Lan­ge Haft­stra­fe für Ju­we­len­räu­ber vom Dom­hof

Hin­ter­män­ner in Li­tau­en ab­ge­taucht – Beu­te ver­kauft

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Noz.de/blau­licht

Nach dem Über­fall am 9. Ju­li 2015 auf ein Ju­we­lier­ge­schäft am Dom­hof in Os­na­brück si­cher­te die Po­li­zei den Tat­ort. Jetzt konn­te zu­min­dest ei­ner der bei­den Räu­ber ver­ur­teilt wer­den. Im Ju­li 2015 hat ein heu­te 29-Jäh­ri­ger zu­sam­men mit ei­nem Kom­pli­zen ein Ju­we­lier­ge­schäft am Os­na­brü­cker Dom­hof aus­ge­raubt. Das Land­ge­richt ver­ur­teil­te den Mann jetzt zu ei­ner Frei­heits­stra­fe von sechs Jah­ren und zwei Mo­na­ten.

Von Ul­rich Eck­se­ler

OS­NA­BRÜCK. „Der An­ge­klag­te kann von Glück re­den, dass er dem Rat sei­nes Ver­tei­di­gers ge­folgt ist“, sag­te der Rich­ter in sei­ner Ur­teils­be­grün­dung. Die­ser Rat lau­te­te, ein voll­stän­di­ges Ge­ständ­nis ab­zu­le­gen, was dem 29Jäh­ri­gen bei der Be­wer­tung der Tat zu­gu­te­kam.

Am 9. Ju­li 2015 hat­te der Mann mit ei­nem un­be­kann­ten Mit­tä­ter das Ju­we­lier­ge­schäft Trends TSU am Dom­hof in Os­na­brück aus­ge­raubt. Ge­gen 12.10 Uhr dran­gen die un­mas­kier­ten Tä­ter in den Ver­kaufs­raum ein. So­fort sprüh­te der 29-Jäh­ri­ge ei­ner An­ge­stell­ten und der 53-jäh­ri­gen Fi­li­al­lei­te­rin Pfef­fer­spray ins Ge­sicht. Mit ei­ner Axt schlug der An­ge­klag­te dann meh­re­re Vi­tri­nen ein und ent­wen­de­te Schmuck im Wert von 41 000

Re­chen­spie­le hin­ter Git­tern: Von neun Jah­ren Frei­heits­stra­fe muss ein we­gen Tot­schlags ver­ur­teil­ter Frau­en­arzt aus Os­na­brück mög­li­cher­wei­se nur noch ei­nen ge­rin­gen Teil ab­sit­zen. Grund sind die An­rech­nung von Un­ter­su­chungs­und Aus­lie­fe­rungs­haft­zei­ten so­wie ei­ne denk­ba­re Straf­rest­aus­set­zung.

Noch ist das Ur­teil des Land­ge­richts Lands­hut vom 21. Ju­li nicht rechts­kräf­tig. Die Ver­tei­di­ger des Me­di­zin­pro­fes­sors, der En­de 2013 in Er­ding sei­ne Ehe­frau um­ge­bracht ha­ben soll, fech­ten es beim Bun­des­ge­richts­hof an. Bis zur Ent­schei­dung bleibt der An­ge­klag­te in U-Haft. Und so lan­ge ist un­klar, ob und wie lan­ge er im Ge­fäng­nis blei­ben muss.

Der Os­na­brü­cker könn­te so­fort frei­kom­men, wenn der BGH auch im neu auf­ge­roll­ten Ver­fah­ren dem Re­vi­si­ons­an­trag statt­gibt und das Ur­teil der Vor­in­stanz (er­neut) kas­siert. Vor­aus­ge­setzt, es hebt zu­gleich den Haft­be­fehl ge­gen den 57-Jäh­ri­gen auf. Soll­te al­ler­dings das Eu­ro. Im An­schluss flo­hen die Tä­ter auf Fahr­rä­dern in Rich­tung Ur­su­la­schu­le. Ih­re Flucht­rou­te ver­lief über den Schul­hof zum Ha­seu­f­er­weg am Her­ren­teichs­wall, wo sie die Fahr­rä­der in ei­nem Ge­büsch ent­sorg­ten. Auf dem Ge­län­de der Schu­le fand ei­ne Leh­re­rin spä­ter die Axt. Der Haus­meis­ter in­for­mier­te dar­auf die Po­li­zei. Trotz der ein­ge­lei­te­ten Fahndung konn­ten die Tä­ter nicht ge­fasst wer­den. Sie setz­ten sich nach Li­tau­en ab, wo die Beu­te ver­kauft wur­de. An ei­nem der Fahr­rä­der, mit de­nen die Tä­ter ge­flüch­tet wa­ren, fand die Spu­ren­si­che­rung spä­ter die DNA des 29-Jäh­ri­gen, an­hand de­rer er – durch Ko­ope­ra­ti­on mit den li­taui­schen Be­hör­den – über­führt wer­den konn­te. Zu sei­nem Mit­tä­ter woll­te der Mann kei­ne An­ga­ben ma­chen.

