­se Braun

Licht an – und los geht’ s: In den ers­ten zwei Mi­nu­ten sei­nes Auf­tritts im Haus der Ju­gend gibt Re­né Sy­dow die Rich­tung vor, an die sich der Ka­ba­ret­tist den ge­sam­ten Abend hal­ten wird: bis­sigs­ter Spott, der auf tie­fen Ge­dan­ken fußt und für kur­ze Mo­men­te in den Ka­lau­er ab­drif­ten kann. Und vor al­lem: Tem­po, Tem­po, Tem­po.

„War­nung vor dem Mun­de“ist das Pro­gramm be­ti­telt, das den 37-Jäh­ri­gen erst­mals nach Osnabrück führt. Er denkt und spricht so schnell, dass das Pu­bli­kum an man­chen Stel­len mit sei­ner Re­ak­ti­on hin­ter­her­hinkt. Man­che Po­in­ten müs­sen erst ih­ren Weg in die Köp­fe fin­den, so­dass Ap­plaus und Ge­läch­ter zeit­ver­zö­gert ein­set­zen. An­de­res rutscht an­satz­los ins Zwerch­fell und sorgt dort für klei­ne und grö­ße­re Erd­be­ben.

Er ha­be sich das Wahl­pro­gramm der AfD durch­ge­le­sen, sagt Sy­dow und merkt an: „Man soll­te Frau­ke Pe­try in den Bil­dungs­ur­laub schi­cken. Aber um braun zu wer­den, kann man auch in Sach­sen blei­ben“, schießt er ge­gen die Par­tei, die sich in ih­rer Aus­rich­tung na­tür­lich von der NPD un­ter­schei­de: „Durch das Grün­dungs­da­tum.“

Ta­ges­po­li­ti­sche Er­eig­nis­se reißt Re­né Sy­dow nur kurz an. Ihm geht es um Tie­fe­res – und so lan­det er oft­mals beim Ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen, bei Grund­satz­fra­gen, in der Phi­lo­so­phie des All­tags und bei der Moral. Da­bei nimmt er dem Ge­sag­ten schon al­lein durch sein Tem­po jeg­li­chen An­flug von Schwer­fäl­lig­keit oder Lan­ge­wei­le. Und er lo­ckert das Ge­sag­te da­durch auf, dass er ur­plötz­lich Ka­lau­er oder fla­che Wit­ze ein­baut – für die er sich um­ge­hend ent­schul­digt und den Un­schul­di­gen mimt. Denn mehr­fach schlüpft Sy­dow in Rol­len fin­gier­ter Ge­sprächs­part­ner, die al­le­samt ver­su­chen, ihm Wit­ze für sein Büh­nen­pro­gramm mit auf den Weg zu ge­ben.

Sei­ne Mo­ti­va­ti­on er­läu­tert der Künst­ler, noch be­vor er die Büh­ne be­tritt: „Und dann sitzt der Ka­ba­ret­tist hin­ter der Büh­ne und fragt sich: Was ist denn heu­te al­les so pas­siert?“Er nennt den Die­selgip­fel und an­de­re Bei­spie­le, um dann fort­zu­fah­ren: „Un­ter­des­sen wur­den heu­te drei Tier­ar­ten aus­ge­rot­tet, 70000 Hekt­ar Re­gen­wald wur­den ver­nich­tet, und 100 000 Men­schen sind ver­hun­gert. Und dann denkt er sich, das kann man ja nicht so ste­hen las­sen. Da muss man ja ir­gend­was sa­gen, ir­gend­was tun.“

Got­tes­furcht hei­ße es, und Hei­den­spaß er­wähnt der be­ken­nen­de Agnos­ti­ker kurz vor dem En­de des kurz­wei­li­gen Abends bei „Kul­tur im In­nen­hof“. Des­halb ha­be er sich für Letz­te­res ent­schie­den, sagt Re­né Sy­dow und: „Ich hab’ s gern lus­tig.“

Fo­to: Pen­ter­mann

Bis­sig: Ka­ba­ret­tist Re­né Sy­dow.

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