Wie Frau Twes­ten die Ko­ali­ti­on zer­stört

Ei­ne Ab­ge­ord­ne­te zer­legt im Al­lein­gang die rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Regierungskrise In Niedersachsen -

Seit 2013 re­gier­ten SPD und Grü­ne trotz knap­per Mehr­heit har­mo­nisch und kri­sen­arm Nie­der­sach­sen. Bis Frei­tag. Da bringt ei­ne ein­zel­ne Ab­ge­ord­ne­te die Lan­des­re­gie­rung über­ra­schend zu Fall.

Von Klaus Wie­sche­mey­er

Am An­fang stand Sprach­lo­sig­keit. Mit ei­nem Schrei­ben an die Grü­nen-Ge­schäfts­stel­le Nie­der­sach­sens er­klärt El­ke Twes­ten, seit 20 Jah­ren Par­tei­mit­glied und seit 2008 für die Grü­nen in Ro­ten­burg/Wüm­me im Land­tag, am Frei­tag­mor­gen ih­ren Aus­tritt aus Par­tei und Frak­ti­on. Es gab kein per­sön­li­ches Ge­spräch, klagt Frak­ti­ons­che­fin An­ja Piel.

Die hat­te Twes­ten längst ge­habt, aber eben mit an­de­ren: Ei­ne Wo­che zu­vor mit dem CDU-Lan­des­vor­sit­zen­den Bernd Al­t­hus­mann, am Mon­tag drauf dann stun­den­lang mit Frak­ti­ons­chef Björn Thüm­ler, mit dem sie schon seit Mo­na­ten in Kon­takt ist. Da­nach war für die 54-Jäh­ri­ge klar: „Ich se­he mei­ne po­li­ti­sche Zu­kunft in der CDU.“Dort­hin will Twes­ten wech­seln.

Und sie bringt als Gast­ge­schenk ein ge­wich­ti­ges po­li­ti­sches Pfund mit. Ihr Land­tags­man­dat. Es ist die ei­ne Stim­me Mehr­heit, auf die sich die rot-grü­ne Re­gie­rung von Ste­phan Weil seit 2013 stützt. Bis­her hat die­se äu­ßerst knap­pe Mehr­heit von 69:68 Stim­men er­staun­lich sta­bil ge­hal­ten. Nun ist sie plötz­lich weg. Und in der Re­gie­rung hat es kei­ner kom­men se­hen.

Bun­des­wei­tes Fa­nal

Twes­tens Über­tritt än­dert al­les: Im Land­tag hat die Op­po­si­ti­on die Mehr­heit. CDU und FDP kön­nen die mehr als 40 of­fe­nen Ge­set­zes­vor­ha­ben der Re­gie­rung schei­tern las­sen. Sie könn­ten theo­re­tisch so­gar Mi­nis­ter­prä­si­dent Weil ab­set­zen und bis zu den re­gu­lä­ren Neu­wah­len im Ja­nu­ar selbst re­gie­ren.

Es ist ein bun­des­wei­tes Fa­nal: Nie­der­sach­sen ist nach der Nie­der­la­ge in Nord­rhein-West­fa­len das größ­te ver­blie­be­ne SPD-re­gier­te Bun­des­land. Das Lan­des­ka­bi­nett von Ste­phan Weil galt als Bank in der Bun­des­po­li­tik. Et­was lang­wei­lig vi­el­leicht, aber doch ein Bei­spiel, dass Rot-Grün noch geht in Deutsch­land.

Nun ist al­les an­ders. Und das liegt nicht an den gro­ßen Li­ni­en der Lan­des­po­li­tik, son­dern an ei­ner ein­zi­gen Frau. Am Frei­tag­mor­gen steht Twes­ten auf­ge­wühlt im Frak­ti­ons­saal der CDU und be­rich­tet von der jah­re­lan­gen Ent­frem­dung zwi­schen ihr und den Grü­nen. Be­reits seit 2014 ha­be sie ge­zwei­felt, nun aber se­he sie kei­ne Zu­kunft mehr für sich.

Im Früh­jahr hat­te sie ih­ren Platz als Di­rekt­kan­di­da­tin in Ro­ten­burg/Wüm­me mit 10:17 Stim­men an die 62-jäh­ri­ge Bir­git Brenne­cke ver­lo­ren. Brenne­cke ge­hört zum lin­ken Flü­gel der Par­tei. Die Ge­würz­händ­le­rin ist glü­hen­de Fracking-Geg­ne­rin und kann flam­men­de Re­den dar­über hal­ten, dass die Grü­nen zu an­ge­passt ge­wor­den sind. Twes­ten hin­ge­gen spricht ger­ne von wirt­schafts­freund­li­cher Po­li­tik und wirbt für ei­ne schwarz-grü­ne Ko­ali­ti­on im Land. Da­mit ge­hört sie bei Nie­der­sach­sens Grü­nen zu ei­ner Min­der­heit. Mit der Nie­der­la­ge im ei­ge­nen Kreis­ver­band la­gen Twes­tens Wahl­chan­cen beim Lan­des­lis­ten­par­tei­tag der Grü­nen Mit­te Au­gust gleich null.

„Nur ego­is­ti­sche Mo­ti­ve“

Die Grü­nen sind ent­setzt, zu­mal Twes­ten ihr über die grü­ne Lan­des­lis­te er­run­ge­nes Man­dat be­hält. Lan­des­che­fin Me­ta Jans­sen-Kucz spricht von „man­geln­dem De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis“, Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­rer Hel­ge Lim­burg von „aus­schließ­lich ego­is­ti­schen, per­sön­li­chen Mo­ti­ven“.

