Die In­tri­gen von Han­no­ver

Knap­pe Mehr­hei­ten und Über­läu­fer schon in Al­brecht-Ära

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Regierungskrise In Niedersachsen -

Wenn Ab­ge­ord­ne­te ih­rer Par­tei den Rü­cken keh­ren, ge­ra­ten knap­pe Mehr­hei­ten schon mal in Ge­fahr. Drei Bei­spie­le aus Bund und Län­dern:

Bund 1972: Die von der so­zi­al­li­be­ra­len Bun­des­re­gie­rung un­ter Wil­ly Brandt (SPD) ein­ge­lei­te­te Ost­po­li­tik führt zu Dif­fe­ren­zen in der Ko­ali­ti­on. Ins­ge­samt sechs SPD- und FDP-Ab­ge­ord­ne­te tre­ten in die CDU ein, im Bun­des­tag kommt es zu ei­nem Patt: SPD/FDP und CDU/CSU ha­ben je­weils 248 Man­da­te. Als ers­ter Kanz­ler stellt Brandt im Sep­tem­ber dar­auf­hin die Ver­trau­ens­fra­ge und ver­liert, der Bun­des­tag wird vor­zei­tig auf­ge­löst. Bei der Neu­wahl er­rin­gen SPD und FDP wie­der ei­ne Mehr­heit.

Nie­der­sach­sen 1989: Der Frak­ti­ons­aus­tritt des CDUAb­ge­ord­ne­ten Kurt Va­jen kos­tet die CDU/FDP-Ko­ali­ti­on un­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent Ernst Al­brecht ih­re Ein­Stim­men-Mehr­heit im Land­tag. Die Patt-Si­tua­ti­on (CDU/FDP 77 Man­da­te, SPD/Grü­ne 77) löst sich aber

schon bald wie­der auf: Auch der kurz zu­vor nach­ge­rück­te SPD-Ab­ge­ord­ne­te Os­wald Hoch ver­ließ sei­ne Frak­ti­on, und Al­brecht hat­te wie­der die Mehr­heit.

Auf­se­hen hat­te schon am 15. Ja­nu­ar 1976 die Wahl Al­brechts zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten er­regt. Der CDU-Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker trat ge­gen den SPD-Kan­di­da­ten Hel­mut Ka­si­mier an, der als ge­setzt galt. Al­brecht ge­lang es aber, Stim­men aus der so­zi­al­li­be­ra­len Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on zu er­rin­gen und so über­ra­schend zum Nach­fol­ger des aus Al­ters­grün­den zu­rück­ge­tre­te­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Al­fred Ku­bel ge­wählt wor­den.

Die Land­tags­wahl hat­te zu­vor ein knap­pes Er­geb­nis ge­bracht: SPD und FDP ver­füg­ten über 78 Stim­men und hat­ten sich auf ei­ne Ko­ali­ti­on ver­stän­digt, die CDU hat­te 77 Man­da­te er­run­gen.

Doch Ka­si­mier er­hielt in den ge­hei­men Ab­stim­mun­gen nur 75 Stim­men und da­mit kei­ne Mehr­heit. Lei­chen­blass saß er auf der Ab­ge­ord­ne­ten­bank., wie aus den Pres­se­be­rich­ten von da­mals her­vor­geht. Al­brecht er­hielt 78 Stim­men – drei Po­li­ti­ker aus dem so­zi­al­li­be­ra­len La­ger ver­sag­ten Ka­si­mier die Stim­me. Bis heu­te weiß nie­mand, wer die drei wa­ren. Als Grund für die Ab­weich­ler galt die da­ma­li­ge Kreis­re­form, die meh­re­ren Ab­ge­ord­ne­ten nicht pass­te. Al­brecht blieb bis 1990 im Amt.

Ham­burg 1993: Ein für die Neu­wahl der Bür­ger­schaft im Sep­tem­ber nicht wie­der auf­ge­stell­ter Ab­ge­ord­ne­ter tritt aus der SPD aus. Da­mit hat die SPD-Al­lein­re­gie­rung un­ter Bür­ger­meis­ter Hen­ning Vo­scher­au ge­gen En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode nur noch 60 der 121 Sit­ze. Nach der Wahl bil­den SPD und die Wäh­ler­ver­ei­ni­gung Stat­tPar­tei im De­zem­ber ei­nen Mehr­heits­se­nat mit Vo­scher­au an der Spit­ze.

Fo­to: nord­pho­to

Ernst Al­brecht

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