Von Sta­gna­ti­on zu In­no­va­ti­on

Vi­deo­text, Dua­les Rund­funk­sys­tem und GEZ – 50 Jah­re Farb­fern­se­hen, Teil 2: 1977–1986

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen Am Samstag - Von Frank Jür­gens

Zehn Jah­re nach Ein­füh­rung des Farb­fern­se­hens sta­gnie­ren die Ver­kaufs­zah­len. Aber di­ver­se In­no­va­tio­nen sol­len das Seh­ver­hal­ten bald nach­hal­tig ver­än­dern.

Deutsch­land im Jah­re 1977: Düs­te­re Wol­ken ver­dun­keln das Le­ben dies­seits und jen­seits der in­ner­deut­schen Gren­ze. Wäh­rend als Fol­ge der Aus­bür­ge­rung Wolf Bier­manns zahl­rei­che Künst­ler und In­tel­lek­tu­el­le die DDR ver­las­sen, dar­un­ter auch Bier­manns Le­bens­ge­fähr­tin Eva-Ma­ria Ha­gen und ih­re Toch­ter Ni­na Ha­gen, wird die Bun­des­re­pu­blik von ei­ner un­fass­ba­ren Ter­ror­wel­le heim­ge­sucht. Der „Hei­ße Herbst“lähmt die Re­pu­blik.

Ei­gent­lich ein idea­ler Nähr­bo­den für Es­ka­pis­mus in die schö­ne, bun­te Welt des Fern­se­hens. Aber die Ver­kaufs­zah­len für Farb­fern­seh­ge­rä­te ent­spre­chen über­haupt nicht den Vor­stel­lun­gen von Han­del und In­dus­trie. Das Nach­rich­ten­ma­ga­zin „Spie­gel“kon­sta­tiert in der Aus­ga­be vom 7. No­vem­ber 1977, dass zehn Jah­re nach der „Farb­fern­seh-Ära“die „einst glit­zern­den Aus­sich­ten nur noch grau in grau“sei­en.

Ist die schö­ne, bun­te Welt des Farb­fern­se­hens 1977 wirk­lich schon wie­der zu En­de? Na­tür­lich nicht, wie man heu­te weiß. Grün­de für die Ab­satz­pro­ble­me der mit rund 2000 DM teu­ren Groß­ge­rä­te mit ei­ner 66 cm mes­sen­den Bild­röh­re sind nicht nur preis­li­cher Na­tur. Vie­len

Zu­schau­ern, ins­be­son­de­re den Jün­ge­ren, ist ein por­ta­bles, deut­lich klei­ne­res Ge­rät auch viel lie­ber. Das gibt es in Schwarz-Weiß be­reits für rund ein Zehn­tel des Prei­ses und passt ins kleins­te Zim­mer. Da­nach kann man sich so­gar noch ein Mo­fa leis­ten.

Die TV-Pro­gram­me, auch und ins­be­son­de­re für jun­ge Zu­schau­er, wer­den der­weil im­mer at­trak­ti­ver. Am 23. Ju­li 1977 strahlt die ARD un­ter Fe­der­füh­rung des WDR bei­spiels­wei­se erst­mals die „Rock­pa­last Nacht“aus, die dank Eu­ro­vi­si­on in ganz Eu­ro­pa emp­fang­bar ist. Mu­sik­fans in Deutsch­land kön­nen die Kon­zer­te nicht nur in der

blech­tö­ner­nen Glot­ze se­hen und hö­ren, son­dern via Ra­dio so­gar zeit­gleich in Ste­reo­sound ge­nie­ßen.

Die­ses und vie­le wei­te­re Un­ter­hal­tungs­an­ge­bo­te des west­deut­schen Fern­se­hens wer­den na­tür­lich auch von zahl­rei­chen DDR-Bür­gern mehr oder we­ni­ger heim­lich gou­tiert. Aber nicht nur po­li­tisch, auch tech­nisch gibt es ei­nen Kon­flikt der Sys­te­me. Die hei­ßen PAL und SECAM und sor­gen da­für, dass das Pro­gramm des je­weils an­de­ren Staa­tes nur in Schwarz­Weiß emp­fan­gen wer­den kann. Es dau­ert bis in die frü­hen 1980er-Jah­re, bis TVEmp­fän­ger dies- und jen­seits

der in­ner­deut­schen Gren­ze se­ri­en­mä­ßig bei­de Farbsys­te­me wie­der­ge­ben kön­nen.

