Eher So­zi­al­ar­bei­ter als Seel­sor­ger

Wie sich das Bild von Pfar­rern in Fil­men und Se­ri­en ge­wan­delt hat

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - Von Til­mann P. Gang­loff Man­fred Tie­mann: „Le­ben nach Lu­ther. Das pro­tes­tan­ti­sche Pfarr­haus im po­pu­lä­ren Film und TV“. Sprin­ger VS, Wies­ba­den. 291 Sei­ten mehr auf noz.de/me­di­en

Seit 30 Jah­ren ge­hö­ren Pfar­re­rin­nen und Pfar­rer zum fes­ten En­sem­ble von Fern­seh­fil­men und Se­ri­en. Ihr Bild hat sich stark ver­än­dert.

Al­les be­gann mit „Oh Gott, Herr Pfar­rer“: Die ARD-Se­rie von Fe­lix Hu­by, die Ro­bert Atz­orn 1988 schlag­ar­tig zum Fern­seh­star mach­te, war ein ech­ter Über­ra­schungs­er­folg. Ob­wohl sie nur 13 Fol­gen lang war, hat sich der Klas­si­ker im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis als Pro­to­typ der deut­schen Pries­terse­rie ver­an­kert. Na­tür­lich gab es auch schon vor­her TV-Pro­duk­tio­nen, in de­nen Pries­ter ei­ne zen­tra­le Rol­le spiel­ten, wie der pro­tes­tan­ti­sche Theo­lo­ge Man­fred Tie­mann in sei­nem Buch über Pfar­rer­fi­gu­ren in Film und Fern­se­hen ver­merkt, aber der Er­folg der Ge­schich­ten über den pro­tes­tan­ti­schen Stutt­gar­ter Vo­r­ort­pas­tor war ei­ne Art Tür­öff­ner. Seit­her ge­hö­ren Pro­duk­tio­nen mit kle­ri­ka­len Prot­ago­nis­ten zum fes­ten Re­per­toire des Fern­se­hens.

Bei den Se­ri­en reicht die Lis­te von „Mit Leib und See­le“über „Pfar­re­rin Lenau“bis zu „Um Him­mels Wil­len“und „Her­zens­bre­cher – Va­ter von vier Söh­nen“. Die po­pu­lärs­ten Film­rei­hen sind „Pfar­rer Braun“mit Ot­fried Fi­scher als kri­mi­na­li­sie­ren­dem Pries­ter, „Le­na Fauch“mit Ve­ro­ni­ca Fer­res als Po­li­zei­se­el­sor­ge­rin so­wie „Der Ha­fen­pas­tor“mit Jan Fed­der als Pfar­rer in St. Pau­li. Dar­über hin­aus gab es in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten ei­ne Viel­zahl von Dra­men, Kri­mis und Ko­mö­di­en, die vor al­lem eins zeig­ten: Ähn­lich wie die Kom­mis­sa­re sind Pries­ter und Pfar­re­rin­nen im­mer im Di­enst.

Tie­mann führt zwar weit über hun­dert Bei­spie­le aus der Ki­no- und Fern­seh­ge­schich­te an, doch ei­ne ganz ent­schei­den­de Ant­wort bleibt sein Buch schul­dig: War­um er­freu­en sich die Kir­chen­leu­te ei­ner der­ar­ti­gen Be­liebt­heit, ob­wohl doch die Ge­sell­schaft im­mer sä­ku­la­rer wird? Für Tho­mas Dör­ken-Kuch­arz, Chef vom Di­enst der evan­ge­li­schen Rund­funk­ar­beit und ARDBe­auf­trag­ter der evan­ge­li­schen Kir­che, sind Pfar­rer als Fern­seh­fi­gu­ren schon des­halb in­ter­es­sant, „weil sie an­ders sind. Sie be­haup­ten ei­nen Ge­gen­ent­wurf zur vor­han­de­nen Welt und sind doch ganz nor­ma­le Men­schen.“Au­ßer­dem bräch­ten sie „per se ei­ne Span­nung mit, die Fil­me oder Se­ri­en frucht­bar ma­chen kön­nen: Sie pre­di­gen Ethik, aber hal­ten sie sich selbst dar­an?“

Ute Stenert, Rund­funk­be­auf­trag­te der Deut­schen Bi­schofs­kon­fe­renz, sieht den Reiz der kle­ri­ka­len Film­fi­gu­ren eher im emo­tio­na­len Be­reich. „Se­ri­en und Fern­seh­fil­me trans­por­tie­ren star­ke Ge­fühls­mo­men­te“, und in die­ser Hin­sicht hät­ten die ent­spre­chen­den Ge­schich­ten ei­ne Men­ge zu bie­ten.

