Gab es ein „un­mo­ra­li­sches An­ge­bot“?

Grü­ne und SPD in Nie­der­sach­sen sind si­cher: Ih­re Ko­ali­ti­on fiel ei­ner In­tri­ge zum Op­fer

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

War­um wech­sel­te die bis­he­ri­ge nie­der­säch­si­sche Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te El­ke Twes­ten die Par­tei und stürz­te da­mit die rot-grü­ne Re­gie­rung? Für SPD und Grü­ne ist klar: Die CDU lock­te. Twes­ten und die CDU wi­der­spre­chen.

Von Klaus Wie­sche­mey­er

Es war bei der Land­tags­wo­che im Ju­ni, er­in­nert sich Hel­ge Lim­burg. „Frau Twes­ten hat mir am Ran­de des Plen­ums er­klärt, sie ha­be von der CDU ein ,un­mo­ra­li­sches An­ge­bot‘ be­kom­men“, sagt der Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­rer der Grü­nen. Kurz zu­vor hat­te die Par­tei­ba­sis die er­neu­te Kan­di­da­tur Twes­tens für den Land­tag durch­fal­len las­sen. Ge­knickt sei sie ge­we­sen, er­zählt Lim­burg. Doch ernst ge­nom­men ha­be er die Sa­che da­mals nicht. Im­mer­hin ge­hö­re so et­was zum po­li­ti­schen Ge­schäft da­zu. „Im Rück­blick se­he ich das na­tür­lich an­ders“, sagt er heu­te.

Am Frei­tag hat El­ke Twes­ten die Grü­nen-Frak­ti­on ver­las­sen und da­mit ein po­li­ti­sches Be­ben in Nie­der­sach­sen aus­ge­löst. Da Twes­ten ihr Man­dat nicht ab­gibt, son­dern zur CDU mit­nimmt, ist die Ein-Stim­men-Mehr­heit von Rot-Grün im Land per­du. Die Re­gie­rung von Ste­phan Weil (SPD) ist fünf Mo­na­te vor der ge­plan­ten Land­tags­wahl am En­de, das Land steu­ert auf vor­zei­ti­ge Neu­wah­len zu.

Da­mit hat auch der hei­ße Wahl­kampf di­rekt be­gon­nen. Und zu die­sem ge­hört die Fra­ge, war­um Twes­ten nach zwei Jahr­zehn­ten Grü­nen­Mit­glied­schaft ih­re Re­gie­rung zer­stört. Ist es Ra­che, weil ihr Kreis­ver­band in Ro­ten­burg die Wie­der­wahl der Frau­en­po­li­ti­ke­rin tor­pe­dier­te und sich hin­ter die weit­ge­hend un­be­kann­te Bir­git Brenne­cke stell­te? Gab es das „un­mo­ra­li­sche An­ge­bot“der CDU mit Aus­sicht auf Man­dat oder Pos­ten, was die Uni­on aber ka­te­go­risch zu­rück­weist? Oder war der Aus­tritt doch nur das En­de ei­ner jah­re­lan­gen in­halt­li­chen Ent­frem­dung zwi­schen den links­las­ti­gen nie­der­säch­si­schen Grü­nen und Twes­ten?

Ge­schich­ten von Ver­rat

Die Ant­wort ist wich­tig für den Wahl­kampf: Ein mut­maß­li­cher Ver­rat am Wäh­ler­wil­len lie­ße die CDU in ei­nem schlech­ten Licht ste­hen und mo­bi­li­siert die Re­gie­rungs­frak­tio­nen. „Aus Wut wird Mut“, heißt es bei den Grü­nen.

Die CDU hat hin­ge­gen kei­ner­lei In­ter­es­se dar­an, als Brut­stät­te in­tri­gan­ter Pos­ten­scha­che­rer dar­ge­stellt zu wer­den. Ent­spre­chend deut­lich hat­ten be­reits am Frei­tag Par­tei­chef Bernd Al­t­hus­mann und Frak­ti­ons­chef

Björn Thüm­ler klar­ge­stellt, dass es kei­ne Ver­spre­chen ge­be und man die Ge­wis­sens­ent­schei­dung Twes­tens re­spek­tie­ren müs­se.

