Ver­dräng­te Wi­der­sprü­che der Mo­der­ne

Aus­stel­lung „Der blin­de Fleck“: Kunst­hal­le Bre­men zeigt Kunst in der Ko­lo­ni­al­zeit

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Ste­fan Lüd­de­mann

Kunst und Ko­lo­nia­lis­mus: Un­ter dem Ti­tel „Der blin­de Fleck“deckt die Kunst­hal­le Bre­men die ver­dräng­te Ge­schich­te der Mo­der­ne auf.

Als Emil Nol­de den Ozea­nier malt, hat er die ge­spann­te Pis­to­le in Griff­wei­te. Hin­ter ihm steht sei­ne Frau mit dem Re­vol­ver in der Hand. „Es hat vi­el­leicht nie­mals ein Ma­ler un­ter sol­cher Span­nung ge­ar­bei­tet“, schreibt der Künst­ler spä­ter in sei­nen Er­in­ne­run­gen. 1913 ist er auf­ge­bro­chen, um in der Süd­see das ganz an­de­re Le­ben zu fin­den. Span­nun­gen mit Ozea­ni­ern las­sen sich aber nicht igno­rie­ren. Das Pa­ra­dies als po­ten­zi­el­le Kampf­zo­ne? Nol­des No­tiz sagt viel über je­ne ver­dräng­ten Wi­der­sprü­che der Mo­der­ne, die die Kunst­hal­le Bre­men jetzt in ei­ner ei­ge­nen Aus­stel­lung auf­ar­bei­tet wer­den. „Der blin­de Fleck“: Un­ter die­sem Ti­tel schau­en Aus­stel­lungs­ma­cher jetzt rich­tig hin und ent­de­cken die bis­lang we­nig be­ach­te­ten Qu­er­ver­bin­dun­gen von Kunst und Ko­lo­nia­lis­mus. „Die Kunst­hal­le Bre­men ist das ers­te deut­sche Kunst­mu­se­um, das sich die­ser The­ma­tik stellt“, sagt de­ren Di­rek­tor Chris­toph Gru­nen­berg.

Emil Nol­de reist vor dem Ers­ten Welt­krieg mit ei­nem Schiff des in Bre­men be­hei­ma­te­ten Nord­deut­schen Lloyd in die Süd­see. Schif­fe die­ser Ree­de­rei hat­ten be­reits Jah­re zu­vor ja­pa­ni­sche Holz­schnit­te in die Han­se­stadt ge­bracht, Kunst­wer­ke, die ih­ren Ein­gang in die Samm­lung des Mu­se­ums fin­den soll­ten. Die künst­le­ri­sche Mo­der­ne und die zur glei­chen Zeit ent­ste­hen­den Mu­se­ums­samm­lun­gen als Herz­stü­cke eu­ro­päi­scher Kul­tur ver­dan­ken sich auch dem ko­lo­nia­len Aus­griff auf Län­der in Afri­ka, Asi­en und Ozea­ni­en. „Wir wol­len die ei­ge­ne Ge­schich­te kri­tisch hin­ter­fra­gen. Die mit dem Ko­lo­nia­lis­mus ver­bun­de­nen un­glei­chen Be­zie­hungs­ge­flech­te wir­ken bis heu­te nach“, sagt Ku­ra­to­rin Ju­lia Bin­ter, die das Aus­stel­lungs­pro­jekt ver­ant­wor­tet.

Bild ging zur Do­cu­men­ta

Das The­ma in­ter­es­siert auch weit über Bre­men hin­aus. Fra­gen nach dem Ver­hält­nis Eu­ro­pas zu ehe­ma­li­gen Ko­lo­ni­en stellt gera­de auch die Do­cu­men­ta in Kas­sel nach­drück­lich. Ein Kunst­werk von Am­ri­ta Sher-Gil, das Bin­ter in Bre­men zei­gen woll­te, wur­de zu­nächst nach Kas­sel zur Do­cu­men­ta ver­lie­hen. Sher-Gil mal­te sich auf dem Bild 1934 im Stil Gau­gu­ins als Ta­hi­tia­ne­rin und dreh­te da­mit den Blick eu­ro­päi­scher Avant­gar­de­künst­ler auf ver­meint­lich pri­mi­ti­ve Kul­tu­ren ein­fach um.

Das Bild, das jetzt in Kas­sel in der Neu­en Ga­le­rie aus­ge­stellt ist, wird erst ab dem 27. Sep­tem­ber 2017 in Bre­men zu se­hen sein. Das Bre­mer Pro­jekt

wird fi­nan­zi­ell von der Bun­des­kul­tur­stif­tung groß­zü­gig un­ter­stützt. Auch ein Zei­chen für die Re­le­vanz des Aus­stel­lungs­pro­jek­tes.

Bin­ter und Ku­ra­to­rin­nen der Kunst­hal­le brin­gen nun Wer­ke der klas­si­schen Mo­der­ne mit Kunst­wer­ken aus an­de­ren Erd­tei­len zu­sam­men. Wer­ke wie Ge­org Kol­bes Skulp­tur „Ma­lai­in“, Max Pech­steins Li­tho­gra­fie „Pa­lau­mäd­chen“oder Ernst Lud­wig Kirch­ners Ge­mäl­de

„Lie­gen­der Akt mit Fä­cher“zei­gen, wie Künst­ler des Ex­pres­sio­nis­mus frem­de Kul­tu­ren in­sze­nier­ten – als Ide­al­bild ei­ner von eu­ro­päi­scher Zi­vi­li­sa­ti­on noch nicht an­ge­krän­kel­ten Na­tür­lich­keit.