Ab En­de 1979 kom­men als Nach­züg­ler im re­gu­lä­ren TV-Pro­gramm auch die Li­ve-Über­tra­gun­gen aus dem Bun­des­tag in Far­be auf die Bild­schir­me. Aber dar­über hin­aus zeich­nen sich ab­seits der gar nicht mehr so neu­en Farb­norm zahl­rei­che tech­ni­sche und po­li­ti­sche In­no­va­tio­nen am Ho­ri­zont ab, die schon bald den ge­sam­ten Be­reich der au­dio­vi­su­el­len Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie nach­hal­tig um­krem­peln sol­len.

Da­zu ge­hö­ren tech­ni­sche Neue­run­gen wie der erst­mals

auf der Funk­aus­stel­lung 1977 vor­ge­stell­te Te­le­text so­wie vor al­len Din­gen die Ein­füh­rung der sich ra­send ver­brei­ten­den Vi­deo­re­kor­der. End­lich kön­nen die Zu­schau­er erst­mals zeit­lich un­ab­hän­gig von Sen­de­zei­ten und Pro­gramm­an­bie­tern ihr Pro­gramm mit­tels ei­ge­ner Auf­nah­me so­wie Leih­kas­set­ten aus Vi­deo­the­ken zu­sam­men­stel­len. Die Po­li­tik in West­deutsch­land sorgt in­des­sen für die Ein­füh­rung des dua­len Rund­funk­sys­tems, die den Aus­bau des Ka­bel­net­zes vor­an­treibt und ne­ben öf­fent­lich-recht­li­chem Fern­se­hen nun auch Pri­vat­an­bie­ter zu­lässt. Im Ja­nu­ar 1984 ge­hen mit RTL plus und dem Sat1-Vor­läu­fer PKS zwei Sen­der an den Start, die zu­nächst von ARD und ZDF be­lä­chelt, dann aber schon bald ge­fürch­tet wer­den.

Ob­wohl sich die Ver­kaufs­zah­len der Farb­fern­seh­ge­rä­te al­len Un­ken­ru­fen aus dem Jah­re 1977 zum Trotz wie­der deut­lich ver­bes­sern und En­de der 1980er ei­ne Markt­sät­ti­gung mit Farb­fern­se­hern er­reicht ist, ge­hen die Zu­schau­er­zah­len in den Ta­ges­reich­wei­ten zwi­schen 1978 und 1984 von 71 auf 62 Pro­zent zu­rück. Erst 1985 wird wie­der das Ni­veau von 1978 er­reicht.

Da­für stei­gen die Rund­funk­ge­büh­ren kon­ti­nu­ier­lich an. Sind es 1977 noch 10,50 DM, die je­der Bun­des­bür­ger mo­nat­lich be­rap­pen muss, so sind es im Jah­re 1986 be­reits 16,25 DM Ge­samt­ge­bühr für Ra­dio und Fern­se­hen. Im­mer­hin wird bei der Rund­funk­ab­ga­be hier­zu­lan­de nicht zwi­schen Farb- und Schwarz-Wei­ßEmp­fän­ger un­ter­schie­den, so wie es bis jetzt im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich üb­lich ist.

Wer heut­zu­ta­ge in En­g­land im­mer noch schwarz­weiß glotzt, kann viel Geld spa­ren, weil der Emp­fang dann statt der üb­li­chen 147 bri­ti­schen Pfund nur jähr­lich 49,50 Pfund kos­tet.

Fo­to: dpa

Da­mals Re­vo­lu­ti­on, heu­te Nost­al­gie: Am 1. Ju­ni 1980 fiel der Start­schuss für den ARD/ZDF-Vi­deo­text in Deutsch­land. Na­tür­lich in Far­be. Be­reits 1977 wur­de er auf der Funk­aus­stel­lung in Ber­lin vor­ge­stellt.

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