Als Bolt der Zeit da­von­lief

In Ber­lin hielt die Welt des Sports den Atem an

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Micha­el Jo­nas

Ist er der größ­te Leicht­ath­let al­ler Zei­ten? Oder „nur“der bes­te Sprin­ter, den es je­mals gab? An dem acht­fa­chen Olym­pia­sie­ger Usain Bolt schei­den sich die Geis­ter.

Dass er ge­winnt, stand au­ßer Zwei­fel. Die Au­ra des Un­schlag­ba­ren be­glei­te­te ihn über neun Jah­re. Jetzt, am Tag sei­nes letz­ten Ein­zel­ren­nens an die­sem Samstag, ist ein gol­de­nes Hap­py End nicht mehr si­cher. Dem Wun­der­läu­fer Usain St. Leo Bolt mach­ten ei­ni­ge Zip­per­lein zu schaf­fen. Auf je­den Fall heißt es nach der WM „bye, bye, Bolt“.

Die Welt­meis­ter­schaft im Queen Eliz­a­beth Park im Os­ten Lon­dons soll der krö­nen­de Ab­schluss ei­ner ein­zig­ar­ti­gen Kar­rie­re wer­den, die ih­ren ab­so­lu­ten Hö­he­punkt am 16. Au­gust 2009 in Ber­lin hat­te. Die Welt des Sports hielt den Atem an. Ge­nau 9,58 Se­kun­den lang. Fas­sen konn­te nie­mand, was da ge­sche­hen war. Usain Bolt hat­te die zu­min­dest im Sprint ein­zig­ar­tigs­te Leis­tung voll­bracht, die je­mals ein Ath­let auf die­sem Pla­ne­ten ge­schafft hat. Der Ja­mai­ka­ner war mit ei­ner ma­xi­ma­len Schritt­län­ge von 2,95 Me­tern in 41 Schrit­ten der Zeit da­von­ge­lau­fen.

Um sa­gen­haf­te elf Hun­derts­tel­se­kun­den ver­bes­ser­te King Bolt sei­ne ei­ge­ne Best­zeit, die er in Pe­king auf­ge­stellt hat­te. Über 100 Me­ter war das wie ein Zei­ten­sprung von der Er­de zum Mond. Seit Ein­füh­rung der elek­tro­ni­schen Zeit­nah­me 1968 hat­te es so et­was nicht ge­ge­ben und wird es so schnell auch nicht. Ein Re­kord wohl für die Ewig­keit. Vor 49 Jah­ren in Me­xi­ko Ci­ty war Jim Hi­nes in 9,95 Se­kun­den als ers­ter Ath­let un­ter zehn Se­kun­den ge­lau­fen nach dem neu­en elek­tro­ni­schen Ver­fah­ren. Do­no­van Bai­ley war 1996 in At­lan­ta in 9,84 Se­kun­den elf Hun­derts­tel schnel­ler. Ty­son Gay ist ihm na­he­ge­kom­men, in 9,69 Se­kun­den. Und wie bei­na­he al­le der di­rekt hin­ter dem Ja­mai­ka­ner ge­führ­ten Sprin­ter we­nigs­tens ein­mal er­wischt wor­den.

Bolt bis heu­te nicht. Wie war das mög­lich, 9,58 Se­kun­den zu lau­fen? Ein The­ma, an das sich Wis­sen­schaft­ler wag­ten und Zweif­ler die Zäh­ne aus­bis­sen. Ist er ein Na­tur­ta­lent, oder hat er – wie die meis­ten der Schnells­ten, nach­ge­hol­fen? Der Ja­mai­ka­ner be­zeich­net sich selbst als en­ga­gier­ten Kämp­fer ge­gen Do­ping. Das ha­ben schon an­de­re mit herz­zer­rei­ßen­den Be­teue­run­gen un­ter­stri­chen, bis ih­nen die Fahn­der auf die Spur ge­kom­men wa­ren.

