Trash und Trä­nen: Wenn die Ent­rüm­pler an­rü­cken

Mö­we-Mit­ar­bei­ter er­zäh­len, was sie bei Haus­halts­auf­lö­sun­gen aus­gra­ben

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Wenn Haus­hal­te auf­ge­löst wer­den, dann geht es an die Sub­stanz. Nicht nur an die des Ge­bäu­des. Die ge­mein­nüt­zi­ge Gm­bH Mö­we in Os­na­brück ent­rüm­pelt. Mit­ar­bei­ter he­ben da­bei oft mehr als schwe­re So­fa­g­ar­ni­tu­ren und un­ge­ahn­te Geld­schät­ze.

Hei­ke Del­hey, Mit­ar­bei­te­rin der Mö­we, die oft die ers­ten An­ru­fe der Hin­ter­blie­be­nen an­nimmt, un­ter­schei­det zwi­schen prag­ma­ti­schen und emo­tio­na­len Ab­wick­lern: „Es gibt die, die schnellst­mög­lich ei­nen Ha­ken hin­ter die Sa­che set­zen wol­len, und die, die schon im Ge­spräch mit uns sehr sen­ti­men­tal je­de Schub­la­de aus­räu­men.“260 Haus­halts­auf­lö­sun­gen plus Ein­zel­teil-Ab­ho­lun­gen hat die Mö­we pro Jahr auf dem Zet­tel. Die emo­tio­na­len über­wie­gen, sagt Mö­we-Mit­ar­bei­te­rin Ana­bel Haß­pe­cker. Wenn die Mö­we in die Häu­ser ein­fliegt, „dann ist das, was raus­muss, auf den ers­ten Blick Wa­re“, er­klärt Tho­mas Schul­ke, Be­triebs­lei­ter bei der Mö­we. Den Teil der aus­ge­räum­ten Mö­bel, den die Mö­we in ih­rem So­zi­al­kauf­haus spä­ter wei­ter­ver­kauft, ent­rüm­pelt sie kos­ten­frei, den Rest stellt sie in Rech­nung. Vie­le be­we­ge die Fra­ge: „Was pas­siert mit den Mö­beln? Mut­ters Kü­chen­tisch darf nicht auf den Sperr­müll“, nennt Hei­ke Del­hey ei­ne ent­schei­den­de Trieb­fe­der beim Aus­räu­men. „Mit dem Tod kommt die Fra­ge: Was hin­ter­las­se ich? In Be­zug auf die Ver­stor­be­nen und im Blick auf sich selbst“, be­stä­tigt Psy­cho­lo­gie-Pro­fes­sor Hen­ning Schött­ke von der Uni Os­na­brück.

Das Wohn­zim­mer der To­ten ge­presst im Con­tai­ner zu se­hen – für vie­le un­vor­stell­bar.

Ein Grund, war­um et­li­che Kun­den der Mö­we selbst nicht zur Ent­rüm­pe­lung er­schei­nen oder an­ge­setz­te Ter­mi­ne mehr­mals um­le­gen. Auf­schub als klas­si­scher Re­flex in der Cha­os-Be­wäl­ti­gung. „Hier ru­fen na­tür­lich auch Men­schen an, die fi­nan­zi­ell un­ter Druck ste­hen und schnell ent­schei­den müs­sen,

was mit der Woh­nung ei­nes Ver­stor­be­nen pas­siert. Da ist der To­te oft noch nicht un­ter der Er­de, wenn hier das Te­le­fon klin­gelt“, sagt Hei­ke Del­hey. Die Mö­we steht in Kon­takt zu ei­nem An­ti­qui­tä­ten­händ­ler, der bei der Ein­schät­zung der al­ten Mö­bel hilft.

