Wa­ge­mu­ti­ger Wi­kin­ger

Die ris­kan­te Rei­se übers Meer mach­te den Nor­we­ger Thor Hey­er­dahl welt­be­kannt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wochenende! - Von Micha­el Os­sen­kopp

Vor 70 Jah­ren wur­de der nor­we­gi­sche Aben­teu­rer Thor Hey­er­dahl qua­si über Nacht welt­be­rühmt. Am 7. Au­gust 1947 er­reich­ten er und fünf Ge­fähr­ten nach 101 Ta­gen das zur Tu­a­mo­to­grup­pe ge­hö­ren­de Ra­roia-Riff in Fran­zö­sisch-Po­ly­ne­si­en. Mit­hil­fe des Flo­ßes „Kon-Ti­ki“hat­te der 32-Jäh­ri­ge be­legt, dass die Be­sied­lung Po­ly­ne­si­ens von Süd­ame­ri­ka aus schon vor 1500 Jah­ren mög­lich ge­we­sen wä­re.

„Nach 7000 Ki­lo­me­tern gab es end­lich ei­nen sicht­ba­ren Be­weis, dass wir uns in den letz­ten Mo­na­ten be­wegt hat­ten“, stell­te Hey­er­dahl fest. Glück­lich drück­te er sei­ne Fin­ger in den Sand, bei der ge­sam­ten Über­fahrt war nie­mand ernst­haft ver­letzt wor­den.

Der Start­punkt des au­ßer­ge­wöhn­li­chen Aben­teu­ers am 28. April 1947 lag im pe­rua­ni­schen Cal­lao. Als Vor­la­ge für den Floß­bau dien­ten Be­rich­te und Zeich­nun­gen aus prä­ko­lum­bi­scher Zeit, auf die einst die spa­ni­schen Kon­quis­ta­do­ren ge­sto­ßen wa­ren. Zu­dem hat­ten Archäo­lo­gen in süd­ame­ri­ka­ni­schen Wüs­ten­grä­bern win­zi­ge Mi­nia­tur­flö­ße aus dem 5. Jahr­hun­dert ent­deckt. Hey­er­dahl und sei­ne Mann­schaft ver­wen­de­ten nur Ma­te­ria­li­en, die schon den Ur­ein­woh­nern zur Ver­fü­gung ge­stan­den ha­ben muss­ten, kei­ne Schrau­ben und Nä­gel aus Me­tall.

Un­ter­stützt von 20 Ma­ri­ne­sol­da­ten, wur­den tie­fe Ker­ben in das frisch ge­fäll­te Bal­sa­holz ge­schla­gen. Neun ge­glät­te­te Stäm­me wa­ren rund 14 Me­ter lang und 60 Zen­ti­me­ter dick, die Qu­er­höl­zer hat­ten ei­ne Län­ge von fünf­ein­halb Me­tern. Dar­über lag ein Git­ter aus Bam­bus­stan­gen, dar­auf ent­stand ei­ne zehn Qua­drat­me­ter gro­ße Hüt­te aus Bam­bus­stä­ben mit ei­nem Dach aus Ba­na­nen­blät­tern. Das ge­sam­te Kon­strukt wur­de von Hanf­tau­en zu­sam­men­ge­hal­ten. Der Mast aus Man­gro­ven­holz für das 25 Qua­drat­me­ter gro­ße Rah­se­gel maß ei­ne Hö­he von fast neun Me­tern.

Be­nannt war das Floß nach dem In­ka-Gott „Kon-Ti­ki“, in der My­tho­lo­gie des An­den­volks galt er als obers­ter Pries­ter und Son­nen­kö­nig. Der Le­gen­de nach sei er aus dem Os­ten ge­kom­men und ha­be die Zi­vi­li­sa­ti­on er­schaf­fen, be­vor er schließ­lich gen Wes­ten wei­ter­se­gel­te. Sein Ant­litz prang­te nun auf dem Se­gel des Flo­ßes.

Ne­ben „fri­scher Nah­rung“wie Ko­kos­nüs­sen, Ba­na­nen­stau­den, Süß­kar­tof­feln und Fla­schen­kür­bis­sen so­wie 1100 Li­ter Was­ser wa­ren auch Kon­ser­ven für vier Mo­na­te mit an Bord – als rei­ne Si­cher­heits­maß­nah­me. Zu­sätz­lich stell­te das US-Mi­li­tär Schlaf­sä­cke, Zünd­höl­zer, die selbst im feuch­ten Zu­stand bren­nen, Ko­cher und Son­nen­creme zur Ver­fü­gung.