Mit ei­ner an­de­ren Ent­wick­lung be­fasst sich Tie­mann in­ten­siv: Der deut­sche Fil­mP­ries­ter hat sich seit sei­nem ers­ten Auf­tritt in dem Stumm­film „Des Pfar­rers Töch­ter­lein“(1913) deut­lich ge­wan­delt: Aus den mit „Hoch­wür­den“an­ge­spro­che­nen Amts­per­so­nen frü­he­rer Jah­re sind nor­ma­le Men­schen ge­wor­den. Die Pries­ter sind hu­mor­voll, kom­men oh­ne den Macht­sta­tus der Amts­kir­che aus und set­zen sich für Min­der­hei­ten ein. Mit sol­chen Prot­ago­nis­ten kön­nen sich auch nicht-gläu­bi­ge Zu­schau­er iden­ti­fi­zie­ren.

Der The­men­ka­non hat sich gleich­falls ge­wan­delt. Da sich im pro­tes­tan­ti­schen Pfarr­haus oft auch ei­ne Kin­der­schar tum­melt, sind die theo­lo­gi­schen Dis­kur­se welt­li­chen Aspek­ten wie Er­zie­hungs­fra­gen oder Ehe­kri­sen ge­wi­chen. Bei den Neun­zig­mi­nü­tern ist die Aus­rich­tung der Ge­schich­ten so­wie die Gestal­tung der Cha­rak­te­re oft auch ei­ne Fra­ge des Sen­de­plat­zes. Die Fil­me „Die Ver­su­chung“(ARD 2004) und „Der No­vem­ber­mann“(ARD 2007) han­deln von Un­treue, in dem Kri­mi „Das dunk­le Nest“(ZDF 2011) steht ein Pas­tor (Chris­ti­an Ber­kel) im Ver­dacht, ein Mäd­chen er­mor­det zu ha­ben, und in dem Dra­ma „Am Kreuz­weg“(ARD 2011) hat ein ka­tho­li­scher Pries­ter (Ha­rald Krass­nit­zer) zwei Kin­der.

Die Pro­duk­tio­nen der ARD-Toch­ter De­ge­to für die Film­plät­ze am Don­ners­tag und am Frei­tag die­nen grund­sätz­lich in ers­ter Li­nie der Un­ter­hal­tung. Die Kon­flik­te sind trotz­dem oft exis­ten­zi­el­ler Na­tur. Meist sind die Pries­ter der Rei­hen und Se­ri­en mitt­ler­wei­le mehr So­zi­al­ar­bei­ter als Seel­sor­ger. Wie stark sich die theo­lo­gi­sche Kom­pe­tenz der Fern­seh­pfar­rer im Lauf der Jah­re zur So­zi­al­kom­pe­tenz ge­wan­delt hat, be­legt Tie­mann an­hand ver­schie­de­ner Pre­dig­ten: Die The­men Kir­che, Re­li­gi­on und Glau­bens­grund­sät­ze wür­den mitt­ler­wei­le „auf blo­ße All­tags­phi­lo­so­phie re­du­ziert“. Ak­tu­el­le Se­ri­en:

Er­folg­rei­che Fern­seh­fi­gu­ren: Ro­bert Atz­orn als pro­tes­tan­ti­scher Stutt­gar­ter Vo­r­ort­pas­tor in „Oh Gott, Herr Pfar­rer“(Bild links), Ot­fried Fi­scher als „Pfar­rer Braun“und Ja­ni­na Hart­wig als Schwes­ter Han­na in „Um Him­mels Wil­len“. Fo­tos: dpa; ARD/Bar­ba­ra Bau­riedl; ARD De­ge­to/Chris­ta Kö­fer

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