Wie die Zeit ver­geht. . .

Ford Fies­ta I (1976): 41 Jah­re und sie­ben Ge­ne­ra­tio­nen lie­gen zwi­schen dem neu­es­ten und dem ers­ten Klein­wa­gen von Ford. Ei­ne Fahrt im Ur-Fies­ta ist ei­ne span­nen­de Zei­t­rei­se. Der ers­te und der neu­es­te Ford Fies­ta

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Leserbriefe - Von Ralf Schüt­ze

KÖLN. Au­tos rie­chen. Die­se Er­kennt­nis macht sich so­fort breit, wenn der Fah­rer nach lan­ger Zeit wie­der mal in ei­nem Klein­wa­gen sitzt. Zu­min­dest, wenn die­ser brand­neu beim Händ­ler stand, als der Pi­lot selbst gera­de mal zwölf Jah­re alt war. Ein ein­zig­ar­ti­ges Ge­misch aus Ben­zin, Öl, Le­der und da­mals ver­wen­de­ten Kunst­stof­fen weckt Er­in­ne­run­gen an 1976: Jür­gen Dr­ews lan­det in Deutsch­land mit „Ein Bett im Korn­feld“ei­nen un­be­küm­mer­ten Me­ga­hit, Ro­si Mit­ter­mei­er mu­tiert bei der Win­ter-Oly­pia­de in Inns­bruck zur na­tio­na­len „Gold-Ro­si“und der schwe­di­sche Kö­nig Karl Gus­tav hei­ra­tet die Deut­sche Sil­via Som­mer­l­ath. Und: Au­tos rie­chen da­mals ge­nau so, wie heu­te der wun­der­voll re­stau­rier­te Ford Fies­ta I, der eben 1976 den noch über­schau­ba­ren Markt der Klein­wa­gen be­rei­cher­te. Bis 1983 soll­ten welt­weit 3 Mil­lo­nen Ex­em­pla­re vom Fies­ta I auf die Stra­ßen rol­len, von al­len Ge­ne­ra­tio­nen wur­den bis­lang 17 Mil­lo­nen pro­du­ziert.

Es hat sich viel ge­tan

Au­tos klin­gen aber auch: Zum Bei­spiel noch vor dem Mo­tor­start, wenn man die Fah­rer­tü­re zu­wirft. Dün­nes Blech und spär­li­che In­nen­ver­klei­dung er­zeu­gen ein Ge­räusch, das im Ver­gleich zum heu­ti­gen Fies­ta VIII ge­wal­tig dünn klingt. Ge­ruch und Ge­räusch stel­len klar: In 41 Jah­ren hat sich al­ler­hand ge­tan. 1976 ist der ers­te Fies­ta spät dran als Klein­wa­gen mit Front­an­trieb und prak­ti­schem Schräg­heck. Aber nicht zu spät. Vor al­lem weib­li­che Kund­schaft soll der klei­ne Köl­ner da­mals als „Lieb­ling der Frau­en“an­spre­chen. Sie­ben Ge­ne­ra­tio­nen spä­ter sor­gen un­ter an­de­rem 25 Aus­stat­tungs­pa­ke­te, zwölf mo­der­ne Far­ben, das aus­ge­klü­gel­te In­fo­tain­ment-Sys­tem „Sync3“so­wie höchst ef­fi­zi­en­te Mo­to­ren da­für, dass der Fies­ta VIII mög­lichst vie­le ver­schie­de­ne Kun­den für sich be­geis­tert.