Im Lau­fe der Über­fahrt zeig­te sich je­doch, dass die Cr­ew auch al­lein durch Fisch­fang hät­te über­le­ben kön­nen. Ge­fan­gen wur­den Flie­gen­de Fi­sche, Gold­ma­kre­len, Haie und Gelb­flos­sen-Thun. Mit auf­ge­spann­ten Se­gel­tü­chern ge­lang es, Re­gen­was­ser zu sam­meln. Zur mo­der­nen Aus­rüs­tung ge­hör­ten ei­ne Funk­an­la­ge, Sext­an­ten, ein Schlauch­boot, Wind­mes­ser und ei­ne Film­ka­me­ra zur Do­ku­men­ta­ti­on der Ex­pe­di­ti­on.

Am Tag der Ab­fahrt hat­te ein Schlep­per die „Kon-Ti­ki“90 Ki­lo­me­ter weit hin­aus­ge­zo­gen, um der Küs­ten­schiff­fahrt nicht ins Ge­he­ge zu kom­men. Die sechs Män­ner er­war­te­te nun ei­ne lan­ge See­pas­sa­ge über den Pa­zi­fi­schen Oze­an nach Po­ly­ne­si­en. Wo und wann sie ex­akt lan­den wür­den, wuss­ten sie nicht. Mit dem Hum­boldt­strom und dem Pas­sat­wind trieb die „Kon-Ti­ki“zü­gig Rich­tung Wes­ten, oft schaff­te sie mehr als 70 Ki­lo­me­ter an ei­nem Tag.

Ne­ben Hey­er­dahl, der in Os­lo Zoo­lo­gie und Geo­gra­fie stu­diert hat­te, be­stand die Mann­schaft aus ei­nem An­thro­po­lo­gen, ei­nem In­ge­nieur, ei­nem Künst­ler und zwei Fun­kern – fünf Nor­we­ger und ein Schwe­de. Er­fah­rung als See­mann hat­te kei­ner von ih­nen. Das war Hey­er­dahls Ab­sicht, nie­mand soll­te ihm spä­ter vor­wer­fen kön­nen, dass sei­ne Män­ner bes­ser na­vi­gie­ren konn­ten als die frü­hen in­dia­ni­schen Seg­ler. Ge­üb­te See­fah­rer wa­ren sich si­cher, dass das Tau­werk kei­ne zwei Wo­chen hal­ten wür­de. Zu­dem wa­ren die Män­ner über Wo­chen Hai­en und tro­pi­schen Stür­men na­he­zu schutz­los aus­ge­lie­fert. Erst mit zu­neh­men­der Fahrt­dau­er lern­te die Be­sat­zung, den Kurs über Steck­kie­le zu be­ein­flus­sen. Ent­ge­gen der Fach­me­i­nung ver­hin­der­ten gera­de die frisch ge­schla­ge­nen Stäm­me das Ein­drin­gen von Meer­was­ser, die an­geb­lich „un­ent­behr­li­chen“Stahl­t­ros­se und Me­tall­be­schlä­ge hät­ten die Holz­kon­struk­ti­on zer­schnit­ten und das Floß im Sturm ver­mut­lich zum Sin­ken ge­bracht. Nach da­mals gän­gi­gen Theo­ri­en sei Po­ly­ne­si­en von Asi­en aus be­sie­delt wor­den. Hey­er­dahl hielt das zwar nicht für un­mög­lich, aber we­gen der Pas­sat­win­de und dem Äqua­to­ri­al­strom für we­nig wahr­schein­lich. Ex­per­ten wie der Har­vard-Archäo­lo­ge Sa­mu­el Kirk­land Lothrop be­zeich­ne­ten die Theo­rie je­doch als ab­we­gig, weil ei­ne Rei­se von meh­re­ren Tau­send Ki­lo­me­tern über den Oze­an vor Ko­lum­bus „tech­nisch nicht durch­führ­bar“ge­we­sen sei. Er glaub­te viel­mehr, „ein Bal­saf­loß wür­de nach ma­xi­mal zwei Wo­chen sin­ken“.

„Es ver­ging kein Tag, oh­ne dass wir auf der Mee­res­flä­che Be­such von neu­gie­ri­gen Gäs­ten be­ka­men, die uns um­kreis­ten, und ein­zel­ne da­von, wie Del­fi­ne und Lot­sen­fi­sche, wur­den so zu­trau­lich, dass sie dem Floß Ge­folg­schaft leis­te­ten über das Meer und sich Tag und Nacht bei uns hiel­ten“, be­schrieb der nor­we­gi­sche Aben­teu­rer sei­ne Rei­se­er­leb­nis­se in dem 1948 ver­öf­fent­lich­ten Buch „Kon-Ti­ki. Ein Floß treibt über den Pa­zi­fik“. Der Best­sel­ler er­schien in mehr als 60 Spra­chen und ver­kauf­te sich über drei Mil­lio­nen Mal. Der wäh­rend der Über­fahrt ge­dreh­te Do­ku­men­tar­film er­hielt 1952 ei­nen „Os­car“.

