SPD at­ta­ckiert „schmut­zi­ges Spiel“

Em­pö­rung we­gen Über­läu­fe­rin in Nie­der­sach­sen – Gab es Zu­sa­gen der Lan­des-CDU?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Regierungskrise In Niedersachsen -

Be­trof­fen­heit und Em­pö­rung in der Bun­des-SPD, nach­dem ei­ne Über­läu­fe­rin, die von den Grü­nen zur CDU wech­sel­te, Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) um die Mehr­heit brach­te. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten schlie­ßen ei­nen ge­ziel­ten Coup der Uni­on of­fen­bar nicht aus.

Von Bea­te Ten­fel­de

BER­LIN. „Was in Nie­der­sach­sen pas­siert ist, ist ein Ver­rat am Wäh­ler­wil­len“, schäum­te SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Hu­ber­tus Heil ges­tern Nach­mit­tag in Ber­lin. Die Mo­ti­ve der Grü­nen El­ke Twes­ten, die ihr Man­dat zur CDU-Frak­ti­on mit­nahm, sei­en „ver­letz­te Ei­tel­keit und per­sön­li­cher Frust“, weil die Grü­nen sie nicht mehr für den Land­tag auf­ge­stellt hät­ten. Gab es Lock­an­ge­bo­te durch die CDU? Auf­merk­sa­me Be­ob­ach­ter la­sen sol­che Mut­ma­ßun­gen aus Heils Kri­tik her­aus.

Die­ser nann­te es „ skan­da­lös“, dass die CDU „die­ses un­wür­di­ge und schmut­zi­ge Spiel mit­macht und ver­sucht, dar­aus Ka­pi­tal zu schla­gen“. Der Ge­ne­ral­se­kre­tär mit Wahl­kreis Pei­ne zeig­te sich kamp­fes­lus­tig: „In den nächs­ten Ta­gen wird sich zei­gen, seit wann und in wel­cher Wei­se die CDU und die­se Ab­ge­ord­ne­te im Ge­spräch stan­den.“Heil be­schei­nig­te Weil, „in die­ser La­ge schnell, sou­ve­rän und rich­tig ent­schie­den zu ha­ben, um Scha­den von der De­mo­kra­tie und vom Land Nie­der­sach­sen ab­zu­wen­den“. Neu­wah­len zum Nie­der­säch­si­schen Land­tag sei­en „der sau­bers­te Weg“. Weil ha­be die vol­le Un­ter­stüt­zung der Bun­des-SPD.

Auch der aus Göttingen stam­men­de Vor­sit­zen­de der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, Tho­mas Op­per­mann, nann­te die An­kün­di­gung von Neu­wah­len durch Weil den „ein­zig rich­ti­gen Schritt“. Nie­der­sach­sen brau­che schnell Klar­heit, wie es wei­ter­geht. Vor vier Jah­ren sei Weil zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ge­wählt wor­den. „Nun ver­fälscht das per­sön­li­che Kar­rie­re­den­ken ei­ner künf­ti­gen CDU-Ab­ge­ord­ne­ten das Wah­l­er­geb­nis“, kri­ti­sier­te Op­per­mann. Auch er for­der­te, die Hin­ter­grün­de „die­ses un­de­mo­kra­ti­schen Ma­nö­vers“zu klä­ren. „Ich will wis­sen, ob da mehr ge­we­sen ist oder es wei­ter­ge­hen­de Zu­sa­gen der CDU Nie­der­sach­sen ge­ge­ben hat.“

Ein Don­ner­schlag

Was aber be­deu­tet die­ser Don­ner­schlag aus Han­no­ver für die SPD im Bund? Wie wirkt sich das auf den Wahl­kampf aus, wenn am 24. Sep­tem­ber so­wohl ein neu­er Bun­des­tag als auch ein neu­er Land­tag in Han­no­ver ge­wählt wür­de? Bo­ris Pis­to­ri­us, Nie­der­sach­sens In­nen­mi­nis­ter und für das The­ma in­ne­re Si­cher­heit zu­stän­dig im Bun­des­tags­wahl­kampf, er­klärt: „Für mich hat sich nichts ge­än­dert. Ich hel­fe mit im Bund, wo ich kann. Aber Vor­rang hat für mich das Land.“

Die Stim­mung in der SPD scheint ge­spal­ten zu sein. Die ei­nen sa­gen „Jetzt erst recht“, an­de­re sind be­un­ru­higt. Nach drei für die SPD ver­lo­re­nen Land­tags­wah­len im Saar­land, in Schles­wig-Hol­stein und in Nord­rhein-West­fa­len und der Neu­wahl in Nie­der­sach­sen mit un­ge­wis­sem Aus­gang wird die von SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz an­ge­kün­dig­te Trend­wen­de al­ler­dings äu­ßerst schwie­rig. „Zeit, dass sich was dreht“– mit die­sem An­spruch trat Schulz am 29. Ja­nu­ar an, um Kanz­le­rin An­gel Mer­kel (CDU) ab­zu­lö­sen. Doch sei­nem Um­fra­ge-Hö­hen­flug folg­te schnell der Rück­gang auf die ge­wohn­ten SPD-Wer­te um die 25 Pro­zent.

„Je­der spürt es, es geht ein Ruck durch die SPD, es geht ein Ruck durch das gan­ze Land“, hat­te der frü­he­re EUPar­la­ments­prä­si­dent den über 500 Zu­hö­rern zu­ge­ru­fen, die im Wil­ly-Brand­tHaus sei­ne ers­te gro­ße Re­de im­mer wie­der klat­schend un­ter­bra­chen. Auch Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Weil war da­mals be­ein­druckt: „Schulz hat die Her­zen er­reicht.“Jetzt muss er selbst in ei­ner Art Kalt­start in den Wahl­kampf hin­ein­sprin­gen.

CDU tri­um­phiert

Die Bun­des-CDU da­ge­gen tri­um­phiert. Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber sieht nach dem über­ra­schen­den En­de der rot-grü­nen Mehr­heit in Nie­der­sach­sen ein ge­ne­rel­les Si­gnal ge­gen Ko­ali­tio­nen von SPD und Grü­nen. „Das zeigt ein­mal mehr: Ro­tG­rün kann ein­fach nicht ver­läss­lich re­gie­ren“, sag­te CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND).

Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) sag­te der „Welt“, der Schritt von Twes­ten sei ei­ne Be­stä­ti­gung für die Uni­on über Nie­der­sach­sen hin­aus. „Das zeigt, dass der ver­läss­li­che gera­de Kurs der Uni­on auch über Par­tei­gren­zen hin­weg über­zeugt“, sag­te von der Ley­en, die selbst der nie­der­säch­si­schen CDU an­ge­hört.

Grü­nen-Po­li­ti­ker Jür­gen Trit­tin da­ge­gen griff die Über­läu­fe­rin scharf an, der CDU warf er ei­nen „Stim­men­kauf “vor. „El­ke Twes­ten hat mit den Stim­men der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger für die Grü­nen Schind­lu­der ge­trie­ben“, sag­te der nie­der­säch­si­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te. Das sei „mensch­lich und po­li­tisch ent­täu­schend“und ver­fäl­sche den Wäh­ler­wil­len. Die Uni­on ha­be „mit dem In­stru­ment des Stim­men­kaufs die­ses Ver­hal­ten ge­för­dert, ge­stützt und be­güns­tigt“.

Ka­ri­ka­tur: Klaus Stutt­mann

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