Der Kampf um das per­fek­te Bild­nis

Du­ell im Ate­lier: „Fi­nal Por­trait“zeigt zwei Wo­chen aus dem Le­ben und Lei­den des Künst­lers Al­ber­to Gi­a­co­met­ti

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Film - Von Clau­dia Scholz

Das Pa­ri­ser Bo­hè­me-Vier­tel Mont­par­nas­se 1964: Der be­rühm­te Künst­ler Al­ber­to Gi­a­co­met­ti (ein zer­furch­ter Ge­off­rey Rush) lädt den ame­ri­ka­ni­schen Kunst­kri­ti­ker Ja­mes Lord (ein adret­ter Ar­mie Ham­mer) zu sich ins Ate­lier ein, um ihn zu por­trä­tie­ren.

Aus ei­nem ge­plan­ten Tref­fen wer­den 18 Sit­zun­gen, in de­nen Gi­a­co­met­ti das Bild­nis Lords im­mer wie­der über­malt. Der jun­ge Mann do­ku­men­tiert al­les mit sei­ner Ka­me­ra. Er be­glei­tet den ex­zen­tri­schen Bild­hau­er bei Streif­zü­gen durch Ca­fés und lernt des­sen Ge­lieb­te, die Pro­sti­tu­ier­te Ca­ro­li­ne (Clé­mence Poé­sy) ken­nen. Bei­de Haupt­prot­ago­nis­ten ver­fol­gen un­ter­schied­li­che Zie­le, der ei­ne will schnell zur Freun­din nach Ame­ri­ka, der an­de­re das per­fek­te Por­trät schaf­fen, oh­ne Rück­sicht auf sein Um­feld. Gi­a­co­met­ti ist es egal, wann das Bild fer­tig ist, er ar­bei­tet nicht nach Ef­fi­zi­enz­kri­te­ri­en. Mög­li­cher­wei­se ent­ste­hen nur so die bes­ten Por­träts. Hier trifft auch das un­ter­schied­li­che Zei­t­emp­fin­den von Al­ter und Ju­gend auf­ein­an­der.

Die bei­den Cha­rak­te­re sind so in­ten­siv ge­schil­dert, dass man so­fort in die Ge­schich­te hin­ein­ge­zo­gen wird, auch wenn man sonst nichts für Kunst­ge­schich­te üb­rig hat. Gi­a­co­met­ti er­scheint als

der Pro­to­typ des lei­den­den, mit sich ha­dern­den Künst­ler­typs, dem Geld nichts und sei­ne Kunst al­les be­deu­tet (bei ihm sta­peln sich die

Geld­schei­ne im kar­gen, un­be­heiz­ten Ate­lier).

Wenn die Ka­me­ra aus dem Ate­lier hin­aus auf die Stra­ße geht, sieht man, wie leer Pa­ris da­mals war. Das in­ti­me Bei­sam­men­sit­zen in den Bars und Kn­ei­pen, kei­ne Tou­ris­ten­strö­me. Die Lee­re und Ru­he, die da­mals noch herrsch­ten, das war ein ganz an­de­res Pa­ris, als wir es heu­te ken­nen. Ein Pa­ris, wie es der Schrift­stel­ler Patrick Mo­dia­no in sei­nen Ro­ma­nen fest­hält.

Wäh­rend des Films geht das Du­ell von Ma­ler und Mo­dell so­gar in Ge­walt über. Ver­ba­le Ge­walt. Pin­sel wer­den zu Waf­fen. „Es muss al­les zer­stört wer­den. Ich muss ganz von vorn be­gin­nen …“, soll Gi­a­co­met­ti bei der sechs­ten Sit­zung ge­sagt ha­ben. Zur Ver­zweif­lung des Por­trä­tier­ten tat er das dann auch. Dass es das Ge­mäl­de heu­te gibt, ist nur Lord zu ver­dan­ken, der dem Künst­ler das Bild aus der Staf­fe­lei riss, be­vor es ei­nem er­neu­ten Über­ma­len zum Op­fer ge­fal­len wä­re.

Gi­a­co­met­ti, der 15 Mo­na­te nach dem Sit­ting mit nur 64 Jah­ren starb, war nie zu­frie­den mit sei­ner Kunst und zer­stör­te vie­le sei­ner Wer­ke. Die Welt um ihn her­um sah das im­mer an­ders. Am 9. No­vem­ber 2015 wur­de das letz­te Por­trät bei Chris­tie’ s in New York für 20,8 Mil­lio­nen USDol­lar ver­kauft.

„Fi­nal Por­trait“. GB/F 2017. R: St­an­ley Tuc­ci. D: Ar­mie Ham­mer, Ge­off­rey Rush. 94 Mi­nu­ten. Kei­ne Al­ters­be­schrän­kung. Film­thea­ter Ha­se­tor.

Künst­ler Al­ber­to Gi­a­co­met­ti

(Ge­off­ry Rush) mit sei­nem Mo­dell, Kunst­kri­ti­ker Ja­mes Lord (Ar­mie Ham­mer). Fo­to: Pro­ki­no

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