Das schafft sein Urahn Fies­ta I 1976 auf An­hieb. Die Be­geis­te­rung der da­ma­li­gen Au­to­tes­ter hält sich zwar ins­ge­samt in Gren­zen, doch ern­tet „Kölns Kleins­ter“punk­tu­ell durch­aus Lob bei der sei­ner­zeit füh­ren­den Fach­zeit­schrift Au­to Mo­tor Sport: „Den Ford-Sty­lis­ten ist die kei­nes­wegs leich­te Auf­ga­be, den schon zahl­reich vor­han­de­nen Schräg-Heck­for­men ei­ne neue, har­mo­ni­sche Va­ri­an­te hin­zu­zu­fü­gen, gut ge­lun­gen.“Für Vor­trieb sorgt der so­ge­nann­te „Kent-Mo­tor“, der be­reits beim Golf-Ri­va­len Ford Es­cort zum Ein­satz kommt. Ba­sis­mo­to­ri­sie­rung: Ein 1.0-Li­ter-Vier­zy­lin­der mit 40 PS. Was heu­te wie ein Druck­feh­ler aus­sieht, ist Mit­te der 70er Jah­re völ­lig nor­mal. Da­mit „spur­tet“der Fies­ta in 20 Se­kun­den von 0 auf Tem­po 100, rennt im­mer­hin 130 km/h, ge­neh­migt sich laut „DIN-Ver­brauch“7 Li­ter/100 Ki­lo­me­ter und ist für 8440 DM zu ha­ben – um­ge­rech­net 4315 Eu­ro.

Spür­ba­re Un­ter­schie­de

Zum Ver­gleich: Der Fies­ta VIII steht ab so­fort beim Händ­ler, kos­tet in der Ba­sis­ver­si­on mit 1,1-Li­ter-Ben­zi­ner und 70 PS Leis­tung 12 950 Eu­ro. Beim Spurt von 0 auf 100 km/h Spurt nimmt der jun­ge dem al­ten Fies­ta im­mer­hin 5,1 Se­kun­den ab. Er läuft 160 km/h Spit­ze und kommt laut NEFZ-Ver­brauch mit 4,4 Li­ter/100 Ki­lo­me­ter aus. Die Nor­men mö­gen nicht wirk­lich ver­gleich­bar sein. Aber was sich in über 40 Jah­ren nicht ge­än­dert hat: Der Re­al­ver­brauch liegt hö­her als der Ka­ta­log­wert. Beim Fies­ta I wa­ren dies 9,4 statt 7 Li­ter/100 Ki­lo­me­ter, der mo­der­ne Drei­zy­lin­der im Fies­ta VIII dürf­te pro­zen­tu­al ähn­lich hö­her lie­gen als die Norm.

Ein paar Kur­ven mit Fies­ta jung und alt ge­nü­gen: Die Stra­ßen­la­ge ist wie Tag und Nacht beim Köl­ner Klein­wa­gen. Wer sich über die­se spür­ba­ren Un­ter­schie­de wun­dert, muss noch nicht ein­mal in die Tie­fen der Fahr­werks­tech­nik ein­tau­chen. Be­reits ein Blick auf die Rei­fen ge­nügt: Denn da steht in Sa­chen Brei­te ei­ne „195“beim Fies­ta VIII, und ei­ne zier­li­che „120“beim Fies­ta I – kaum mehr als ein heu­ti­ges Not­lauf­rad. Aber: Da­für hat der Ur-Fies­ta ein voll­wer­ti­ges Er­satz­rad an Bord, was heut­zu­ta­ge un­üb­lich ge­wor­den ist.

Vom Rie­chen zum Hö­ren: Im In­nen­raum wirkt ei­ne völ­lig an­de­re Ge­räusch­ku­lis­se aufs Ge­hör der In­sas­sen ein. Viel di­rek­ter und un­ge­dämpf­ter der 1976er Fies­ta, zu­rück­hal­tend und sanft da­ge­gen der brand­neue 2017er. Den­noch fühlt sich der Young­ti­mer so­fort er­staun­lich wohn­lich und so­gar ge­räu­mig an. Die Grö­ße ist al­ler­dings enorm ge­wach­sen: Fies­ta I maß 3,57 Me­ter Län­ge, 1,57 Me­ter Brei­te und 1,36 Me­ter Hö­he. Der Rad­stand zwi­schen Vor­der- und Hin­ter­ach­se be­trug 2,29 Me­ter. Die Wer­te für den neu­en Fies­ta: 4,04 Me­ter, 1,73 Me­ter, 1,48 Me­ter, 2,49 Me­ter. Das Ge­päck­raum­vo­lu­men reicht heu­te bis zu ma­xi­mal 1093 Li­ter, 1976 muss­te man mit bis zu 658 Li­tern zu­recht­kom­men.