Doch es hilft nichts: Re­gie­rung und Land­tag sind pa­ra­ly­siert. Die ers­te Re­gie­rung Weil ist bald Ge­schich­te. Es gibt da­für zwei We­ge: Der Land­tag kann dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten das Ver­trau­en ent­zie­hen. Oder er löst sich auf und macht so Platz für Neu­wah­len. Es wird wohl das Zwei­te: Am Frei­tag­nach­mit­tag stellt sich ein sicht­lich an­ge­fass­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent vor der Staats­kanz­lei in Han­no­ver vor die Pres­se. Er emp­feh­le dem Land­tag die Selbst­auf­lö­sung, sagt er.

Ei­nen Rück­tritt schließt Weil aus. „Ich stel­le mich je­der­zeit sehr ger­ne dem Wäh­ler­wil­len, aber ich wer­de ei­ner In­tri­ge nicht wei­chen“, sagt er. Die Wäh­ler sei­en die Ein­zi­gen, die über Mehr­hei­ten be­stim­men dürf­ten. Wenn die CDU den Twes­tenÜber­tritt nut­ze, um an die Macht zu kom­men, „be­tei­ligt sie sich ak­tiv an der Miss­ach­tung des Wäh­ler­wil­lens“, warnt der Mi­nis­ter­prä­si­dent.

Für die Ab­gän­ge­rin fin­det der sonst so jo­via­le Weil an die­sem Tag kein gu­tes Wort: „Wenn ei­ne Ab­ge­ord­ne­te des Nie­der­säch­si­schen Land­tags aus aus­schließ­lich ei­gen­nüt­zi­gen Grün­den die Frak­ti­on wech­selt und da­mit die von den Wäh­lern ge­woll­te Mehr­heit ver­än­dert, hal­te ich das per­sön­lich für un­säg­lich, und ich hal­te das für sehr schäd­lich für die De­mo­kra­tie.“

Es könn­te der Mo­ment des Tri­umphs sein, in dem die CDU ih­re Mus­keln spie­len lässt. Doch Kraft­meie­rei bie­tet die größ­te Op­po­si­ti­ons­par­tei am Frei­tag nicht. Der CDU-Lan­des­vor­sit­zen­de und Spit­zen­kan­di­dat Bernd Al­t­hus­mann warnt so­gar vor Ak­tio­nis­mus: „Wir brau­chen jetzt Ru­he und Be­son­nen­heit, um Nie­der­sach­sen wie­der auf Kurs zu brin­gen“, sagt Al­t­hus­mann in wohl­ge­setz­ten Wor­ten. So­gar Mit­ar­beit im Par­la­ment bie­tet die CDU an: Das von der rot-grü­nen Lan­des­re­gie­rung frisch ver­ab­schie­de­te Hilfs­pa­ket für die Hoch­was­ser­ge­schä­dig­ten wer­de man nicht blo­ckie­ren. „Die Flut­op­fer sol­len nicht un­ter dem Schei­tern der Lan­des­re­gie­rung lei­den müs­sen“, ver­spricht Al­t­hus­mann.

CDU drängt auf Rück­tritt

Die CDU-Frak­ti­on, die Twes­ten am Di­ens­tag in ih­re Rei­hen auf­neh­men will, si­gna­li­siert Un­ter­stüt­zung für ei­ne Selbst­auf­lö­sung des Land­tags. Al­ler­dings fin­det die CDU, dass der Mi­nis­ter­prä­si­dent trotz­dem vor­her ge­hen soll. „Wenn Herr Weil zu­rück­tre­ten wür­de, gin­ge es schnel­ler“, sagt Frak­ti­ons­chef Björn Thüm­ler. „Wir ste­hen aber auch für ei­ne Selbst­auf­lö­sung des Par­la­ments zur Ver­fü­gung.“„Es kann nicht sein, dass Weil oh­ne Mehr­heit mo­na­te­lang kom­mis­sa­risch wei­ter­re­giert“, as­sis­tiert Thüm­lers Vi­ze Rein­hold Hil­bers.

Auch die FDP drängt auf ei­ne schnel­le Lö­sung: „Ei­ne mo­na­te­lan­ge Hän­ge­par­tie kann sich un­ser Bun­des­land nicht er­lau­ben. Wir brau­chen kla­re und sta­bi­le po­li­ti­sche Ver­hält­nis­se“, sagt FDP-Frak­ti­ons­vi­ze Ste­fan Birk­ner.

Wie es ge­nau wei­ter­geht, ist noch of­fen: Am Frei­tag­nach­mit­tag und -abend tref­fen sich die Frak­tio­nen zu ei­lig zu­sam­men­ge­trom­mel­ten Sit­zun­gen, Po­li­ti­ker ei­len von Ge­spräch zu Ge­spräch. Gleich­zei­tig prüft der Land­tag, wann Neu­wah­len mög­lich sind. Vi­el­leicht zur Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber. Wahr­schein­lich wird es aber eher Ok­to­ber.

Es wird viel ge­re­det und ver­han­delt an die­sem Frei­tag­abend im po­li­ti­schen Han­no­ver. An ei­nem his­to­ri­schen Tag, der mit ei­ner Sprach­lo­sig­keit be­gann.

Gro­ßer Schat­ten­wurf: Nie­der­sach­sens CDU-Frak­ti­ons­chef Björn Thüm­ler prä­sen­tiert sei­nen über­ra­schen­den Neu­zu­gang, die bis­he­ri­ge Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te El­ke Twes­ten. Fo­to: dpa

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