Stei­gen Prei­se für Hand­wer­ker in der Re­gi­on?

Hand­werks­kam­mer Os­na­brück warnt – 4,8 Pro­zent we­ni­ger Lehr­lin­ge im Be­zirk

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrücker Land - Von Je­an-Charles Fays

Die Prei­se für Hand­wer­ker in der Re­gi­on könn­ten an­zie­hen, weil im­mer we­ni­ger Fach­kräf­te und Lehr­lin­ge in der Re­gi­on zur Ver­fü­gung ste­hen, warnt der Ge­schäfts­füh­rer der Ab­tei­lung Be­rufs­bil­dung der Hand­werks­kam­mer Os­na­brück – Emsland – Graf­schaft Bent­heim (HWK), Ha­rald Schlieck.

Herr Schlieck, die Zahl der neu ab­ge­schlos­se­nen Lehr­ver­trä­ge im Kam­mer­be­zirk hat sich um 4,8 Pro­zent ver­rin­gert. Ist die­se Ent­wick­lung für un­se­re ei­gent­lich so aus­bil­dungs­star­ke Re­gi­on un­ge­wöhn­lich?

Wir sind mit der Re­gi­on Vech­ta zu­sam­men ei­ne der aus­bil­dungs­stärks­ten Re­gio­nen Deutsch­lands. Die rück­läu­fi­ge Zahl der Lehr­ver­trä­ge ist nicht dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass we­ni­ger Aus­bil­dungs­plät­ze an­ge­bo­ten wer­den. Ganz im Ge­gen­teil: Es wer­den mehr Plät­ze an­ge­bo­ten. Das Pro­blem ist je­doch, dass im­mer we­ni­ger Aus­zu­bil­den­de für die frei­en an­ge­bo­te­nen Aus­bil­dungs­plät­ze ge­fun­den wer­den. Die Sche­re geht lei­der im­mer wei­ter aus­ein­an­der. Da­zu boomt die Kon­junk­tur schon über ei­nen sehr lan­gen Zei­t­raum. Des­halb su­chen un­se­re Be­trie­be Fach­kräf­te und Aus­zu­bil­den­de, aber auf der Be­wer­ber­sei­te wird die Be­reit­schaft für ei­ne Aus­bil­dung im­mer ge­rin­ger.

Was hat die­se Ent­wick­lung zur Fol­ge?

Un­se­re Sor­ge wird im­mer grö­ßer, dass es für Kun­den im­mer schwie­ri­ger wird, Hand­wer­ker zu fin­den, weil es im­mer we­ni­ger Men­schen gibt, die als Fach­kräf­te für die­se Ar­beit zur Ver­fü­gung ste­hen. Noch gibt es kei­ne gra­vie­ren­den Ver­sor­gungs­eng­päs­se, aber man spürt auch ak­tu­ell schon, dass wir län­ger dar­auf war­ten müs­sen, bis ein Hand­wer­ker Zeit für ein An­lie­gen hat. Auch die

Prei­se könn­ten we­gen der stei­gen­den Nach­fra­ge an­zie­hen. Die­se Ent­wick­lung wird sich noch wei­ter zu­spit­zen, wenn wir nicht ge­gen­steu­ern.

Wie wol­len Sie ge­gen­steu­ern?

Wir möch­ten die be­ruf­li­che Aus­bil­dung im Hand­werk wie­der in das rich­ti­ge Licht brin­gen. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ha­ben Po­li­tik und Ge­sell­schaft ver­mit­telt, das Er­stre­bens­wer­tes­te für jun­ge Men­schen ist, so lan­ge wie mög­lich zur Schu­le zu ge­hen, um an­schlie­ßend zu stu­die­ren. Das mag auch für vie­le Men­schen der rich­ti­ge Weg sein, aber eben nicht für al­le. Wenn man be­trach­tet, wie vie­le Schü­ler es am Gym­na­si­um nicht bis zum En­de schaf­fen und sich dann müh­sam zu qua­li­fi­zie­ren ver­su­chen, und wenn man die ho­he Ab­bre­cher­quo­te an den Hoch­schu­len be­trach­tet, dann sind das In­di­ka­to­ren da­für, dass man sehr vie­len Men­schen an­de­re Bil­dungs­we­ge hät­te auf­zei­gen kön­nen, die an­ders, bes­ser und schnel­ler zum Ziel ge­führt hät­ten. Da­zu ge­hört auch, dass es kei­nen gro­ßen Un­ter­schied mehr zwi­schen den Ver­dienst­mög­lich­kei­ten von Hand­wer­kern und Aka­de­mi­kern gibt. Das müs­sen wir den Ju­gend­li­chen und ih­ren El­tern viel stär­ker be­wusst ma­chen.

Die Che­fin der Ar­beits­agen­tur Os­na­brück, Chris­tia­ne Fern, for­dert ei­nen ge­wis­sen No­ten­schnitt, al­so ei­ne Art Nu­me­rus clau­sus, für den Wech­sel an wei­ter­füh­ren­de Schu­len – ähn­lich wie es ei­ne Zu­las­sungs­be­schrän­kung

an Hoch­schu­len gibt. Was hal­ten Sie von die­ser Idee?