Durch das Ge­ständ­nis muss­ten nicht al­le Zeu­gen aus­sa­gen. Al­ler­dings woll­te die 53-jäh­ri­ge, ehe­ma­li­ge Fi­li­al­lei­te­rin die Ge­le­gen­heit nut­zen, um mit dem Vor­fall ab­zu­schlie­ßen. Sie ha­be zu­nächst ge­dacht, der Tä­ter wol­le sie mit ei­ner Pis­to­le be­dro­hen, als er das Reiz­gas auf sie rich­te­te und es ihr ins Ge­sicht sprüh­te. Dann ha­be er die Axt her­vor­ge­holt und an ih­rem Kopf vor­bei auf ei­ne Lands­hu­ter Ur­teil Be­stand ha­ben, gin­ge die Un­ter­su­chungs­haft oh­ne Wei­te­res in Straf­haft über. Für den Voll­zug der Frei­heits­stra­fe wä­re dann die Staats­an­walt­schaft Lands­hut zu­stän­dig. Sie müss­te die ver­blei­ben­de Straf­zeit ge­nau be­rech­nen.

Mi­nus, mi­nus, mi­nus...

Und das geht so: Von neun Jah­ren Knast wä­ren zu­nächst je­ne 14 Mo­na­te ab­zu­zie­hen, die der An­ge­klag­te vor und wäh­rend des ers­ten Pro­zes­ses, der An­fang 2015 mit Frei­spruch en­de­te, in UHaft ver­bracht hat. „Die­se Zeit ist un­ver­kürzt an­zu­rech­nen“, teilt das Land­ge­richt Lands­hut auf Nach­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on mit. Wei­te­re acht Mo­na­te wür­den sub­tra­hiert, weil die (ei­gent­lich vier­mo­na­ti­ge) Aus­lie­fe­rungs­haft in Chi­le – dort­hin hat­te sich der An­ge­klag­te zwi­schen­zeit­lich ab­ge­setzt – ge­mäß den Ur­teils­be­stim­mun­gen dop­pelt zählt. So könn­ten am En­de von neun Jah­ren Frei­heits­stra­fe we­gen Tot­schlags be­reits 22 Mo­na­te als ver­büßt gel­ten. Vi­tri­ne ein­ge­schla­gen, be­rich­tet die 53-Jäh­ri­ge, noch sicht­lich un­ter den Ein­drü­cken der Tat ste­hend. Spä­ter ha­be der 29-Jäh­ri­ge er­neut mit der Axt aus­ge­holt, es sei aber nichts pas­siert. „Ich ha­be drei­mal ge­dacht, ich über­le­be den Tag nicht“, so die Zeu­gin. We­gen der psy­chi­schen Fol­gen ha­be sie nach dem Vor­fall ei­ne neue Stel­le an­ge­nom­men.

Ein­stim­mi­ge Plä­doy­ers

Staats­an­walt­schaft und Ver­tei­di­gung stimm­ten in der Be­wer­tung der Tat weit­ge­hend über­ein. Für den An­ge­klag­ten ha­be das Ge­ständ­nis ge­spro­chen. Hin­ge­gen sei­en die kör­per­li­chen und psy­chi­schen Be­ein­träch­ti­gun­gen der An­ge­stell­ten ne­ga­tiv zu wer­ten. Ge­nau wie die ho­he Scha­dens­sum­me und die Tat­sa­che, dass die Beu­te weg sei, so die Staats­an­wäl­tin. Letzt­lich ha­be der An­ge­klag­te auch er­heb­li­che Vor­stra­fen. Er sei fünf­mal in Li­tau­en ver­ur­teilt wor­den, da­von al­lein drei­mal we­gen Rau­bes. Sie for­der­te ei­ne Frei­heits­stra­fe von sechs­ein­halb Jah­ren. Der Ver­tei­di­ger sprach sich da­für aus, das Ge­ständ­nis des 29-Jäh­ri­gen po­si­ti­ver zu be­wer­ten. Oh­ne die­ses „hät­ten wir hier län­ger ge­ses­sen“, so der An­walt. Er

