Was bleibt

Die Din­ge der To­ten: Ei­ne Haus­halts­auf­lö­sung in Sutt­hau­sen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von An­ne Spiel­mey­er

Ein Mensch geht für im­mer, sein Haus bleibt. Und was pas­siert mit all den Din­gen, die ein gan­zes Le­ben mit­ge­lebt ha­ben? Fa­mi­lie Win­ter­rath hat Omas Haus in Sutt­hau­sen ent­rüm­pelt. Nicht oh­ne Tren­nungs­schmerz. Ei­ne Ge­schich­te vom Weg­wer­fen und Fest­hal­ten.

Am An­fang steht der Tod. Als Fa­mi­lie Win­ter­rath die Oma, die das gan­ze Jahr über ge­sund­heit­lich an­ge­schla­gen war, am Abend des 8. De­zem­ber te­le­fo­nisch nicht er­rei­chen kann, ist das nicht un­ge­wöhn­lich. Vi­el­leicht ist der Ak­ku leer oder die Oma zu lang­sam ge­we­sen?, ruft sich Schwie­ger­toch­ter Do­rit Win­ter­rath ih­re Ge­dan­ken von da­mals in Er­in­ne­rung. Nichts von bei­dem. Hed­wig Win­ter­rath ist tot, stellt der Pfle­ge­dienst am nächs­ten Mor­gen fest. Sie ist mit 75 Jah­ren auf dem So­fa ein­ge­schla­fen. Für im­mer. „So wie sie es sich im­mer ge­wünscht hat“, sagt Do­rit Win­ter­rath. Ein Bil­der­buchTod, wenn man so will. Aber eben ein Tod.

März 2017. Auch jetzt, drei Mo­na­te spä­ter, fühlt sich das Be­tre­ten des Hau­ses in Sutt­hau­sen selt­sam an. „Ich den­ke im­mer noch, die Oma ruft gleich aus dem So­fa“, sagt die 48-jäh­ri­ge Mut­ter von drei Töch­tern, die ih­re Schwie­ger­mut­ter nur „die Oma“nennt, und lässt sich in die son­nen­ge­wärm­te, aus­ge­ses­se­ne Le­der­couch sin­ken. „Hier war im­mer die Oma.“Die Couch steht in­zwi­schen bei Ebay – zum Ver­schen­ken für Selbst­ab­ho­ler. Die Er­in­ne­rungs­stü­cke, die Toch­ter, Sohn, Schwie­ger- und En­kel­kin­der ha­ben woll­ten, ha­ben sie be­reits an Weih­nach­ten mar­kiert oder mit­ge­nom­men. Das ers­te Mal Weih­nach­ten oh­ne Fest­es­sen bei der Oma war das, der Flei­sche­rei­fach­ver­käu­fe­rin, die sich an den Fest­ta­gen selbst über­trof­fen ha­be.

Was bleibt, ist das Le­ben ei­ner To­ten in Kis­ten. Wie geht man mit die­sem Er­be um? „Wenn mög­lich, soll­te man sich Zeit las­sen beim Aus­sor­tie­ren“, sagt Hen­ning Schött­ke, Pro­fes­sor für Kli­ni­sche Psy­cho­lo­gie und Psy­cho­the­ra­pie an der Uni­ver­si­tät Os­na­brück. Gera­de Ge­gen­stän­de aus dem El­tern­haus sei­en mit star­ken Emo­tio­nen – po­si­ti­ven wie ne­ga­ti­ven – be­haf­tet und könn­ten das epi­so­di­sche Ge­dächt­nis an­spre­chen, er­klärt er. Sie ru­fen Ge­füh­le und Si­tua­tio­nen wie­der in Er­in­ne­rung. „Es gibt ver­schie­de­ne Er­in­ne­rungs­kno­ten, die ak­ti­viert wer­den kön­nen. Die­se Kno­ten sind mit­ein­an­der ver­netzt“, greift Schött­ke auf das Netz­werk­mo­dell der Ge­dächt­nis­or­ga­ni­sa­ti­on zu­rück. „Es sind nicht ein­fach nur Ge­gen­stän­de. Der Mensch ent­wi­ckelt ei­ne Hal­tung da­zu“, sagt Schött­ke. Din­ge mi­schen un­ge­fragt mit. „Man­ches wol­len wir un­be­dingt fest­hal­ten, an­de­res ab­sto­ßen. Bei­des ist wich­tig.“