An­ke Os­mers, Fi­li­al­lei­te­rin in Jo­na­thans La­den, ist oft bei Be­sich­ti­gun­gen und Ent­rümp­lun­gen da­bei. „Man­che Häu­ser sind noch so voll­stän­dig, wenn wir kom­men, dass man denkt, die Omi ist gera­de im Kel­ler und holt ein Glas Gur­ken. Das sind Mo­men­te, in de­nen ich den­ke: Ich ha­be hier ei­gent­lich gar nichts zu su­chen.“Mo­men­te, in de­nen Hin­ter­blie­be­ne sich auf die Mö­we-Mit­ar­bei­ter stür­zen, weil sie die­je­ni­gen sind, die den prag­ma­ti­schen Blick über das In­nen­le­ben schwei­fen las­sen dür­fen. Was soll weg? Dass das kei­ne Fra­ge ist, die sich im­mer mit ei­ner Stim­me be­ant­wor­ten lässt, wis­sen al­le Mö­we-Mit­ar­bei­ter: Wäh­rend es von der Frak­ti­on im Ober­ge­schoss hei­ßen kann: „Dann neh­men Sie die Couch­gar­ni­tur auch noch mit“, ruft die Trup­pe im Kel­ler: „Die Couch las­sen Sie aber bit­te auf je­den Fall noch drin.“Ab­schied neh­men sei eben ein Etap­pen­lauf. Mit un­be­kann­tem Ziel. „Wir ha­ben auch schon Sa­chen bei uns im La­den wie­der aus dem Schau­fens­ter raus­ge­holt, weil doch je­mand die Tif­fanyl­am­pe be­hal­ten woll­te, er­in­nert sich Os­mers. Der Schlen­ker ins Schau­fens­ter ist ein leich­ter ge­we­sen, an­de­re Ab­schnit­te sind holp­ri­ger. Os­mers er­in­nert sich noch an ein Haus, in dem ei­ne Frau ge­stor­ben ist, die vor 30 Jah­ren im Streit mit ih­rer Toch­ter aus­ein­an­der­ge­gan­gen war. Plötz­lich er­hält die Toch­ter die Mel­dung von Tod und Haus. „Da kann man nicht ein­fach kom­men und aus­räu­men. Die Frau war voll von 30 Jah­ren Frust.“

Trotz­dem muss auch die ge­mein­nüt­zi­ge Gm­bH Mö­we, ge­tra­gen vom Ver­ein für so­zia­le Di­ens­te in Os­na­brück (SKM), wirt­schaft­lich ar­bei­ten. Sie fi­nan­ziert sich zu 80 Pro­zent durch Um­satz im ope­ra­ti­ven Be­reich, zu dem die Haus­halts­auf­lö­sun­gen ge­hö­ren. Oft müs­se da ein Spa­gat ge­fun­den wer­den.

Es ge­be Men­schen, die zu Leb­zei­ten Kon­takt hiel­ten und im­mer ein ein­zel­nes Teil ab­ho­len las­sen, er­in­nern sich Schul­ke und Dominik Bo­vel­let. „Hier ei­ne Lam­pe, da ein Tisch­chen, da geht es dann al­lein dar­um, dass der Kon­takt nicht ab­reißt“, er­zäh­len die Män­ner. Ab und an se­gelt un­ver­hofft ein an die Schrankrück­wand ge­ta­cker­tes Spar­buch her­ab, flat­tern Schei­ne aus Bü­chern oder Näh­käst­chen. „Wir ge­ben al­les zu­rück, was wir zu­rück­ver­fol­gen kön­nen“, be­tont An­ke Os­mers. Wer weiß, was sie schon al­les über­se­hen ha­ben? Ein paar Ge­heim­nis­se blei­ben. Schließ­lich wur­den sie oft mit ins Gr­ab ge­nom­men.

Fo­to: Da­vid Ebe­ner

Ist das Kunst, oder kann der weg? Nicht sel­ten po­la­ri­sie­ren Er­in­ne­rungs­stü­cke wie die­ser Fern­se­her.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.