Ali­can­te statt All­tag

Vie­le Fa­mi­li­en nut­zen Pa­pas El­tern­zeit für ei­nen aus­ge­dehn­ten Ur­laub

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie - Von Si­na Wil­ke

Die Bil­der sa­hen toll aus: Schweiz, Spa­ni­en, Ita­li­en, ein Glas Wein vor dem herr­lich blau­en Mit­tel­meer. Da­zu Kom­men­ta­re wie: „Schwe­res Schick­sal. En­de der sechs­ten Ur­laubs­wo­che.“Die ganz nor­ma­le Ur­laubs­wol­ke in den so­zia­len Netz­wer­ken – Bil­der zum Mit­freu­en und Nei­di­schwer­den, wenn an­de­re es wo­an­ders gut ha­ben. Nur, dass dies kein nor­ma­ler Ur­laub war, son­dern El­tern­zeit. Des­halb war mein Be­kann­ter mit sei­ner Fa­mi­lie auch nicht zwei Wo­chen un­ter­wegs, son­dern zwei Mo­na­te.

Vor­weg: Ich gön­ne es ihm und sei­ner Fa­mi­lie. Ge­nau­so wie al­len an­de­ren Paa­ren, die es sich in sei­ner – klas­si­scher­wei­se – zwei­mo­na­ti­gen El­tern­zeit in der Fer­ne gut ge­hen las­sen. Sar­di­ni­en, Kroa­ti­en, Thai­land – al­les ist drin. Und es ist ja auch toll: Da ha­ben Fa­mi­li­en die Mög­lich­keit auf ei­ne lan­ge Aus­zeit, um ge­mein­sam aus­zu­span­nen, raus­zu­kom­men, Neu­es zu er­le­ben. Und was die Fa­mi­lie stärkt, kann doch nicht falsch sein, oder?

Trotz­dem ha­ben für mich die eu­pho­ri­schen Ur­laub-mit-Ba­by­Be­rich­te, über die man im­mer wie­der stol­pert, ei­nen Bei­ge­schmack. Nicht weil der Ur­laub nur für die El­tern ist, da es Ba­by pie­pe­gal ist, wo es le­cker Brei be­kommt. Na­tür­lich brau­chen klei­ne Kin­der kei­nen Ur­laub, aber: glück­li­che El­tern, glück­li­che Kin­der. Und ich kann auch der Kri­tik nicht fol­gen, die Fa­mi­lie ma­che „Ur­laub auf Staats­kos­ten“. Das El­tern­geld ha­ben sich Ma­ma und Pa­pa ver­dient, und wenn es zum Ur­laub reicht – war­um nicht? Fa­mi­lie ist man über­all.

Nein, in mei­nen zy­ni­schen Mo­men­ten den­ke ich so: Das hat der Herr sich ja fein aus­ge­dacht. Wäh­rend sich die Frau oft ein Jahr lang ganz­tags- und näch­tens von dem klei­nen Brül­ler an den Ner­ven zeh­ren lässt und da­bei noch den Haus­halt stem­men muss, macht der Mann in sei­ner El­tern­zeit ein­fach Ur­laub – mit Ma­ma an der Sei­te, die sich dann auch noch auf Mallor­ca oder am Gar­da­see um Ba­bys Be­lan­ge küm­mert. Klar, er ar­bei­tet wahr­schein­lich sonst auch wie ein Tier und bringt sich wahr­schein­lich noch abends bei der Kin­der­be­spa­ßung und im Haus­halt ein, wäh­rend es für Ma­ma schließ­lich nicht nur schwer, son­dern auch schön ist, so viel Zeit mit dem Kind zu ver­brin­gen.

Aber schön wä­re es doch auch, wenn Pa­pa merkt, was das wirk­lich be­deu­tet: das Ba­by zu be­gö­schern. Und zwar nicht mit Ma­ma an der Sei­te, die hin­zu­springt, so­bald ein Pups quer sitzt. Und auch nicht bei Rot­wein und 25 Grad an der Cô­te d’ Azur. Son­dern rich­tig. Nein, auch nicht für zwei St­un­den, wenn Ma­ma beim Sport ist oder für ein Wo­che­n­en­de, wenn sie mit ih­ren Freun­din­nen Well­ness macht. Son­dern mit al­lem Rums, der da­zu­ge­hört.

Den All­tag or­ga­ni­sie­ren. Ant­wor­ten auf Dut­zen­de Fra­gen fin­den: Was ma­che ich fürs Ki­taSom­mer­fest? Was es­sen wir heu­te? Wann ist das Klei­ne we­der in Schlaf- noch in Qu­en­gel-, son­dern in Su­per­markt­stim­mung? Wel­che Klei­der­grö­ße hat es jetzt? Wann zum Teu­fel soll ich denn bloß auf­räu­men? Und das al­les oh­ne Frau fra­gen zu kön­nen, wo jetzt noch mal die Feucht­tü­cher sind oder das Klei­ne, so­bald es mal et­was aus­dau­ernd brüllt, flugs auf Ma­mas Arm zu ver­frach­ten („Bei dir be­ru­higt es sich bes­ser!“).

Ich ge­be zu: Auch wir ha­ben un­se­re El­tern­zeit ge­mein­sam ge­nom­men (wenn auch oh­ne Ur­laub). Und na­tür­lich be­steht die Ge­fahr, dass ei­ne rei­ne Pa­pa-Ba­by-Zeit bei al­len zu Frust führt. Weil das Kind beim Va­ter viel schreit, der ge­nervt ist und Ma­ma dann auch. Aber es be­steht auch die Chan­ce, dass es gut läuft. Dass der Mann sei­ner Frau – vi­el­leicht die Hälf­te der El­tern­zeit lang? – den Wie­der­ein­stieg in den Job eb­net und stolz fest­stellt, dass er eben auch al­les hin­kriegt. Im Ge­gen­zug er­fährt Ma­ma dann, wie es ist, wie ein Tier zu ar­bei­ten und sich abends noch bei Kin­der­be­spa­ßung und Haus­halt ein­zu­brin­gen.

Der All­tag mit Ba­by sieht an­ders aus. Doch den über­las­sen vie­le Vä­ter auch wei­ter­hin lie­ber den Frau­en. Fo­to: im­a­go/Wes­tend61

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