Fa­mi­lie Win­ter­rath sitzt vor den Pa­pie­ren der Oma. Der Ge­sel­len­brief liegt da ge­nau­so wie ge­sam­mel­te Te­le­fon­rech­nun­gen der letz­ten 15 Jah­re und Brie­fe von Jür­gen Win­ter­rath an sei­ne Frau Hed­wig. „Das fühlt sich ganz selt­sam an“, fin­det die Schwie­ger­toch­ter. Sie wird die Brie­fe nicht le­sen, ihr Mann vi­el­leicht ir­gend­wann – oder die En­kel. „Man wühlt plötz­lich im Le­ben ei­nes an­de­ren, wie man es nie ge­tan hat“, sagt Do­rit Win­ter­rath. Und da­bei kann man al­ler­hand falsch ma­chen. „Es darf im Prin­zip nichts weg, es muss aber al­les raus“, er­klärt sie das Di­lem­ma ei­ner je­den Haus­halts­auf­lö­sung. Die schein­bar be­lang­lo­ses­ten Din­ge wie ein Gum­mi­ha­se mit Eier-Kie­pe müs­sen blei­ben, weil sie die ei­ge­ne Kind­heit aus­quiet­schen.

Je­de knar­zen­de Stu­fe, je­des Monch­hi­chi im Kin­der­zim­mer, je­de Luft­ma­sche der grü­nen Hä­kel­gar­di­ne im Kel­ler er­zählt die Ge­schich­te ei­nes Da­mals, das es so nie wie­der ge­ben wird. Der Par­ty­kel­ler, der glei­cher­ma­ßen nach Par­ty wie nach Kel­ler riecht, war im­mer der Ort der pro­gram­mier­ten Ge­sel­lig­keit. „Was ha­ben wir hier für tol­le Fe­ten ge­fei­ert“, sagt Andrea Brüg­ge­mann, Freun­din der Fa­mi­lie, die sich beim Be­tre­ten des Rau­mes di­rekt zu­rück­ver­setzt

fühlt. „Ge­rü­che spie­len beim Er­in­nern ei­ne wich­ti­ge Rol­le“, weiß Pro­fes­sor Schött­ke. Al­les, was wir rie­chen, läuft nicht über die Groß­hirn­rin­de, son­dern geht oh­ne Um­weg zum lim­bi­schen Sys­tem. An­ders et­wa als die Din­ge, die wir se­hen oder hö­ren. „Beim Ge­ruch sind die Emo­tio­nen so­fort da“, sagt der Pro­fes­sor. „Je­des Haus hat sei­nen ei­ge­nen Ge­ruch“, er­gänzt er. Stall­ge­ruch so­zu­sa­gen. Er­schnup­per­te Iden­ti­tät.

Im Par­ty­kel­ler wird der Ge­ruch um das Man­tra „Zwi­schen Le­ber und Milz passt im­mer noch ein Pils“er­gänzt, Fo­tos von Fes­ten er­zäh­len, wie das ging. „Al­le Fo­tos wer­den auf­be­wahrt, auch un­schar­fe und ver­gilb­te“, nennt Do­rit Win­ter­rath ei­ne gol­de­ne Re­gel des Ent­rüm­pelns. Ein Al­bum von Hed­wig hält in Schwarz-Weiß die Ära vor Jür­gen fest. „Tol­le Bil­der“, fin­det die Schwie­ger­toch­ter. Hier der Schwa­nen­teich, dort Tan­te An­ni bei der Schön­heits­pfle­ge. Hed­wig im Lie­ge­stuhl oder am Gip­fel­kreuz. „Ich wuss­te gar nicht, dass sie so un­ter­neh­mungs­lus­tig war.“Ge­schich­ten und Na­men zu man­chen Bil­dern feh­len, sie sol­len die äl­te­ren Ver­wand­ten lie­fern.

Mai 2017: End­spurt. Fa­mi­lie Win­ter­rath hat Sperr­müll be­stellt. „Das kommt von Hed­wig“ist im Freun­des­und Be­kann­ten­kreis längst ein ge­flü­gel­tes Wort. Al­les, was nicht ver­erbt, ver­kauft oder ver­schenkt wur­de, wan­dert an die Stra­ße. Zehn Ku­bik­me­ter. Ei­ne ver­schwin­dend ge­rin­ge Do­sis Oma. In al­ten Zink­wan­nen lie­gen CD-Re­ga­le, aus blau­en Müll­beu­teln lin­sen ab­ge­leg­te Ku­schel­tie­re auf den Geh­weg. Aman aus Af­gha­nis­tan kreist in wei­ßen Le­der­schlap­pen um den Re­ste­hau­fen, sein knie­lan­ges Ge­wand flat­tert da­bei im Wind. Bei ei­ner Lam­pe mit be­stick­tem Schirm hält er in­ne. Mit Eng­lisch-Bro­cken, Hän­den und Fü­ßen ver­stän­digt er sich mit Do­rit Win­ter­rath. „Doch, doch, die geht noch“, ver­si­chert sie. Ge­mein­sam tes­ten sie die Bir­ne in der Kü­che. Tat­säch­lich. Die Lam­pe, die zu­letzt der Oma das Kreuz­wort­rät­sel er­hell­te, wirft nun Licht auf sei­ne Su­ren. „Good, good neigh­bour“, sagt Aman. Die meis­ten Din­ge sind nicht weg, sie sind nur wo­an­ders.

