„Ar­beit­ge­ber die größ­ten Fi­nan­ciers des So­zi­al­staa­tes“

BDA-Prä­si­dent Kra­mer über Ar­beits­kos­ten, den Die­selskan­dal und Pro­ble­me bei der Ener­gie­wen­de

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wirtschaft - Von Uwe West­dörp Das voll­stän­di­ge In­ter­view le­sen Sie on­li­ne auf noz.de

Wer leis­tet wie viel bei der Fi­nan­zie­rung des So­zi­al­staats? Wie geht es wei­ter nach dem Die­sel-Gip­fel? Und wie steht es um die Ener­gie­wen­de? In­go Kra­mer, Prä­si­dent der Bun­des­ver­ei­ni­gung deut­scher Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de (BDA), rich­tet im In­ter­view kla­re Wor­te an die künf­ti­ge Bun­des­re­gie­rung – aber auch an die Au­to­mo­bil­in­dus­trie.

Herr Kra­mer, die So­zi­al­leis­tun­gen sind 2916 auf 918 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­stie­gen, 2021 dürf­ten es mehr als ei­ne Bil­li­on sein. Ist das ein Hin­weis auf mas­si­ve­so­zia­le Pro­ble­me? Oders ein Be­leg für ei­nen zu teu­ren So­zi­al­staat?

Es ist ein ein­deu­ti­ger Hin­weis auf ei­ne spen­da­ble Po­li­tik in die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode. Müt­ter­ren­te und Ren­te mit 63 – das fin­det man al­les in die­ser Sum­me wie­der. Löh­ne und Be­schäf­ti­gung sind ge­stie­gen, der ge­sam­ten Volks­wirt­schaft geht es gut. Trotz­dem hat­te die Po­li­tik in die­ser Wahl­pe­ri­ode die Spen­dier­ho­sen an, nicht we­gen der Be­dürf­tig­keit der Men­schen, son­dern weil wir es

uns ver­meint­lich leis­ten kön­nen. Es gibt aber ein un­über­seh­ba­res Ri­si­ko: Je­der weiß, der nächs­te Ab­schwung kommt be­stimmt.

Die Ar­beit­ge­ber for­dern, die So­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge nicht über 40 Pro­zent des Brut­to­ar­beits­loh­nes stei­gen zu las­sen. Doch wer kommt für Kos­ten­stei­ge­run­gen et­wa durch den me­di­zi­ni­schen Fort­schritt auf ? Der Steu­er­zah­ler? Oder die Ar­beit­neh­mer? Vor­weg: Die Ar­beit­ge­ber sind be­reits jetzt die größ­ten Fi­nan­ciers des So­zi­al­staa­tes. Sie ha­ben im Jahr 2016 So­zi­al­bei­trä­ge in Hö­he von 330 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­leis­tet. Ihr Fi­nan­zie­rungs­an­teil be­trägt da­mit 34,1 Pro­zent. Die Zu­schüs­se des Staa­tes be­lie­fen sich auf 33,7 Pro­zent, die So­zi­al­bei­trä­ge der Ver­si­cher­ten mach­ten 30,6 Pro­zent aus. Von ei­ner un­ge­rech­ten Ver­tei­lung zu­las­ten der Be­schäf­tig­ten kann al­so kei­ne Re­de sein. Im Üb­ri­gen be­steht seit vie­len Jah­ren ein po­li­ti­scher und ge­sell­schaft­li­cher Kon­sens, die ro­te Li­nie bei 40 Pro­zent zu zie­hen. Im Üb­ri­gen hat es auch in den ver­gan­ge­nen Jah­ren me­di­zi­ni­schen Fort­schritt ge­ge­ben, und wir kom­men mit 40 Pro­zent hin. Wenn die Wirt­schaft wei­ter so gut läuft wie zur­zeit und wenn wir bei den So­zi­al­leis­tun­gen nicht drauf­sat­teln, dann wird das auch in den nächs­ten Jah­ren so sein. Die Li­nie der Ver­nunft bei 40 Pro­zent muss un­be­dingt ein­ge­hal­ten wer­den, denn sonst dreht sich das Aus­ga­ben­ka­rus­sell bald im­mer schnel­ler. Das scha­det am En­de al­len.

Kom­men wir zum Ar­beits­markt. Die Ar­beit­ge­ber be­kla­gen seit Jah­ren ei­nen wach­sen­den Fach­kräf­te­man­gel, spe­zi­ell in den MINT-Be­ru­fen. Wie ist die ak­tu­el­le Ent­wick­lung?