Die Schul- und Be­rufs­we­ge­pla­nung muss sich ver­än­dern und die Ein­schät­zun­gen der Schu­len aus dem Prim­ar­be­reich für die El­tern ei­ne wich­ti­ge­re Be­deu­tung be­kom­men. Be­glei­tend da­zu kann vi­el­leicht auch ein ve­rän­der­tes Auf­nah­me­ver­fah­ren an den wei­ter­füh­ren­den Schu­len sinn­voll sein, um ei­ne be­ga­bungs­ge­rech­te­re Be­schu­lung zu er­rei­chen und um Schü­ler vor Ent­täu­schun­gen auf der wei­ter­füh­ren­den Schu­le zu schüt­zen.

In­wie­fern hat die Po­li­tik ge­schla­fen, dass es nun über­haupt zu die­sem gro­ßen Fach­kräf­te- und Lehr­lings­man­gel kom­men konn­te?

Wenn Sie se­hen, dass wir jetzt schon ei­ne Über­gangs­quo­te von der Grund­schu­le in die Gym­na­si­en von fast 65 Pro­zent in ei­ni­gen Stadt­be­rei­chen ha­ben, dann muss man sich schon fra­gen, war­um

so vie­le Schü­ler in den letz­ten Jah­ren solch ei­nen ge­wal­ti­gen Bil­dungs­schub be­kom­men ha­ben. An­de­re Schul­for­men oder die dua­le Be­rufs­aus­bil­dung schei­nen wohl nicht mehr not­wen­dig zu sein, um al­le Be­ga­bun­gen zu för­dern. Die­se Ent­wick­lung ist von der Po­li­tik zu­guns­ten der Ver­gleich­bar­keit in­ter­na­tio­na­ler Quo­ten mas­siv in den letz­ten Jah­ren ge­för­dert wor­den. Die Gym­na­si­en, Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len selbst sind nicht glück­lich über die­se Ent­wick­lung. Aber es gibt Hoff­nung, dass die Po­li­tik von die­ser Feh­l­ein­schät­zung ab­geht. Das nie­der­säch­si­sche Bünd­nis für dua­le Be­rufs­aus­bil­dung ist ein ers­ter wich­ti­ger Schritt. Der wei­te­re Weg muss aus mei­ner Sicht nach wie vor sein, El­tern da­von zu über­zeu­gen, dass es nicht im­mer der bes­se­re Weg ist, ein Abitur oder ei­nen höchst­mög­li­chen Schul­ab­schluss zu ha­ben, son­dern dass es auch an­de­re gu­te Mög­lich­kei­ten gibt, sei­ne ei­ge­ne Zu­kunft zu ge­stal­ten, in­dem man un­mit­tel­bar in ei­ne be­ruf­li­che Aus­bil­dung geht. Vie­le El­tern wis­sen gar nicht, wie vie­le Kar­rie­re­mög­lich­kei­ten mit ei­ner be­ruf­li­chen Aus­bil­dung be­ste­hen.

Wie kann der Be­trieb sich stär­ker um Lehr­lin­ge be­mü­hen?

Die Be­trie­be in der Re­gi­on bil­den sehr gut aus und soll­ten sich po­si­ti­ver nach au­ßen dar­stel­len. Ein fa­mi­liä­res Be­triebs­kli­ma mit fla­chen Hier­ar­chi­en wird von den Mit­ar­bei­tern ge­schätzt und im­mer wich­ti­ger. Auch die Lehr­lin­ge müs­sen sich schon beim ers­ten Kon­takt wohl­füh­len. Da­zu soll­ten die Be­trie­be sich noch stär­ker als Prak­ti­kums­be­trieb an­bie­ten und sich di­rekt in den Schu­len prä­sen­tie­ren. Auch die Hand­werks­kam­mer hilft, um Be­ru­fe zu prä­sen­tie­ren, und die Mit­ar­bei­ter ge­hen in die Schu­len und prä­sen­tie­ren un­se­re Hand­werks­be­ru­fe in schu­li­schen Ver­an­stal­tun­gen oder bei El­tern­aben­den.

In­wie­fern muss die Meis­ter­aus­bil­dung stär­ker ge­för­dert wer­den?

Die Meis­ter­aus­bil­dung als Un­ter­neh­mer­füh­rer­schein und Aus­bil­dungs­ga­rant kos­tet zwi­schen 5000 und 12 000 Eu­ro. Der Staat soll­te dort stär­ker un­ter­stüt­zen und we­sent­li­che Tei­le der Kos­ten über­neh­men, um zu­min­dest in die Nä­he der Sub­ven­tio­nie­rung zu kom­men, die es be­reits im Hoch­schul­be­reich gibt. Auch so wer­den Hand­wer­ker­be­ru­fe at­trak­ti­ver.

Hin­ter­grün­de zur re­gio­na­len Wirt­schaft le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de/wirt­schaf­to­sel

We­ni­ger Lehr­lin­ge wie die­sen Aus­zu­bil­den­den ei­nes Me­tall­bau­be­triebs ver­zeich­net das Hand­werk in der Re­gi­on. Sym­bol­bild: dpa

Ha­rald Schlieck von der Hand­werks­kam­mer. Fo­to: Par­ton

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