Ifo-Chef: Kri­sen­staa­ten nur vor­läu­fig ge­ret­tet

Fu­est zieht „ver­hee­ren­de Bi­lanz“der Grie­chen­land­po­li­tik – To­tal­aus­fall von ge­kauf­ten Staats­an­lei­hen we­nig wahr­schein­lich

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Uwe West­dörp

OS­NA­BRÜCK. Wie steht es um die Eu­ro-Ret­tung? Wie weit ist es ge­lun­gen, Kri­sen­staa­ten zu hel­fen. Da­zu Ant­wor­ten von Cle­mens Fu­est, dem Prä­si­den­ten des Ifo-In­sti­tuts.

Herr Fu­est, die Eu­ro-Staa­ten Grie­chen­land, Por­tu­gal, Ir­land, Spa­ni­en und Zy­pern sind mit Mil­li­ar­den­be­trä­gen vor dem Kol­laps be­wahrt wor­den. Hat sich der Ein­satz ge­lohnt? Oder dro­hen schon bald wie­der neue Pro­ble­me? Er­le­ben wir nur ei­ne trü­ge­ri­sche Ru­he?

Mit die­sen Mil­li­ar­den ha­ben wir nicht al­lein die­sen Län­dern ge­hol­fen, son­dern auch deut­sche Ban­ken und Spar­gut­ha­ben ge­ret­tet. Al­ler­dings ist die­se Ret­tung nur vor­läu­fig. Wir wis­sen nicht, ob hoch ver­schul­de­te Staa­ten wie et­wa Por­tu­gal ih­re Schul­den zu­rück­zah­len kön­nen. Im Fall Grie­chen­lands ist die Bi­lanz der Ret­tungs­po­li­tik si­cher­lich ver­hee­rend, das Geld ist größ­ten­teils ver­lo­ren, gleich­zei­tig geht es der grie­chi­schen Be­völ­ke­rung schlecht.

Als sechs­ter Sor­gen­fall macht Ita­li­en Schlag­zei­len, un­ter an­de­rem we­gen der Schief­la­ge der Ban­ken. Kann man ein Land sol­cher Grö­ße über­haupt ret­ten? Oder wä­ren die Part­ner in der Eu­ro­zo­ne über­for­dert?

Man kann das Land mit Staats­an­lei­hen­käu­fen der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank und wach­sen­der ver­steck­ter Kre­dit­ver­ga­be durch das Tar­get-Sys­tem si­cher­lich lan­ge li­qui­de hal­ten. Al­ler­dings wird ir­gend­wann der Druck stei­gen, dem Land mit of­fe­nen Trans­fers zu hel­fen. Dann könn­te es zu mas­si­ven po­li­ti­schen Kon­flik­ten in Eu­ro­pa kom­men. Man kann nur hof­fen, dass es Ita­li­en ge­lingt, die Wirt­schaft zu re­for­mie­ren und aus ei­ge­ner Kraft wie­der hö­he­res Wachs­tum zu er­rei­chen.

Was muss ge­sche­hen, da­mit sich Not­fäl­le wie auf dem Hö­he­punkt der Schul­den­kri­se nicht wie­der­ho­len? Was ist wich­ti­ger: Spa­ren? Oder struk­tu­rel­le Re­for­men? Oder Kon­sum und Wachs­tum stär­ken? Nie­mand kann für die Zu­kunft neue Ver­schul­dungs­kri­sen aus­schlie­ßen. Aber es ist wich­tig, dass Ban­ken und Staa­ten die Kos­ten sol­cher Kri­sen nicht auf an­de­re ab­wäl­zen kön­nen. Letzt­lich muss je­des Land selbst ent­schei­den, wel­chen Weg es ein­schlägt, um sei­ne wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me zu lö­sen. Wer wachs­tums­för­dern­de Struk­tur­re­for­men nicht will, soll sie un­ter­las­sen, dann aber auch die Kon­se­quen­zen in Form ei­nes nied­ri­ge­ren Le­bens­stan­dards tra­gen.

Spre­chen wir über die Kos­ten der Eu­ro-Ret­tung. Für wie wahr­schein­lich hal­ten Sie es, dass es nach der Bun­des­tags­wahl ei­nen Schul­den­schnitt zu­guns­ten von Grie­chen­land ge­ben wird?

Wir hat­ten ja schon meh­re­re Schul­den­schnit­te in Form von Zins­sen­kun­gen und Lauf­zeit­ver­län­ge­run­gen. Wenn die Zin­sen ge­gen null ten­die­ren und die Lauf­zeit im­mer län­ger wird, ist das gleich­be­deu­tend mit ei­nem Schul­den­er­lass. Der Schul­den­er­lass wird so ver­schlei­ert, das wirt­schaft­li­che Er­geb­nis ist das glei­che. Deutsch­land haf­tet für die ge­mein­sa­me EZB-Bi­lanz mit 25,6 Pro­zent und dem­ent­spre­chend auch für die mas­si­ven An­lei­he­käu­fe. An­geb­lich wür­den bei ei­nem To­tal­aus­fall der An­lei­hen schon jetzt mehr als 150 Mil­li­ar­den Eu­ro im Feu­er ste­hen. Rich­tig?

Ein To­tal­aus­fall der Staats­an­lei­hen, die von der EZB ge­hal­ten wer­den, ist kein plau­si­bles Sze­na­rio. Rich­tig ist, dass es für die EZB durch die Staats­an­lei­hen­käu­fe im­mer schwe­rer wird, die Un­ab­hän­gig­keit der Geld­po­li­tik zu be­wah­ren. Sie ist zu ei­nem wich­ti­gen Fak­tor für die Fi­nan­zie­rung der öf­fent­li­chen Haus­hal­te ge­wor­den.

Sind die An­lei­he­käu­fe der EZB noch le­gal? Oder han­delt es sich nicht schon längst um ver­bo­te­ne Staats­fi­nan­zie­rung und die Ver­ge­mein­schaf­tung von Schul­den? Der Kauf von Staats­an­lei­hen durch die EZB ist nicht il­le­gal. Bei der Grün­dung der Eu­ro­zo­ne hat die Po­li­tik in Eu­ro­pa vie­le Feh­ler ge­macht. Ei­ner die­ser Feh­ler be­stand da­rin, nicht zu re­geln, un­ter wel­chen Um­stän­den die No­ten­bank Staats­an­lei­hen der Mit­glied­staa­ten kau­fen darf. Im­mer­hin ver­langt die EZB, dass die na­tio­na­len No­ten­ban­ken für Ver­lus­te aus den Käu­fen der Staats­an­lei­hen haf­ten. Das ist ein Si­gnal da­für, dass die Mit­glied­staa­ten das Kauf­pro­gramm nicht als So­li­dar­haf­tung für Staats­schul­den an­se­hen sol­len.

Wie lau­tet Ih­re Emp­feh­lung an EZB-Chef Draghi?

Es ist an der Zeit, aus den An­lei­he­käu­fen aus­zu­stei­gen. Au­ßer­dem muss die EZB die Rol­le des obers­ten Kri­sen­ma­na­gers in der Eu­ro­zo­ne ab­ge­ben. Das ist die Auf­ga­be ge­wähl­ter Re­gie­run­gen, nicht der No­ten­bank.

Fo­to: dpa

Cle­mens Fu­est

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