Mit Hey­er­dahls Fahrt war die Be­sie­de­lung der In­seln durch süd­ame­ri­ka­ni­sche In­dia­ner zwar nicht nach­ge­wie­sen, aber sie be­leg­te, dass an­ti­ke Was­ser­fahr­zeu­ge vor 1500 Jah­ren da­zu grund­sätz­lich in der La­ge ge­we­sen wä­ren. Au­ßer­dem be­grün­de­te er durch sei­ne Floß­rei­se die ex­pe­ri­men­tel­le Archäo­lo­gie, die heu­te ei­ne an­er­kann­te Dis­zi­plin ist. Hey­er­dahls Cre­do lau­te­te: „Nie­mand kann be­haup­ten, et­was sei un­mög­lich, oh­ne es auch zu be­wei­sen. Und mir be­rei­tet es Freu­de, all den tro­cke­nen Ge­lehr­ten an die Na­se zu sto­ßen.“Den­noch blie­ben vie­le Wis­sen­schaft­ler skep­tisch, für sie war Hey­er­dahl le­dig­lich ein „wa­ge­mu­ti­ger Wi­kin­ger“.

Und tat­säch­lich, mitt­ler­wei­le gilt Hey­er­dahls Theo­rie als wi­der­legt. DNA-Un­ter­su­chun­gen ha­ben ge­zeigt, dass die weit ver­streu­ten Po­pu­la­tio­nen in Po­ly­ne­si­en mit­ein­an­der ver­wandt sind und ei­nen ge­mein­sa­men Ur­sprung in Asi­en ha­ben müs­sen. Ver­mut­lich ka­men die ers­ten Sied­ler aus Tai­wan und Pa­pua-Neu­gui­nea. Lin­gu­is­ten fan­den her­aus, dass die über 500 im Drei­eck zwi­schen Os­ter­in­sel, Ha­waii und Neu­see­land ver­tre­te­nen Spra­chen auf ei­ne ge­mein­sa­me Ur­spra­che in Süd­ost­asi­en zu­rück­ge­hen.

Be­reits 1973 wur­de mit nach­ge­bau­ten, tra­di­tio­nel­len Ka­ta­ma­ra­nen ge­zeigt, dass die­se auf lan­gen Rou­ten auch ge­gen den Wind se­geln kön­nen. Au­ßer­dem be­ein­flusst der Kli­ma­ef­fekt El Ni­ño al­le paar Jah­re vor­über­ge­hend die Strö­mungs­ver­hält­nis­se. Un­ter sol­chen Be­din­gun­gen hät­ten sich asia­ti­sche Sied­ler mü­he­los nach Os­ten trei­ben las­sen kön­nen.

Nach der Rei­se mit der Kon-Ti­ki war der For­scher­drang Hey­er­dahls noch nicht ge­stillt. Es folg­ten Ex­pe­di­tio­nen auf die Os­ter­in­sel und nach Ost­po­ly­ne­si­en (1955/56), mit den Pa­py­rus­boo­ten Ra I und Ra II über­quer­te er den At­lan­tik (1969/70) so­wie mit dem Schilfboot „Ti­gris“den In­di­schen Oze­an (1977/78). Von 1988 bis 1994 lei­te­te er Aus­gra­bun­gen im Nor­den Pe­rus. Wäh­rend der Ra-Ex­pe­di­tio­nen hat­te Hey­er­dahl mas­si­ve Öl­ver­schmut­zun­gen im Oze­an ent­deckt, die in der Welt­öf­fent­lich­keit für ei­ne Wel­le der Em­pö­rung sorg­ten und ihn zu ei­nem Pio­nier der Um­welt­be­we­gung mach­ten.

Die Kon-Ti­ki wur­de schließ­lich von Po­ly­ne­si­en nach Os­lo trans­por­tiert, das Floß be­fin­det sich ne­ben der re­stau­rier­ten Ra II und ei­nem Mo­dell der Ti­gris und Sta­tu­en von der Os­ter­in­sel im Kon-Ti­kiMu­se­um in Os­lo. Hey­er­dahl starb am 18. April 2002 im Al­ter von 87 Jah­ren an ei­nem Hirn­tu­mor.

Sechs Aben­teu­rer oh­ne Er­fah­rung als See­mann: Die Mann­schaft der „Kon-Ti­ki“un­ter der Lei­tung von Thor Hey­er­dahl (Bild von 2000). Fo­tos:

The Oce­an Voya­ger, im­a­go/teu­to­press

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