Wie schnell sol­che Ide­al­bil­der in blan­ken Ras­sis­mus kip­pen konn­ten, be­le­gen die Skulp­tu­ren von Fritz Behn. Der Bild­hau­er, der 1931 in Bre­men auch ei­nen aus Zie­geln ge­mau­er­ten Ele­fan­ten als Ko­lo­ni­al­denk­mal schafft, zeigt den „Afri­ka­ner“in sei­ner Bron­ze­skulp­tur von 1911 als tier­haft ver­zerr­ten Un­ter­men­schen.

Der um­ge­kehr­te Blick

Das Team aus Ku­ra­to­rin­nen, Künst­lern und Stu­die­ren­den von Hoch­schu­len zeigt al­ler­dings nicht nur den Blick, den Eu­ro­pas Avant­gar­de­künst­ler auf da­ma­li­ge Ko­lo­ni­en und die in ih­nen le­ben­den Men­schen war­fen. Sie prä­sen­tie­ren auch Ob­jek­te, die be­le­gen, wie Künst­ler in Afri­ka und Asi­en ih­rer­seits das für sie Frem­de in den Blick nah­men – die eu­ro­päi­schen Ko­lo­ni­al­her­ren näm­lich. Künst­ler aus To­go mach­ten sich über trä­ge Ko­lo­ni­al­be­am­te of­fen lus­tig. Ei­ne Bron­ze­skulp­tur zeigt den Pfei­fe rau­chen­den Eu­ro­pä­er, der sich von Afri­ka­nern in der Sänf­te tra­gen lässt und da­bei be­quem die Bei­ne über­ein­an­der­schlägt. Künst­ler aus Afri­ka for­men Queen Vic­to­ria oder den bel­gi­schen Kö­nig Al­bert zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts als we­nig schmei­chel­haf­te Ka­ri­ka­tu­ren roya­ler Ho­heit.

Wer sich mit den Bli­cken auf das kul­tu­rell Frem­de be­schäf­tigt, ent­deckt un­wei­ger­lich, wie brü­chig Iden­ti­tä­ten sein kön­nen. Ge­nau dar­um geht es dem Aus­stel­lungs­pro­jekt. Die Bild­nis­se der be­reits 1941 ver­stor­be­nen Am­ri­ta Sher-Gil be­le­gen, wie pro­duk­tiv es sein kann, das ei­ge­ne Bild in der Mas­ke an­de­rer Kul­tu­ren zu in­sze­nie­ren und sich da­mit fort­wäh­rend neu zu ent­de­cken.

Im Ver­gleich zu den Wer­ken die­ser heu­te nur noch Ex­per­ten be­kann­ten Künst­le­rin wir­ken man­che ak­tu­el­len Bei­trä­ge zu der Aus­stel­lung eher the­sen­haft und be­müht. Das gilt et­wa für Ngo­zi Schom­mers’ In­stal­la­ti­on aus Ver­pa­ckun­gen frü­her so­ge­nann­ter „Ko­lo­ni­al­wa­ren“und Por­träts heu­ti­ger Frau­en aus Afri­ka.

Weit auf­schluss­rei­cher ist es da schon, in ver­meint­lich ver­trau­ter Kunst bis­lang über­se­he­ne Sub­tex­te auf­zu­de­cken. Pau­la Mo­der­sohnBe­cker malt 1905 ihr „Still­le­ben mit Äp­feln und Ba­na­nen“. Die exo­ti­sche Frucht war 1902 erst­mals im­por­tiert wor­den – über Bre­men. So zeigt sich noch im ver­meint­lich bei­läu­fi­gen De­tail, wie sehr der Ko­lo­nia­lis­mus als de­ren bis­lang über­se­he­ne Kehr­sei­te zur künst­le­ri­schen Mo­der­ne ge­hört. Als der da­ma­li­ge Kunst­hal­len­di­rek­tor Emil Wald­mann 1922 erst­mals Ex­po­na­te aus dem Über­see-Mu­se­um in sei­nem Haus zeig­te, ern­te­te er noch wü­ten­de Re­ak­tio­nen. Heu­te ge­hört sol­che Kon­fron­ta­ti­on ganz selbst­ver­ständ­lich in ei­ne Aus­stel­lung – als Akt un­aus­weich­li­cher Selbst­auf­klä­rung und spä­ter Ge­rech­tig­keit.

Bre­men, Kunst­hal­le: Der blin­de Fleck. Bre­men und die Kunst in der Ko­lo­ni­al­zeit. 5. Au­gust bis 19. No­vem­ber 2017. Di., 10–21 Uhr, Mi.–So., 10–17 Uhr. www.kunst­hal­le­bre­men.de

Die Ku­ra­to­rin

der neu­en Son­der­aus­stel­lung, Ju­lia Bin­ter, ne­ben ei­ner „Ta­tanua-Mas­ke“. Fo­to: dpa

Exo­ti­sche Vor­bil­der: Das Ge­mäl­de „Nu­de with Fan, Ver­so: Sleeping Mil­li, 1909–1911“des deut­schen Ma­lers Ernst Lud­wig Kirch­ner (1880–1938) hängt in der neu­en Son­der­aus­stel­lung „Der blin­de Fleck. Bre­men und die Kunst in der Ko­lo­ni­al­zeit“in der Kunst­hal­le Bre­men. Rechts im Hin­ter­grund ist die Bron­ze „Ma­lai­in, 1916“von Mar­tin Kol­be (1877–1947) zu se­hen. Fo­to: dpa

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