Wie das B. zum Jo­han­nes kam

Mo­de­ra­tor Ker­ner über 50 Jah­re Farb­fern­se­hen – Lie­bes­er­klä­rung an die ge­druck­te Zei­tung

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Gespräch - Von Joa­chim Schmitz

Als Wil­ly Brandt am 25. Au­gust 1967 mit ei­nem sym­bo­li­schen Knopf­druck das Farb­fern­se­hen in Deutsch­land star­te­te, war Jo­han­nes Bap­tist Ker­ner gera­de mal zwei­ein­halb Jah­re alt. Mitt­ler­wei­le aber mischt er seit drei Jahr­zehn­ten kräf­tig mit und mo­de­riert ab 17. Au­gust im ZDF vier Ju­bi­lä­ums­shows zu 50 Jah­ren Farb­fern­se­hen. In sei­nem Ham­bur­ger Bü­ro er­zählt er sei­ne ganz per­sön­li­chen Fern­seh­ge­schich­ten, war­um er Tat­ort nicht mag, wie das B. in sei­nen Na­men kam und war­um er ei­ne Zei­tung schätzt, ob­wohl die­se ihn als „mensch­ge­wor­de­ne Erd­nuss“be­zeich­ne­te.

Herr Ker­ner, lau­fen Sie ei­gent­lich noch Ma­ra­thon? Ja, und ich wür­de sa­gen: Der schnells­te kommt noch.

Wie schnell wä­re das?

Ich will mal un­ter vier St­un­den lau­fen, und das muss ich mir bis heu­te im­mer ein biss­chen zu­recht­lü­gen. Mei­ne Best­zeit ist 4:08, ich sa­ge aber lie­ber 3:68. An­sons­ten lau­fe ich hier mei­ne Als­ter­run­den, aber ak­tu­ell bin ich nicht im Ma­ra­thon-Trai­ning. Ich bin über­haupt erst drei­mal Ma­ra­thon ge­lau­fen.

Ein Ma­ra­thon sind 42 Ki­lo­me­ter – wel­cher ist der schwers­te? Ich glau­be, die schwe­ren Ki­lo­me­ter sind die zwi­schen 30 und 35. Mir ha­ben die Leu­te im­mer er­zählt, es wür­den En­dor­phi­ne aus­ge­schüt­tet, wenn man dann über die Zi­el­li­nie läuft – da war­te ich heu­te noch drauf (lacht).

Als das Farb­fern­se­hen lau­fen lern­te, wa­ren Sie zwei­ein­halb. In wel­chem Al­ter set­zen Ih­re Er­in­ne­run­gen ans Fern­se­hen ein? Mei­ne ers­te Fern­seh-Er­in­ne­rung ist das WMEnd­spiel 1974, Deutsch­land ge­gen Hol­land.

Das war ja ei­ne WM im ei­ge­nen Land, und da­mals ist mein Wunsch, Sport­re­por­ter zu wer­den, noch ma­ni­fes­ter ge- wor­den. Ich war neun und mit zu­neh­men­der Zeit im­mer fas­zi­nier­ter und be­ses­se­ner da­von. Dass Deutsch­land da­mals Welt­meis­ter ge­wor­den ist, ha­be ich als gu­tes Omen ge­nom­men.

Wer oder was im Fern­se­hen hat Sie da­mals zum La­chen ge­bracht? Ich bin ein Ot­to-Kind, die Ge­ne­ra­ti­on nach Heinz Er­hardt und vor Ma­rio Barth oder den gan­zen an­de­ren Co­me­di­ans heu­te. Lo­ri­ot ha­be ich da­mals noch nicht so rich­tig ver­stan­den, und ich ha­be auch den Ein­druck, dass der erst spä­ter im Le­ben die­se ganz gro­ße Lie­be des Pu­bli­kums be­kom­men hat.

Ab wann durf­ten Sie Tat­ort gu­cken? Das muss­te man mir gar nicht er­lau­ben, weil ich es nicht woll­te. Ich ge­hö­re ver­mut­lich zu den we­ni­gen Deut­schen, die noch nie ei­nen Tat­ort kom­plett ge­se­hen ha­ben.