„Ich wun­de­re mich im­mer wie­der, was mei­ne Mut­ter auf­be­wahrt hat“, sagt Micha­el Win­ter­rath, der die Spit­ze des Rüm­pelns er­reicht hat – den Dach­bo­den. Bau­klöt­ze, die Ver­pa­ckung zum Fer­ra­ri, Tei­le der Mo­dell­ei­sen­bahn und Ber­ge von „Au­to, Mo­tor und Sport“ge­ben Zeug­nis von be­schleu­nig­ten Jah­ren. „Die kom­men nicht weg.“Klas­si­sche Mit­nehm­sel, die un­aus­ge­packt von Dach­bo­den zu Dach­bo­den wan­dern. Be­son­ders in­ter­es­sant fin­det Micha­el Win­ter­rath die Din­ge, die von der El­tern- und Groß­el­tern­ge­ne­ra­ti­on auf­be­wahrt wur­den. Mes­ser et­wa, die sie im Krieg ge­schmie­det ha­ben, um sie ge­gen Ess­ba­res zu tau­schen, und mit de­nen man heu­te her­vor­ra­gend Un­kraut krat­zen kön­ne. „Das hat Wert“, fin­det auch Do­rit Win­ter­rath. Sie wühlt wei­ter in ei­nem Klei­der­schrank. „Wuss­te ich es doch“, sagt sie und zieht un­ter lau­tem Knis­tern ei­ner All­kauf-Tü­te erst ihr Hoch­zeits­kleid und dann Micha­els Bun­di-Uni­form samt Ohr­stöp­seln von der Hand­gra­na­ten-Übung her­vor. Es gibt we­ni­ge Stof­fe, die mehr Emo­tio­nen spei­chern.

Jetzt ist al­les da, was noch fehl­te. Schatz­su­che be­en­det. Sie pa­cken die letz­ten Kis­ten, klet­tern die stei­le Bo­den­trep­pe hin­ab und schie­ben die Lu­ke zu. Am nächs­ten Tag schon soll der Kauf­ver­trag un­ter­schrie­ben wer­den. „Ir­gend­wann ist man froh, dass das Rüm­peln vor­bei ist“, sagt Micha­el Win­ter­rath. Staub zu Staub. Ein letz­tes Mal lässt er sei­nen Blick durch das leer ge­räum­te Wohn­zim­mer schwei­fen. Es hallt, wenn er spricht. Die ver­bli­che­ne Ta­pe­te gibt ei­ne Ah­nung da­von, wo Mö­bel ge­stan­den ha­ben. An die­sem Tag wärmt die Son­ne die Woll­mäu­se auf den Flie­sen. Denn selbst Omas durch­ge­ses­se­ne Le­der­couch hat in­zwi­schen ih­re Selbst­ab­ho­ler ge­fun­den. „Es fühlt sich leer an“ist ein Satz, der Micha­el Win­ter­rath an die­sem Tag nicht über die Lip­pen kommt. Am leers­ten ha­be es sich am ers­ten Tag an­ge­fühlt, als das Haus noch rap­pel­voll war und nur ei­nes fehl­te. Die Oma.

„Es darf im Prin­zip nichts weg, es muss aber al­les raus“Do­rit Win­ter­rath, Schwie­ger­toch­ter

Wenn die Zim­mer noch mö­bliert sind, den­ken An­ge­hö­ri­ge oft: Gleich steht die Oma wie­der in der Tür. Fo­tos: Micha­el Grün­del (3)/Da­vid Ebe­ner (1)

An­stren­gen­der als um­zie­hen: Do­rit Win­ter­rath (links) und Andrea Brüg­ge­mann ent­rüm­peln.

Fast ver­ges­se­ne Kind­heit: Micha­el Win­ter­rath blät­tert sich durch Fund­stü­cke vom Dach­bo­den.

Al­le Bil­der von Hed­wig Win­ter­rath wer­den auf­be­wahrt.

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