Oh­ne Re­for­men dro­hen neue Ri­si­ken

Die Eu­ro-Kri­sen­staa­ten ha­ben sich aus dem Tief ge­kämpft – doch wie nach­hal­tig ist der Er­folg?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Grie­chen­land ist zu­rück an den Fi­nanz­märk­ten. Ir­land steht bes­ser da als vor der Kri­se. Un­se­re Se­rie zieht ei­ne Zwi­schen­bi­lanz der Eu­ro-Ret­tung.

Von Tho­mas Lud­wig

OS­NA­BRÜCK. Ei­ne Schwal­be macht noch kei­nen Som­mer – aber in Zei­ten wie die­sen wird sich manch ein grie­chi­scher Po­li­ti­ker in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung den 12. Ju­li 2017 wohl grün an­ge­stri­chen ha­ben im Ka­len­der: Die EU-Kom­mis­si­on lässt At­hen vom Ha­ken, emp­fiehlt, das Kri­sen­land nach acht Jah­ren aus dem Ver­fah­ren we­gen über­mä­ßi­ger Haus­halts­de­fi­zi­te zu ent­las­sen.

In­zwi­schen ist Hel­las so­gar er­folg­reich an die Fi­nanz­märk­te zu­rück­ge­kehrt, hat von In­ves­to­ren drei Mil­li­ar­den Eu­ro ein­ge­sam­melt. Die La­ge im Land ha­be sich „spek­ta­ku­lär“ver­bes­sert, gab sich EU-Fi­nanz­kom­mis­sar Pier­re Mosco­vici aus die­sem An­lass fro­hen Mu­tes. Ein er­neu­tes Auf­flam­men der Eu­ro-Kri­se scheint der­zeit in wei­ter Fer­ne. Doch kann Eu­ro­pa tat­säch­lich Ent­war­nung ge­ben? „Ich war­ne vor ei­ner ver­früh­ten Eu­pho­rie“, sag­te der Vi­ze­prä­si­dent des EUPar­la­ments, Alex­an­der Graf Lambs­dorff (FDP), un­se­rer Re­dak­ti­on.

Grund­sätz­lich gilt: Die ehe­ma­li­gen Kri­sen­län­der zei­gen ei­ne kräf­ti­ge Er­ho­lung. „Ir­land steht nun so­gar bes­ser da als vor der Fi­nanz­markt­kri­se“, sag­te der Au­ßen­wirt­schafts­chef des Deut­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges (DIHK), Vol­ker Trei­er, un­se­rer Re­dak­ti­on.

Zu­gu­te kä­men den Volks­wirt­schaf­ten da­bei nicht nur die Ren­di­te ih­rer Re­for­men, son­dern auch ein Bün­del güns­ti­ger Ent­wick­lun­gen. „Die Welt­wirt­schaft ex­pan­diert, die Roh­stoff­prei­se sind wei­ter­hin nied­rig wie das Zins­ni­veau. Auch der lan­ge nied­ri­ge Eu­ro­wech­sel­kurs hat die Aus­fuhr­ge­schäf­te un­ter­stützt“, be­ton­te Trei­er.

Das be­stä­ti­gen deut­sche Un­ter­neh­men vor Ort. Laut

DIHK ge­hen in Spa­ni­en, Por­tu­gal und Ir­land je knapp zwei Drit­tel von ih­nen von ei­ner wei­te­ren Ver­bes­se­rung der Kon­junk­tur in den nächs­ten zwölf Mo­na­ten aus. „Ei­ne Stär­kung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit be­lebt die Ex­por­te. In so ei­nem Um­feld sind Un­ter­neh­men in der La­ge, mehr zu in­ves­tie­ren und Be­schäf­ti­gung auf­zu­bau­en. Das zieht dann hö­he­re Kon­sum­aus­ga­ben nach sich“, so Trei­er.

Trotz al­ler Re­form­an­stren­gun­gen bleibt das Sor­gen­kind der Eu­ro­zo­ne je­doch Grie­chen­land. Die Schul­den­kri­se dort ist nach wie vor nicht ge­löst. „Bei der nö­ti­gen Rück­füh­rung der Aus­ga­ben ist das Land gut vor­an­ge­kom­men, we­ni­ger gut bei Re­for­men zur Stär­kung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit und der In­ves­ti­ti­ons­be­din­gun­gen“, sag­te Volks­wirt Trei­er. Bei nach wie vor schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen sei­en aber zu­min­dest die deut­schen Un­ter­neh­men vor Ort et­was op­ti­mis­ti­scher, was ih­re dor­ti­gen Ge­schäf­te für 2017 be­trifft.

Die po­li­ti­sche Un­si­cher­heit über die Zu­kunft des Eu­ros wird zu­dem durch den Dis­put über die Schul­den­trag­fä­hig­keit Grie­chen­lands an­ge­heizt; er schwelt zwi­schen den Eu­ro-Län­dern und dem Eu­ro­päi­schen Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus ei­ner­seits und dem In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) an­de­rer­seits.

Auch in Ita­li­en wächst die Wirt­schaft seit dem ver­gan­ge­nen Jahr wie­der. Je­doch ist das Tem­po nach An­sicht von Wirt­schafts­ex­per­ten auch hier zu ge­ring. Die Ri­si­ken im ita­lie­ni­schen Ban­ken­sek­tor schwe­len wei­ter. Da kann noch et­was auf Eu­ro­pa zu­kom­men. Die Kre­dit­fä­hig­keit des Lan­des nimmt seit 2010 un­un­ter­bro­chen ab. Grund hier­für ist laut dem Thinktank Cen­trum für Eu­ro­päi­sche Po­li­tik (CEP) seit 2013 ei­ne Ero­si­on des Ka­pi­tal­stocks. „Sie ist auf die un­ge­lös­ten wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me, die ho­he öf­fent­li­che Ver­schul­dung und die po­li­ti­sche Un­si­cher­heit zu­rück­zu­füh­ren“, schreibt das CEP in ei­ner Ana­ly­se.

Oh­ne Ri­si­ko ist die Be­le­bung der Wirt­schaft nicht. So kon­su­miert et­wa Por­tu­gal nach An­sicht der CEP-Wis­sen­schaft­ler über sei­ne Ver­hält­nis­se. Lässt die Po­li­tik in ih­rem Re­form­ei­fer nach, dro­hen Rück­schlä­ge – zu­mal sich stüt­zen­de Rah­men­be­din­gun­gen wie ein nied­ri­ger Eu­ro schnell wan­deln kön­nen.

Eu­ro­pas Wäh­rung und ih­re Pro­ble­me: Mehr auf noz.de/eu­ro­zo­ne

Fo­to: dpa

Je­sus hat nichts da­mit zu tun: Über die Ret­tung Grie­chen­lands wird in Brüs­sel und At­hen ver­han­delt.

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