Har­tings Tri­kot bleibt dies­mal heil

Deutsch­lands Dis­kus­rie­se rutscht ins Mit­tel­maß, lässt aber kei­ne Ent­täu­schung er­ken­nen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Micha­el Jo­nas

LON­DON. So rich­tig ge­knickt war Ro­bert Har­ting nicht. Wahr­schein­lich hat­te er den Aus­gang nach ei­ner Sai­son mit mehr Tief­punk­ten als Hö­hen vor­aus­ge­se­hen. „Sechs­ter war ich auch noch nicht“, scherz­te der 32-jäh­ri­ge Ber­li­ner an je­nem Ort, an dem er sei­nen größ­ten Tri­umph ge­fei­ert hat­te. Als sich der Dis­kus-Kö­nig vor fünf Jah­ren der Welt­öf­fent­lich­keit als hei­te­rer Selbst­dar­stel­ler prä­sen­tier­te, sein Tri­kot zer­riss und über Hürden sprang. Dies­mal war al­les viel ru­hi­ger, we­ni­ger spek­ta­ku­lär aus der Sicht des drei­fa­chen Welt­meis­ters.

Vier Fehl­ver­su­che bei sechs An­läu­fen wa­ren ei­ne denk­bar schlech­te Bi­lanz für den Hü­nen, der schon vor Schluss des Wett­kamp­fes re­si­gnier­te. Sein letz­ter Wurf lan­de­te nach ei­ge­ner Ein­schät­zung bei et­wa 66,50 Me­ter. Das wä­re zu we­nig ge­we­sen für ei­ne Me­dail­le. Er trat auf den Rand der Ab­gren­zung. Un­gül­tig. Ob Vier­ter oder Sechs­ter, das spiel­te für ihn nach ei­ge­ner Aus­sa­ge kei­ne Rol­le.

Vor den Au­gen sei­nes Bru­ders Chris­toph, der sich ein Jahr nach sei­nem Rio-Tri­umph nicht für die WM qua­li­fi­ziert hat­te, blieb der äl­te­re Har­ting mit 65,10 Me­tern im Rah­men sei­ner Mög­lich­keit. „Ich hat­te tech­ni­sche Pro­ble­me, und wenn man im WMFi­na­le da­mit an­fängt, die zu lö­sen, dann kann man nicht mehr rich­tig wer­fen“, be­grün­de­te Har­ting sei­ne Hilf­lo­sig­keit.

Die Gold­me­dail­le ge­wann der Li­tau­er An­d­ri­us Gud­zi­us (69,21) vor dem Schwe­den Da­ni­el Stahl (69,19) und Ma­son Fin­ley aus den USA (68,03). Stahl war mit ei­ner Jah­res­best­leis­tung von 71,29 m als Top­fa­vo­rit an­ge­reist, muss­te sich aber in der knapps­ten Dis­kus-Ent­schei­dung der WM-Ge­schich­te mit Sil­ber be­gnü­gen.

Har­ting schaff­te gleich 65,10 Me­ter. Dar­auf hät­te man auf­bau­en kön­nen. Aber die Kon­kur­renz kon­ter­te. Spä­tes­tens als Gud­zi­us und Stahl im zwei­ten Durch­gang die 69-Me­ter-Mar­ke über­tra­fen und auch Fin­ley mit 68,03 so weit warf wie nie zu­vor, deu­te­te sich an, dass an die­sem Abend nichts zu ho­len war.

Har­ting war 2009, 2011 und 2013 Welt­meis­ter ge­wor­den. 2015 hat­te er die Ti­tel­kämp­fe in Pe­king als Fol­ge ei­nes im Jahr zu­vor er­lit­te­nen Kreuz­band­ris­ses ver­passt. 2016 war Har­ting bei den Olym­pi­schen Spie­len be­reits in der Qua­li­fi­ka­ti­on ge­schei­tert, nach­dem er sich ei­nen He­xen­schuss zu­ge­zo­gen hat­te. In Lon­don woll­te er zum Ab­schluss sei­ner WM-Kar­rie­re noch ein­mal Spaß ha­ben. Das Heim­spiel im nächs­ten Jahr bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Ber­lin will er noch mit­neh­men. Ent­spre­chend ge­löst und ge­las­sen wirk­te der Herr des Rings.

„Es war geil, so ein vol­les Sta­di­on ha­be ich bei ei­ner Qua­li­fi­ka­ti­on noch nicht er­lebt. Im Fi­na­le wer­de ich mich wahr­schein­lich so wohl füh­len wie noch nie“, hat­te er nach dem Vor­kampf ge­sagt. Das Vor­ha­ben, sei­nen drei WM-Ti­teln ei­nen vier­ten hin­zu­zu­fü­gen, schei­ter­te. Har­ting, der nach ei­ge­nen Wor­ten vie­le Sa­chen nicht mehr so ernst nimmt, war nicht son­der­lich ent­täuscht. Da­für hat er schon zu viel ge­won­nen.

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