Mög­li­che Schat­ten über Bolt, der auch den Welt­re­kord über 200 Me­ter in un­glaub­li­chen 19,19 Se­kun­den hält, die­se Stre­cke in Lon­don aber nicht lau­fen wird, sind bis­her un­be­wie­sen. Wis­sen­schaft­ler füg­ten wei­te­re Spe­ku­la­tio­nen der sport­li­chen Art hin­zu. In Ber­lin hät­te der fünf­ma­li­ge Welt­leicht­ath­let des Jah­res an­geb­lich 9,0 Se­kun­den schaf­fen kön­nen, wenn man sei­ne nicht gera­de op­ti­ma­le Re­ak­ti­ons­zeit der An­fangs­pha­se und den ma­xi­mal er­laub­ten Rü­cken­wind be­rück­sich­tig­te. Was wä­re ge­we­sen, wenn er nicht wie so oft zwan­zig Me­ter vor der Zi­el­li­nie das Tem­po ge­dros­selt und ju­belnd die Ar­me aus­ge­brei­tet hät­te? Und wenn er ir­gend­wo in der Hö­hen­luft un­ter op­ti­ma­len Be­din­gun­gen mit ei­nem Tem­po von 44 St­un­den­ki­lo­me­tern ge­lau­fen wä­re? Und wenn er auf die 400-Me­ter-Stre­cke ge­wech­selt wä­re?

Wenn Usain Bolt läuft, herrscht un­gläu­bi­ges Stau­nen, Ehr­frucht, Stil­le. Er legt ei­nen Zei­ge­fin­ger auf die Lip­pen, und im Sta­di­on kann man ei­ne Steck­na­del fal­len hö­ren. Das wird in Lon­don nicht an­ders sein. Ob er zum Ab­schluss sei­ner Ein­zel­kar­rie­re wie­der mit der ja­mai­ka­ni­schen Flag­ge tanzt, ist nicht ganz klar. Bei­spiel­los ist aber sei­ne Kar­rie­re, die mit Gold in Pe­king 2008 be­gann. „Die Stim­mung in den Sta­di­en wer­de ich ver­mis­sen. Ich bin glück­lich über mei­ne Kar­rie­re, aber trau­rig, dass sie en­det“, sag­te Bolt in Mo­na­co.

Der 30-Jäh­ri­ge war in der Vor­be­rei­tung weit von sei­nen Glanz­zei­ten ent­fernt. Die Stra­pa­zen ei­ner lan­gen Kar­rie­re sind an ihm nicht vor­über­ge­gan­gen. Zu­letzt hat­te er im­mer wie­der über Rü­cken­pro­ble­me ge­klagt. Des­we­gen war er auch bei Dok­tor Hans-Wil­helm Mül­ler-Wohl­fahrt in Mün­chen in Be­hand­lung. Zu­dem hat­te ihm der töd­li­che Un­fall sei­nes Freun­des Ger­mai­ne Ma­son zu schaf­fen ge­macht. Bolt soll so­gar ei­gen­hän­dig das Gr­ab des Hoch­sprin­gers mit aus­ge­ho­ben ha­ben. Schlä­ge, die ihn zu­rück­war­fen, aber nicht ent­mu­tig­ten „Ich will nie ver­lie­ren. Auch in ei­nem ein­fa­chen Brett­spiel. Ich bin im­mer ein ernst zu neh­men­der Kon­kur­rent“, gab sich der elf­ma­li­ge Welt­meis­ter kämp­fe­risch, auch wenn er in der Welt­rang­lis­te ak­tu­ell nur Sieb­ter ist.

Dem Her­ku­les des Kö­nigs­sprints ist ein wür­di­ger Ab­schied zu wün­schen. Aber ist er nun der bes­te Leicht­ath­let? Der Fin­ne Paa­vo Nur­mi hat auf di­ver­sen Lauf­stre­cken zwi­schen 1920 und 1924 neun­mal tri­um­phiert. Und auch Carl Le­wis ge­wann neun­mal olym­pi­sches Gold, dar­un­ter al­ler­dings vier­mal im Weit­sprung. Nur-Sprin­ter Bolt bringt es auf acht Olym­pia­sie­ge, weil die 4x 100-Me­ter-Staf­fel aus Ja­mai­ka, die 2008 in Pe­king Gold hol­te, 2017 dis­qua­li­fi­ziert wur­de. We­gen Do­pings des Staf­fel­kol­le­gen Nes­ta Car­ter. Ging al­les mit rech­ten Din­gen zu, sind Bolts Leis­tun­gen in der Ge­schich­te am höchs­ten ein­zu­schät­zen. Der Leicht­ath­le­tik je­den­falls hat er gut­ge­tan, sehr gut so­gar.

Weit vor­aus: Usain Bolt lief in Ber­lin die 100 Me­ter in sa­gen­haf­ten 9,58 Se­kun­den – er be­nö­tig­te da­für ge­nau 41 Schrit­te. Fo­to: Wit­ters

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