War­um das denn?

Mein Le­ben ist auf­re­gend ge­nug, da brau­che ich kei­ne künst­li­che An­span­nung. Des­halb gu­cke ich mir über­haupt kei­ne Kri­mis an, auch nicht „Ak­ten­zei­chen XY“. Wenn der Film an­fängt und es heißt „Das ist Do­ro­thee M., noch weiß sie nicht, dass dies ihr letz­ter Don­ners­tag ist ...“, bin ich schon raus (lacht). Da hab ich Schiss, ich brau­che die­se An­span­nung nicht. Ich ha­be to­ta­len kol­le­gia­len Re­spekt vor dem Er­folg die­ser gan­zen Schau­spie­ler, der Tat­ort ist ei­ne fan­tas­ti­sche Mar­ke. Aber dass er auch oh­ne mich funk­tio­niert, ist ja auch ei­ne schö­ne Er­kennt­nis.

Sie ha­ben vier Kin­der – wie ha­ben Sie de­ren Fern­seh­ver­hal­ten be­ein­flusst? Sport gu­cken wir zu­sam­men, das ist ja et­was Ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fen­des und emo­tio­nal Ver­bin­den­des. Shows se­hen wir uns auch mal an. Aber dann gibt’s auch Sa­chen, die ich nicht gu­cke – die Mä­dels se­hen zum Bei­spiel ger­ne „Top­mo­del“, das in­ter­es­siert mich jetzt nicht so. Im Ge­gen­satz zu „Let’ s Dan­ce“, das könn­te oh­ne Pro­ble­me auch im ZDF lau­fen. Ei­gent­lich ist das ei­ne öf­fent­lich-recht­li­che Sen­dung. Der größ­te Un­ter­schied ist, dass die Kin­der nicht mehr so li­ne­ar gu­cken wie mei­ne Ge­ne­ra­ti­on.

Son­dern?

Sie nut­zen die Me­dia­the­ken viel in­ten­si­ver und gu­cken, wann Sie wol­len oder Zeit ha­ben. Oder sie gu­cken sich nur Aus­schnit­te an, auf die sie über ir­gend­ein so­zia­les Netz­werk hin­ge­wie­sen wor­den sind. Vie­le Fern­seh­leu­te lei­ten dar­aus ab, dass der Ku­chen klei­ner wird, aber das stimmt ja nicht. Der Ku­chen bleibt der Ku­chen, er wird nur an­ders ge­ges­sen. Ob je­mand mei­ne Sen­dung um 20.15 Uhr guckt oder in der Me­dia­thek, ist mir zwar nicht wurscht – aber es ist al­les Ku­chen.

Ei­ne ak­tu­el­le Stu­die be­sagt, dass sich Ju­gend­li­che wie­der ver­stärkt dem klas­si­schen Fern­se­hen zu­wen­den. Mein Sohn liest so­gar Zei­tung, das fand ich völ­lig ver­rückt. Den Wirt­schafts­teil, das hat mir ein biss­chen Angst ge­macht.

Und Sie?

Ich le­se auch Zei­tung, in letz­ter Zeit ver­stärkt abends, weil ich mor­gens nicht da­zu kom­me. Je grö­ßer das For­mat, des­to bes­ser. Na­tür­lich le­se ich auch die „Bild“-Zei­tung, aber vor al­lem „FAZ“und „Süd­deut­sche“– Mann, sind da klu­ge Leu­te. Ich lie­be aber auch die­ses Knis­tern und Ra­scheln des Pa­piers. Da bin ich gern der Letz­te von ges­tern, wenn’ s denn je­mand so sieht. Zum Bei­spiel im Flug­zeug, wo man ja mit den ent­spre­chen­den Zu­gän­gen und Hots­pots auch on­li­ne le­sen könn­te, wür­de ich im­mer die Zei­tung vor­zie­hen. Das hat was Ge­müt­li­ches, ist ein hap­ti­sches Er­leb­nis, und den Ge­ruch hab ich auch gern. Zei­tung­le­sen ist ein Le­bens­ge­fühl.