Urahn mit Charme

Ob­wohl prak­tisch al­le Qua­li­täts­merk­ma­le für den mo­der­nen Fies­ta spre­chen, und ob­wohl die­ser ei­ne ab­so­lut über­zeu­gen­de Pre­mie­re hin­ge­legt hat: In punc­to Charme ist der gift­grü­ne Urahn nicht zu über­tref­fen. Gera­de aus heu­ti­ger Sicht. Wäh­rend der im neu­en „Ka­la­ha­ri-Braun“la­ckier­te Fies­ta VIII mit bis zu 25 As­sis­tenz­sys­te­men das künf­ti­ge au­to­no­me Fah­ren er­ah­nen lässt, ver­wöhnt Fies­ta I mit Au­to­fah­ren pur. Bei­spiel: Das dün­ne­re Lenk­rad muss man fest in der Hand hal­ten, denn die oh­ne­hin nicht leicht­gän­gi­ge Len­kung ver­här­tet noch­mal bei flot­ten Rich­tungs­wech­seln. Das for­dert den Pi­lo­ten – und ver­stärkt sei­nen Fah­rein­druck. Der et­was brum­mi­ge Vier­zy­lin­der will auf Dreh­zahl ge­hal­ten wer­den, um we­nigs­tens die ma­xi­ma­len 40 PS ein­zu­set­zen. Im­mer­hin zeigt dies ein Dreh­zahl­mes­ser an – da­mals ein Lu­xus. Der mo­der­ne Drei­zy­lin­der legt sich schon ab 3500/min mit ma­xi­ma­ler Schub­kraft ins Zeug.

Doch dann fällt auch auf, dass so man­cher Fort­schritt nur so ei­ne Art Scha­dens­be­gren­zung dar­stellt: Im neu­en Fies­ta weist auf Wunsch ei­ne Rück­fahr­ka­me­ra den Weg. Im al­ten Fies­ta ist sie über­haupt nicht nö­tig, denn von vor­ne bis hin­ten sind die drei Dach­säu­len auf­fal­lend zier­lich ge­gen­über de­nen beim Nach­fah­ren. All der Fort­schritt hat seit 1976 zum An­set­zen von Wohl­stands­speck ge­führt: Von 730 auf 1130 Ki­lo­gramm Leer­ge­wicht – sat­te 400 Ki­lo­gramm oder 55 Pro­zent Stei­ge­rung. Da­zu kommt, dass sich der frosch­grü­ne Fies­ta I an­fühlt wie die Sieb­zi­ger Jah­re, aus de­nen er stammt: Frech und un­ge­zwun­gen. Knall­har­te Tes­ter­kri­te­ri­en wischt er char­mant zur Sei­te, in­dem er sei­nen ei­ge­nen Pu­ris­mus schmack­haft macht. Wer den al­ten Fies­ta fährt, denkt gar nicht dar­an, aufs Na­vi zu schie­len oder am Smart­pho­ne Emails zu che­cken. Der al­te klei­ne Köl­ner ver­einn­amt den Fah­rer so sehr und be­lohnt ihn da­für mit nichts wei­ter als dem rei­nen Fort­kom­men. Da­mit war man völ­lig zu­frie­den – da­mals.

Sie­ben Ge­ne­ra­tio­nen und 41 Jah­re lie­gen zwi­schen dem frosch­grü­nen Fies­ta I und dem Ka­la­ha­ri-brau­nen Fies­ta VIII. Fo­tos: Ralf Schüt­ze

Dün­nes Lenk­rad, zier­li­cher Schalt­knüp­pel am Vier­gang-Ge­trie­be, spär­li­che Tas­ten und In­stru­men­te im Fies­ta I.

Mas­si­ves Lenk­rad, 8-Zoll-Touch­screen und um 50 Pro­zent re­du­zier­te Be­dien­tas­ten im Fies­ta VIII.

Die C-Säu­le im Fies­ta VIII ist raum­grei­fend. Das legt die op­tio­na­le Rück­fahr­ka­me­ra nah.

Bei 120er Brei­te be­gann die Se­ri­en­be­rei­fung des Fies­ta I. Hier ein 145er Rei­fen.

Un­ein­ge­schränk­te Sicht nach hin­ten: Zier­li­che C-Säu­le am Schräg­heck des Fies­ta I.

Bei 195er Brei­te be­gin­nen die Rei­fen des Fies­ta VIII. Hier ei­ne 205er Di­men­si­on.

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