Der Tri­umph des Bad Boy

Gat­lin ent­thront Bolt – Ein Du­ell, das zu Her­zen ging – „Wir ha­ben uns nie ge­hasst“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Micha­el Jo­nas

Der Mus­kel­mann wein­te. Kei­ner wuss­te in die­sem Mo­ment, ob es Trä­nen des Glücks wa­ren, end­lich den Ri­va­len be­siegt zu ha­ben, oder Trä­nen des Trot­zes, es dem wi­der­spens­ti­gen Pu­bli­kum ge­zeigt zu ha­ben. Jus­tin Gat­lin war nach 9,92 Se­kun­den ein­fach nur glück­lich. Und Welt­meis­ter.

Er hat Usain Bolt ent­thront. Den un­glaub­li­chen Ja­mai­ker, der die Sai­son über mit ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men zu kämp­fen hat­te. Drei Hun­derts­tel­se­kun­den la­gen zwi­schen ihm und dem un­ge­lieb­ten Ame­ri­ka­ner. Ein Wim­pern­schlag, kaum zu se­hen für die meis­ten der be­geis­ter­ten 60000 Zu­schau­er im Lon­do­ner Olym­pia­sta­di­on. Und da­zwi­schen dräng­te sich der Mann der Zu­kunft. Der erst 21-jäh­ri­ge Chris­ti­an Co­le­man hol­te Sil­ber in 9,94 Se­kun­den. Zwi­schen den al­ten Män­nern des Sprints wirk­te er wie ein Mus­ter­kna­be.

Es war ein schnel­les Ren­nen, aber kein über­ra­gen­des. Der ers­te Hö­he­punkt der Leicht­ath­le­tik-Welt­meis­ter­schaft leb­te von den Emo­tio­nen. Von der ver­meint­li­chen Ri­va­li­tät zwi­schen dem Gu­ten und dem Bö­sen. Doch so war es nicht. Im Ge­gen­teil: Es war ein Lauf, der am En­de zu Her­zen ging. Usain Bolt um­arm­te sei­nen Wi­der­sa­cher, der zwölf Jah­re nach sei­nem Gold­lauf bei der WM in Hel­sin­ki sei­nen zwei­ten WM-Ti­tel

auf der Tur­bostre­cke hol­te. „Usain hat mir gra­tu­liert und dann ge­sagt, du hast hart da­für ge­ar­bei­tet, und all die­se Buh­ru­fe hast du nicht ver­dient“, er­zähl­te das 35-jäh­ri­ge Kraft­pa­ket, das dem Vor­ur­teil von ei­ner Ab­nei­gung ge­gen Bolt wi­der­sprach: „Wir sind Ri­va­len auf der Bahn, aber in der Warm-up-Zo­ne ha­ben wir im­mer un­se­re Wit­ze ge­macht und hat­ten ei­ne gu­te Zeit. Das ist ein ma­gi­scher Abend für Usain Bolt. Ich ha­be ihn im­mer re­spek­tiert, und wir ha­ben uns nie ge­hasst.“

Nur we­ni­ge im Sta­di­on hat­ten ihm den Er­folg ge­gönnt. Der Bad Boy, der zwei­mal als Doper er­wischt wor­den war; das ers­te Mal vor sa­ge und schrei­be 16 Jah­ren. 2006 schien Gat­lins Kar­rie­re be­en­det. Doch er zog den Kopf aus der Sch­lin­ge, weil er als Kron­zeu­ge ge­gen sei­nen ehe­ma­li­gen Trai­ner aus­sag­te. Ei­ne frag­wür­di­ge Ent­schei­dung, aber die Le­gi­ti­ma­ti­on für ei­ne spä­te­re Fort­set­zung der Lauf­bahn. Die acht­jäh­ri­ge Wett­kampf­sper­re wur­de dann noch hal­biert, 2010 war Gat­lin wie­der im Ren­nen.

Nicht zu­letzt des­halb war er der Buh­mann in Lon­don. In al­len drei Läu­fen wur­de ihm das Le­ben schwer ge­macht; man­cher hät­te re­si­gniert. Für Gat­lin war es ein Ad­re­na­lin­schub, vi­el­leicht ei­ne Re­ak­ti­on auf den Hy­pe um Bolt. Nach dem Ren­nen wein­te er hem­mungs­los, ging vor dem Kon­kur­ren­ten auf die Knie und hul­dig­te dem Su­per­mann.

Der Ja­mai­ka­ner war und ist der Lieb­ling. Selbst als Ver­lie­rer flo­gen ihm die Sym­pa­thi­en des Pu­bli­kums zu. Gat­lin hielt sich zu­rück, Bolt ging auf die Eh­ren­run­de. Bil­der, die den Mo­ment des Ab­schieds am bes­ten ein­fin­gen. Es war Bolts letz­tes Ein­zel­ren­nen. Am Sonn­tag läuft er noch die 4×100-m-Staf­fel. Dann ist die ein­zig­ar­ti­ge Kar­rie­re ei­nes Man­nes be­en­det, des­sen Leis­tun­gen im­mer wie­der von Skep­sis be­glei­tet wur­den. Wenn Gal­tin sich auf­ge­putscht hat mit un­er­laub­ten Mit­teln, war­um nicht dann auch der Ja­mai­ka­ner? Bis­her gilt er als sau­ber – und als Son­ny­boy, der mit sei­nen Fa­xen und fröh­li­chem Ge­ha­be der Lieb­ling der Mas­sen ist. So auch am Sams­tag­abend. Auf sei­ner letz­ten Run­de, vor­bei an den ap­plau­die­ren­den Fans, war er in sei­nem Ele­ment. Und er zeig­te sich als fai­rer Ver­lie­rer.

„Er war der bes­te Geg­ner, dem ich je­mals be­geg­net bin“, sag­te der in die Jah­re ge­kom­me­ne Welt­re­kord­ler, der sich erst­mals in ei­nem gro­ßen 100-Me­ter-Fi­na­le im di­rek­ten Du­ell ge­schla­gen ge­ben muss­te. „Die bei­den wa­ren bes­ser als ich und ha­ben das ein­fach durch­ge­zo­gen“, sag­te der 30-jäh­ri­ge Bolt, der das zwölf­te WM-Gold vor al­lem we­gen sei­nes be­kannt schlech­ten Starts ver­pass­te.

Für den Show­star der Renn­bahn war es das end­gül­ti­ge Bye-bye von der Ein­zel­stre­cke. Noch ein­mal muss er ran, sei­nen Lands­leu­ten zum Staf­fel­ti­tel ver­hel­fen. Be­wei­sen muss er nie­man­dem mehr et­was. Er hat den Sprint be­herrscht wie kein an­de­rer. Sein Welt­re­kord von 9,58 Se­kun­den ist ei­ne Best­zeit für die Ewig­keit. Bolts Ab­schied in Lon­don bleibt un­ver­gess­lich.

Nach sei­nem Tri­umph ver­neigt sich Welt­meis­ter Jus­tin Gat­lin vor der Le­gen­de Usain Bolt. Der Ja­mai­ka­ner lan­det bei sei­nem letz­ten Ein­zel­start über 100 Me­ter am En­de auf Rang drei.

Fo­to: imago/Ac­tionPlus/dpa (2)

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