Wir ha­ben ei­nen neu­en Re­kord­wert bei der Fach­kräf­te­lü­cke: Mitt­ler­wei­le feh­len der deut­schen Wirt­schaft drin­gend 257 000 MINTFach­kräf­te. Und das sind nicht al­lein Aka­de­mi­ker, son­dern auch Fach­ar­bei­ter und Meis­ter. Wenn wir hier nicht ge­gen­steu­ern, fehlt es im Her­zen der deut­schen Wirt­schaft an qua­li­fi­zier­ten Fach­kräf­ten und da­mit an In­no­va­ti­on und Know-how.

Auch bei der Ener­gie­wen­de hakt es…

Ja, lei­der. Es wird viel über Elek­tro­mo­bi­li­tät ge­re­det, aber an nö­ti­gen Strom­netz­ka­pa­zi­tä­ten und Tras­sen fehlt es nach wie vor. Wir ha­ben im­mer noch gro­ße Pro­ble­me, neue Strom­lei­tun­gen für die Ver­tei­lung der Wind­ener­gie zu bau­en. Um­welt­schüt­zer ste­hen lei­der im­mer wie­der auf der Brem­se, wenn es um Ener­gie­pro­jek­te geht. Auch des­halb wer­den wir noch län­ge­re Zeit Ver­bren­nungs­mo­to­ren brau­chen, auch den Die­sel. Man darf im Üb­ri­gen nicht ver­ges­sen, dass der Die­sel im Ver­gleich zu Ben­zi­nern deut­lich we­ni­ger kli­ma­schäd­li­ches C02 aus­stößt und en­er­gie­ef­fi­zi­en­ter funk­tio­niert. Ich fra­ge mich zu­dem, wie die Die­sel­mo­to­ren in Lkw er­setzt wer­den sol­len. Ben­zi­ner sind da­für viel zu schwach. Wir dür­fen den Die­sel nicht ver­teu­feln. Er hat reich­lich Po­ten­zi­al, auch bei der Re­du­zie­rung des NOx-Aus­sto­ßes.

Und was ist mit den ma­ni­pu­lier­ten Ab­gas­wer­ten? Der mo­men­ta­ne Ver­trau­ens­ver­lust der deut­schen Au­to­her­stel­ler ist ge­fähr­lich und könn­te schwe­rer wie­gen als der kauf­män­ni­sche Scha­den. Man kann das Ver­trau­en wie­der­her­stel­len, wenn man schnell und kon­se­quent re­agiert, um das Pro­blem zu lö­sen. Ver­trau­en zu­rück­zu­ge­win­nen ist kei­ne Auf­ga­be für den Steu­er­zah­ler, son­dern ur­ei­gens­te Auf­ga­be der In­dus­trie. Der Die­sel­gip­fel war des­halb ein gu­ter Schritt.

Po­li­tik und Wirt­schaft wird in der De­bat­te über den Ma­ni­pu­la­ti­ons­skan­dal ei­ne volks­wirt­schaft­lich und po­li­tisch schäd­li­che Kum­pa­nei vor­ge­wor­fen. Brau­chen wir wie­der mehr Dis­tanz?

Den pau­scha­len Vor­wurf der Kum­pa­nei kann ich nicht nach­voll­zie­hen. Wie will man die Wirt­schaft nach vor­ne brin­gen, Ar­beits­plät­ze schaf­fen und si­chern, wenn man sich über staat­li­che Re­ge­lun­gen und un­ter­neh­me­ri­sche Mög­lich­kei­ten nicht eng ab­stimmt. Wie soll das ge­hen? Die Wirt­schaft braucht Rah­men­be­din­gun­gen, un­ter de­nen sie sich gut ent­wi­ckeln kann. Und um die­se Be­din­gun­gen ab­zu­klä­ren, braucht man in­ten­si­ve Ge­sprä­che. Wirt­schaft, Po­li­tik, Wis­sen­schaft, For­schung und Geld­ge­ber sind in Deutsch­land eng ver­netzt. Auch die Ge­werk­schaf­ten ge­hö­ren da­zu. Und das muss auch so blei­ben. Die­ses Mit­ein­an­der ist ein we­sent­li­cher Fak­tor für den Er­folg der deut­schen Wirt­schaft.

Al­so müs­sen Po­li­tik und Wirt­schaft als Kon­se­quenz aus der Die­sel­kri­se nicht we­ni­ger, son­dern mehr mit­ein­an­der re­den?

Ja na­tür­lich. Je grö­ßer die Schwie­rig­kei­ten sind, die man mit ei­nem an­de­ren hat, des­to mehr muss man mit ihm re­den. Des­halb ist es falsch, wenn Um­welt­ver­bän­de for­dern: Ihr dürft nicht mehr am sel­ben Tisch sit­zen. Das Ge­gen­teil ist rich­tig. Wenn man et­was bes­ser ma­chen will, muss man mit­ein­an­der re­den.

Der Prä­si­dent der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de (BDA), In­go Kra­mer. Fo­to: dpa

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