Er­in­nern Sie sich noch an Ih­ren al­ler­ers­ten TV-Auf­tritt? Das muss 1987 beim Sen­der Frei­es Ber­lin ge­we­sen sein. Da hat­te ich ers­te klei­ne Auf­trit­te, Auf­sa­ger vor der Ka­me­ra. Ich hab dann auch schnell mo­de­riert – „Ber­li­ner Abend­schau“, ein re­gio­na­les Ma­ga­zin, dann auch in der ARD und schließ­lich bei Sat1. Rich­tig los ging’ s 1992, als „ran“an­fing. Am 14. Au­gust 1992 ha­be ich die al­ler­ers­te „ran“-Sen­dung mo­de­riert, das weiß ich heu­te noch.

Hat­ten Sie Vor­bil­der?

Ich fand vor al­lem Sport­re­por­ter toll. Ernst Hu­ber­ty, der frü­her die „Sportschau“mo­de­rier­te, Adi Fur­ler, Klaus Schwar­ze, auch mein frü­he­rer Chef Jo­chen Spr­ent­zel, der uns jun­ge Leu­te von da­mals sehr ge­för­dert hat. Vie­le da­von sind heu­te noch da­bei: Stef­fen Si­mon, der heu­ti­ge „Sportschau“-Chef, An­ne Will, der ARD-Do­ping-Experte Ha­jo Sep­pelt, Nor­bert Kö­nig und mei­ne We­nig­keit eben auch.

Ha­ben Sie sich im­mer schon Jo­han­nes B. ge­nannt, oder wann kam das B. da­zu? Nee, da war Al­ko­hol im Spiel und Rein­hold Beck­mann (lacht). Um ge­nau­er zu sein: Es war das Er­geb­nis ei­ner fröh­li­chen Nacht mit ihm. Als es wie­der hell wur­de, hat­te ich das B. als Un­ter­schei­dungs­merk­mal aus­ge­macht, und er hat mich da­zu er­mu­tigt. Aber ich will nicht Rein­hold als Schul­di­gen da­für be­nen­nen, das bin ich schon selbst. Und schließ­lich hei­ße ich ja wirk­lich mit zwei­tem Na­men Bap­tist.

Hät­ten Sie ei­gent­lich ger­ne mal „Wet­ten, dass..?“mo­de­riert? Nicht zwin­gend. Aber schon ger­ne?

Ich bin auch oh­ne „Wet­ten, dass..?“ziem­lich be­seelt. Sie se­hen ei­nen re­la­tiv aus­ge­gli­che­nen und nicht gera­de un­zu­frie­de­nen Fern­seh­mo­de­ra­tor vor sich sit­zen. Das Fern­se­hen hat mich glück­lich ge­macht. Ich woll­te als Elf­jäh­ri­ger Sport­re­por­ter wer­den, und dann kom­men Bun­des­li­ga, Cham­pi­ons Le­ague, Län­der­spie­le, Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten, Welt­meis­ter­schaf­ten, Olym­pi­sche Spie­le im Som­mer und im Win­ter. Soll ich jetzt sa­gen „Schei­ße ge­lau­fen“?

Gibt’s Sen­dun­gen, von de­nen Sie sa­gen wür­den: Die ver­gess ich nie? Na klar. Der Talk mit Bill Cl­in­ton oder fünf­mal Hel­mut Kohl. Der kam so gern zu mir in die Sen­dung – ver­mut­lich in der Haupt­sa­che, um mit mir in der Mas­ke über den 1. FC Kai­sers­lau­tern zu re­den. Kohl woll­te im­mer wis­sen, was in Kai­sers­lau­tern los ist – und ich konn­te es ihm manch­mal nicht wirk­lich sa­gen, weil ich gar nicht so rich­tig im Stoff war. Aber wenn wir in der Mas­ke ge­ses­sen und ge­quatscht ha­ben, hat er sich wohl­ge­fühlt. In der Sen­dung ha­be ich dann streng jour­na­lis­tisch mei­ne Fra­gen ge­stellt – und er hat sie be­ant­wor­tet. Meis­tens, manch­mal sag­te er aber auch: Das ist jetzt gar nicht die Fra­ge, aber ich will Ih­nen sa­gen…

