Ab­sturz über­lebt – neu­es Glück ge­fun­den

Do­ku­men­ta­ti­on im Ers­ten por­trä­tiert Men­schen, die ei­ne Ka­ta­stro­phe haut­nah mit­er­leb­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen Am Sonntag - Von Joa­chim Schmitz

Vor zehn Jah­ren über­leb­te Clau­dia Roth­man­nKeh­ler ei­nen Flug­zeug­ab­sturz in Thai­land, der 90 an­de­re Men­schen das Le­ben kos­te­te. Im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on be­rich­tet sie von der Ka­ta­stro­phe und ih­rem Le­ben da­nach, das nun auch im Fern­se­hen the­ma­ti­siert wird.

OS­NA­BRÜCK. Die ARD-Do­ku­men­ta­ti­on „Mein neu­es Le­ben“von Nor­man Strie­gel fasst in ei­ner hal­ben St­un­de gleich drei sol­cher Schick­sa­le zu­sam­men: Denn auch Tho­mas Stau­din­ger über­leb­te im ver­gan­ge­nen Jahr das Zug­un­glück von Bad Ai­b­ling, bei dem zwölf Men­schen ums Le­ben ka­men. Und der heu­te 87-jäh­ri­ge Lothar Ba­ckes muss noch heu­te re­gel­mä­ßig an ein Gru­ben­un­glück vor 55 Jah­ren im saar­län­di­schen Lui­sen­thal den­ken, als 299 Men­schen star­ben, er aber um Haa­res­brei­te da­von­kam.

Clau­dia Roth­mann-Keh­ler ist 25, als sie am 11. Sep­tem­ber 2007 zum ers­ten Mal nach Thai­land reist. Mit ih­rem da­ma­li­gen Freund be­sucht sie ih­ren Bru­der, der zu die­ser Zeit im nord­thai­län­di­schen Chiang Mai ar­bei­tet. „Für mich als Stu­den­tin war es das High­light schlecht­hin, mal nach Thai­land zu flie­gen“, be­rich­tet sie im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Fünf Ta­ge nach ih­rer An­kunft wol­len die drei zu­sam­men ans Meer und star­ten nach ei­ner Zwi­schen­lan­dung in Bang­kok mit dem Flug 269 der Bil­lig-Flug­ge­sell­schaft

One-Two-Go Air­line zur Fe­ri­en­in­sel Phu­ket. Das Wet­ter drau­ßen ist zwar nicht gera­de ge­müt­lich, doch Clau­dia Roth­mann-Keh­ler macht sich kei­ne gro­ßen Ge­dan­ken: „Wenn ich mich rich­tig er­in­ne­re, ist es erst beim Lan­de­an­flug so win­dig ge­wor­den. Aber an ei­nen Not­fall ha­be ich nicht ge­dacht, ich hat­te so ein Ur­ver­trau­en, das mir sag­te: Es wird schon al­les gut ge­hen.“

Ging es aber nicht, wie sich wei­ter er­in­nert: „Ir­gend­wann merk­te ich, wir kip­pen auf die Sei­te weg und es geht nicht mehr gera­de run­ter, wie ein Flug­zeug nor­ma­ler­wei­se lan­det. Der Auf­prall war dann to­tal hef­tig, aber mein Ge­hirn hat es trotz­dem noch nicht ver­stan­den.“

90 Men­schen ster­ben, nur 40 über­le­ben, als die Ma­schi­ne auf der Lan­de­bahn zer­schellt, die drei Deut­schen aber, die im hin­te­ren Teil der Ma­schi­ne sit­zen, über­le­ben die Ka­ta­stro­phe mit ver­gleichs­wei­se ge­rin­gen Bles­su­ren:

„Ich hat­te ein blau­es Au­ge, Schürf­wun­den an Ober­schen­kel und Fuß und ei­ne klei­ne Platz­wun­de am Kopf. Al­so ei­gent­lich nichts, wenn man be­denkt, dass man mit ei­nem Flug­zeug ab­ge­stürzt ist“, er­in­nert sich Roth­mann-Keh­ler. Auch ihr Bru­der und ihr Freund sei­en mit Schürf­wun­den und klei­ne­ren Ver­let­zun­gen da­von­ge­kom­men.