Was al­ler­dings nicht heißt, dass der Frau­en­arzt – aus­ge­hend von sei­ner Ver­haf­tung im Fe­bru­ar 2017 – auf je­den Fall sie­ben Jah­re und zwei Mo­na­te im Ge­fäng­nis blei­ben müss­te, al­so erst im April 2024 wie­der frei kä­me. Denn das Straf­ge­setz­buch (Pa­ra­graf 57) er­laubt es Rich­tern, den Rest ei­ner Frei­heits­stra­fe zur Be­wäh­rung aus­zu­set­zen. Manch­mal ist das nach Ver­bü­ßung der hal­ben Frei­heits­stra­fe mög­lich. Im Fal­le des Os­na­brückers wä­ren das vier­ein­halb Jah­re. Ab­züg­lich der 22 Mo­na­te blie­ben ihm dann noch zwei Jah­re und acht Mo­na­te hin­ter Git­tern. Was ei­ner Frei­las­sung im Ok­to­ber 2019 gleich­kä­me.

Zwei-Drit­tel-Re­ge­lung

Rea­lis­ti­scher scheint al­ler­dings ei­ne vor­zei­ti­ge Ent­las­sung nach Ver­bü­ßung von zwei Drit­teln der Frei­heits­stra­fe (Zwei-Drit­tel-Re­ge­lung). Zwei Drit­tel von neun Jah­ren sind sechs Jah­re. Mi­nus 22 Mo­na­te macht vier Jah­re und zwei Mo­na­te, die ab letz­ter In­haf­tie­rung des Gy­nä­ko­lo­gen noch ver­ge­hen be­an­trag­te ei­ne Frei­heits­stra­fe von sechs Jah­ren.

Es sei ein ge­ziel­ter und ge­plan­ter Raub in be­son­ders schwe­rem Fall ge­we­sen, ur­teil­te der Rich­ter. „Es ist im­mer die glei­che Ma­sche“, wo­mit der Vor­sit­zen­de auf die wei­te­ren Fäl­le von or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät hin­wies, die sich nach die­ser Tat er­eig­ne­ten. Hand­lan­ger wie der An­ge­klag­te wür­den aus Li­tau­en ein­ge­schleust, um in Deutsch­land Straf­ta­ten zu be­ge­hen. So auch der Bru­der des 29-Jäh­ri­gen, der bei ei­nem Über­fall auf das Schmuck­ge­schäft Hein­rich Kolk­mey­er in der Gro­ßen Stra­ße be­tei­ligt war. An­ge­stell­te wür­den mit Reiz­gas au­ßer Ge­fecht ge­setzt und die Vi­tri­nen ein­ge­schla­gen.

In die­sem Fall sei es so, dass auf­fäl­lig viel Echt­schmuck ent­wen­det wor­den sei. Die Hin­ter­män­ner die­ser Ta­ten blie­ben da­bei im Dun­keln. Letzt­lich ver­ur­teil­te die Kam­mer den 29-Jäh­ri­gen zu ei­ner Frei­heits­stra­fe von sechs Jah­ren und zwei Mo­na­ten. Oh­ne das Ge­ständ­nis wä­re wohl ei­ne Haft­stra­fe von min­des­tens acht Jah­ren ver­hängt wor­den, er­klär­te der Vor­sit­zen­de.

Was ist pas­siert? müss­ten. In die­sem Fall lie­fe es al­so auf ein En­de der Haft im April 2021 hin­aus.

Da­zu wä­re je­doch un­ter an­de­rem ei­ne güns­ti­ge Pro­gno­se nö­tig, für die bei Ge­walt­ver­bre­chern nor­ma­ler­wei­se ein psych­ia­tri­sches Gut­ach­ten ein­ge­holt wird. Au­ßer­dem gilt es als un­ab­ding­bar, dass Ver­ur­teil­te sich mit ih­rer Straf­tat aus­ein­an­der­ge­setzt ha­ben. Im Kl­ar­text: Wer auch nach ge­rau­mer Zeit in Haft al­les be­strei­tet, hat schlech­te Aus­sich­ten, auf Be­wäh­rung frü­her frei­zu­kom­men.

Was den Fall des Os­na­brü­cker Frau­en­arz­tes be­trifft, will die Staats­an­walt­schaft Lands­hut sich zur Straf­voll­stre­ckung vor­läu­fig nicht äu­ßern. „Da­zu kön­nen wir nur dann qua­li­fi­ziert Aus­sa­gen tref­fen, wenn ei­ne rechts­kräf­ti­ge und da­mit voll­stre­ckungs­fä­hi­ge ge­richt­li­che Ent­schei­dung vor­liegt“, er­klär­te Spre­cher Tho­mas St­ein­kraus-Koch. Mit ei­ner Ent­schei­dung des BGH ist er­fah­rungs­ge­mäß aber erst in un­ge­fähr sechs Mo­na­ten zu rech­nen.

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