Es half nichts: Das Wo­che­n­en­de über ha­gel­te es im Netz hef­ti­ge Kri­tik an der Ab­ge­ord­ne­ten.

Hö­he­punkt: Der SPD-Par­tei­vor­stand pos­te­te ein Fo­to mit ei­ner fins­ter drein­bli­cken­den Twes­ten und dem Text „Das neue, glaub­wür­di­ge Ge­sicht der CDU“. Nach hef­ti­ger Kri­tik lösch­te die SPD den Tweet. Auch die Grü­nen teil­ten aus. So schrieb Ex-Frak­ti­ons­kol­le­ge Vol­ker Ba­jus: „Die ei­ge­ne Kar­rie­re über die po­li­ti­schen In­hal­te zu stel­len wi­dert mich an.“

Die 54-Jäh­ri­ge selbst mel­de­te sich am Sonn­tag­mor­gen zu Wort. Die Re­ak­tio­nen ins­be­son­de­re „von so­ge­nann­ten Par­tei­freun­dIn­nen“sei­en „zum Teil nie­der­träch­tig, zu­tiefst be­lei­di­gend und mensch­lich un­an­stän­dig“. Die „halt­lo­sen Un­ter­stel­lun­gen“, sie sei Teil ei­ner „In­tri­ge“oder ha­be sich kau­fen las­sen, wei­se sie aufs Schärfs­te als „Le­gen­den­bil­dung“zu­rück. Für die CDU kann Twes­ten nicht in den nächs­ten Land­tag ein­zie­hen, die Lis­te der CDU steht längst. Auch sonst sei­en ihr „kei­ne Ver­spre­chun­gen ge­macht wor­den“, be­tont sie am Sonn­tag, nach­dem sie Frei­tag noch von ei­ner Kan­di­da­tur fürs Eu­ro­pa­par­la­ment ge­re­det hat­te.

„Null-To­le­ranz-Li­nie“

Doch was führ­te dann zur Tren­nung? Twes­ten sagt, sie sei mit ih­ren Po­si­tio­nen bei den Grü­nen zu­neh­mend auf tau­be Oh­ren ge­sto­ßen, auch bei der Frak­ti­ons­spit­ze oder Grü­nen-Mi­nis­te­ri­en. So ha­be sie die „Null-To­le­ranz-Li­nie“beim The­ma In­fra­struk­tur­aus­bau eben­so kri­ti­siert wie die Grü­nen-Po­si­tio­nen zur in­ne­ren Si­cher­heit und zur Ver­brei­tung des Wol­fes an der Küs­te. Nie­der­sach­sens Grü­ne hät­ten sich von der Rea­li­tät der Men­schen im Land ent­fernt, wirft sie ih­rer al­ten Par­tei vor.

Tat­säch­lich ist Twes­tens Wer­ben für schwarz-grü­ne Ko­ali­tio­nen auf lo­ka­ler und Lan­des­ebe­ne seit Jah­ren ein ro­tes Tuch für vie­le im tra­di­tio­nell links auf­ge­stell­ten Lan­des­ver­band.

Die har­sche Kri­tik der ExG­rü­nen an der Po­li­tik der Par­tei ver­wun­dert Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­rer Lim­burg aber nun doch. „In der Frak­ti­on ist sie nicht son­der­lich mit Kri­tik auf­ge­fal­len. Es sieht so aus, als ob sie ver­sucht, ih­re Mo­ti­ve im Nach­hin­ein an die Wahl­kampf­stra­te­gie der CDU an­zu­pas­sen“, sagt er. Vom Harz bis zum Wat­ten­meer: mehr Be­rich­te zum Bun­des­land auf noz.de/nie­der­sach­sen

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Fo­to: dpa

So schnell än­dern sich die Zei­ten: Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) be­such­te noch im Ju­ni zu­sam­men mit der Ab­ge­ord­ne­ten El­ke Twes­ten das im Rück­bau be­find­li­che Kern­kraft­werk in Sta­de. Da dach­te die Ex-Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin schon an ei­nen Wech­sel zur CDU.

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