„Es hat Jah­re ge­dau­ert“

Trotz der To­ten und Schwer­ver­letz­ten wird der Stu­den­tin die Di­men­si­on der Ka­ta­stro­phe zu­nächst gar nicht be­wusst: „Ei­gent­lich hat­te ich bis zu dem Au­gen­blick, in dem ich nach dem Crash im Bus saß, das Ge­fühl, gleich kommt je­mand und sagt, das sei al­les nur ein Scherz ge­we­sen. Ich ha­be Wo­chen ge­braucht, um rich­tig zu ver­ste­hen, was da pas­siert ist. Manch­mal den­ke ich, dass es Jah­re ge­dau­ert hat, bis ich be­grif­fen ha­be, was da­mals pas­siert ist.“

Tat­säch­lich ha­be sie den Ab­sturz gar nicht als schlimm emp­fun­den, sagt die heu­te 35-Jäh­ri­ge. „Aber die Jah­re da­nach wa­ren sehr schwer. Der Weg zu­rück ins Le­ben, ge­pflas­tert mit vie­len Ent­täu­schun­gen und Un­ver­ständ­nis. Ich wün­sche mir oft, dass die Ge­sell­schaft an­ders mit Men­schen um­geht, die ein Trau­ma er­lit­ten ha­ben. Und ich bin scho­ckiert, wie zum Bei­spiel Frem­de im In­ter­net het­zen oder sich an­hand sol­cher Er­eig­nis­se pro­fi­lie­ren wol­len.“

Da­mals sei­en vie­le Freund­schaf­ten zer­bro­chen, er­zählt sie wei­ter: „Ich hat­te stän­dig das Ge­fühl, nir­gends mehr da­zu­zu­ge­hö­ren.“Im Film be­rich­tet sie, ihr da­ma­li­ger Freund ha­be sie kurz nach dem Crash ver­las­sen, und ver­mu­tet, dass sie ihn im­mer an das er­in­nert ha­be, was pas­siert sei. Ganz an­ders ih­re El­tern, die zur größ­ten Stüt­ze wur­den.

Auch sonst hat Roth­mann-Keh­ler an dem Er­leb­ten zu kna­cken, wie sie un­se­rer Re­dak­ti­on wei­ter be­rich­tet: „Alb­träu­me hat­te ich et­wa die ers­ten vier Wo­chen nach dem Crash – das ist wohl ein ganz nor­ma­ler Pro­zess der Ver­ar­bei­tung. Und es gab im­mer wie­der Din­ge, die mich er­staunt ha­ben. Wenn ich zum Bei­spiel in ei­nen ge­schlos­se­nen Raum kam, ha­be ich gleich über­legt, wie man hier am schnells­ten wie­der raus­kommt. Des­halb bin ich auch nicht gern ICE ge­fah­ren – die hal­ten ja so sel­ten, und man kommt nicht raus. Au­ßer­dem ha­be ich un­ter ex­tre­mer Mü­dig­keit ge­lit­ten, weil der Kör­per den gan­zen Tag in ei­ner Hab-Acht-Stel­lung war und ver­such­te, sich dar­auf ein­zu­stel­len, dass et­was pas­siert und er los­ren­nen muss.“Das al­les aber ha­be sich heu­te er­le­digt.

Und nicht nur das: Clau­dia Roth­mann-Keh­ler ge­lingt der Sprung in ein neu­es Le­ben: Sie lernt ih­ren heu­ti­gen Mann Da­vid ken­nen, hei­ra­tet, be­kommt zwei Kin­der, wan­dert zwi­schen­zeit­lich mit der Fa­mi­lie nach Schwe­den aus und lebt seit vier Mo­na­ten wie­der in Deutsch­land.

„Mein Le­benstraum ist in Er­fül­lung ge­gan­gen, da­für bin ich sehr dank­bar,“sagt die 35-Jäh­ri­ge heu­te.“Manch­mal den­ke ich, dass ich all dies nicht so ge­nie­ßen könn­te, hät­te ich nicht schon so schwe­re Zei­ten hin­ter mir. Ich ha­be ei­nen ganz be­son­de­ren Ehe­mann, und un­se­re bei­den Kin­der be­rei­chern mich je­den Tag, au­ßer­dem ist un­ser Le­ben im­mer tur­bu­lent und ver­rückt. Mei­ne Ge­schich­te ist für mich rund, das ist mein Le­ben.“Da­zu ge­hört auch, dass sie längst wie­der fliegt – oh­ne Angst.

Mein neu­es Le­ben – Nach der Ka­ta­stro­phe. Das Ers­te, Sonn­tag, 6. Au­gust, 17.30 Uhr

Das voll­stän­di­ge In­ter­view mit Clau­dia Roth­mann-Keh­ler le­sen Sie auf noz.de/me­di­en

Fo­to: dpa

90 Men­schen star­ben, nur 40, dar­un­ter Clau­dia Roth­mann-Keh­ler, über­leb­ten, als die­se Ma­schi­ne auf Phu­ket in Thai­land zer­schell­te.

Kön­nen wie­der fröh­lich sein: Clau­dia Roth­mann-Keh­ler mit ih­rem Mann und ih­rer Toch­ter. Fo­to: Da­vid Keh­ler

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