Wel­che Sen­dung wür­den Sie gern un­ge­sche­hen ma­chen? Un­ge­sche­hen nicht. Ich ste­he zu al­len po­si­ti­ven Din­gen, aber auch zu al­len Feh­lern. Als Bos­bach neu­lich die Maisch­ber­ger-Sen­dung ver­las­sen hat, er­in­ner­ten sich ei­ni­ge auch wie­der an mei­ne Sen­dung mit Eva Her­man und an den Raus­schmiss. Wo­bei Raus­schmiss gar nicht der rich­ti­ge Be­griff ist – ich ha­be es ja viel zu­rück­hal­ten­der for­mu­liert: „Ich möch­te mich an die­ser Stel­le von dir ver­ab­schie­den…“

Das war…

…na­tür­lich ein ge­fühl­ter Raus­schmiss, und heu­te fin­de ich: Je­mand, der ei­nen an­de­ren in sein Wohn­zim­mer ein­lädt, kann ihn nicht so ein­fach raus­kom­pli­men­tie­ren. Ich will’ s nicht un­ge­sche­hen ma­chen, aber ich würd’ s nicht noch mal ma­chen.

Gab’s ei­ne Be­geg­nung durch das Fern­se­hen, für die Sie bis heu­te rich­tig dank­bar sind? Ich bin Va­ter von vier Kin­dern, und ich hab die Mut­ter die­ser Kin­der ken­nen­ge­lernt, weil ich Sport­re­por­ter war und sie Sport­le­rin. Das war zwar kein Fern­seh­mo­ment, son­dern ich mo­de­rier­te ei­ne Ver­an­stal­tung für ei­nen Au­to­mo­bil­her­stel­ler, von dem sie ge­spon­sert wur­de, und am En­de hat­te ich doch noch ein paar Fra­gen mehr. Dar­aus sind 20 Jah­re Ehe und vier Kin­der ge­wor­den. Es gibt nichts, wo­für ich dank­ba­rer sein könn­te.

Wer viel mo­de­riert, muss auch viel Kri­tik ein­ste­cken. Wie ge­hen Sie da­mit um? Es nutzt sich ein biss­chen ab. Aber es gab mal ei­ne Pha­se, in der ich wahn­sin­nig prä­sent war mit 130 Sen­dun­gen im Jahr. Dann bot man na­tür­lich ei­ne gro­ße An­griffs­flä­che und stand dann auch mit sei­nem Ge­sicht für vie­les, was an­de­ren Leu­ten am Fern­se­hen nicht ge­fällt. Das fin­de ich völ­lig in Ord­nung und ins­be­son­de­re im Rück­blick ab­so­lut nach­voll­zieh­bar. Ich hab ja auch die Mei­nung an­de­rer Leu­te.

Auch in der von Ih­nen so ge­schätz­ten „Süd­deut­schen Zei­tung“krie­gen Sie ge­le­gent­lich Ihr Fett weg. Aus mei­nen Koch­sen­dun­gen weiß ich, dass Fett ein glän­zen­der Ge­schmacks­trä­ger ist. Die „mensch­ge­wor­de­ne Erd­nuss“ist aber schon 20 Jah­re alt.

Der „fla­che Wit­ze klop­pen­de Schwie­ger­mut­ti-Lieb­ling“ist aber jün­ge­ren Da­tums. Da le­se ich dann nur den Schwie­ger­mut­ti-Lieb­ling (lacht). Die „Süd­deut­sche“bleibt trotz­dem ei­ne mei­ner liebs­ten Zei­tun­gen.

Fo­to: im­a­go/Fu­ture Image

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