Dies­mal stand sie nicht un­ter Strom

Lü­ckenk­em­per ver­passt das Fi­na­le – Ers­te deut­sche Frau seit Kr­ab­be über 100 Me­ter un­ter elf Se­kun­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Von Micha­el Jo­nas

Der Start war schlecht, und Gi­na Lü­ckenk­em­per ver­lor den An­schluss. Die sym­pa­thi­sche 20-jäh­ri­ge Dort­mun­de­rin war im Vor­lauf blitz­schnel­le 10,95 Se­kun­den ge­lau­fen. Im Halb­fi­na­le wur­de sie in 11,16 Se­kun­den nur Sechs­te. Ih­re Ent­täu­schung konn­te sie nicht ver­ber­gen. Un­gläu­big schüt­tel­te sie den Kopf nach ih­rem Aus­schei­den, hat­te sich aber schnell im Griff: „10,95 kann man nicht je­den Tag lau­fen. Ich hat­te ja schon er­reicht, was ich mir vor­ge­nom­men ha­be. Al­les an­de­re wä­re Zu­ga­be ge­we­sen.“

Am Sams­tag hat­te sie noch in ei­nem be­mer­kens­wer­ten Auf­tritt im ZDF-Sport­stu­dio ein Ge­heim­nis ver­ra­ten, das vie­le TV-Zu­schau­er in Er­stau­nen ver­setz­te. Vor Wett­kämp­fen leckt sie im­mer mal wie­der mit der Zun­ge an ei­ner Neun-Volt-Bat­te­rie, um sich zu sti­mu­lie­ren. Ob sie das vor dem Halb­fi­na­le auch ge­macht hat, war zu­nächst nicht klar. Si­cher ist: Ihr fehl­te die Ener­gie, die sie im Vor­lauf so stark ge­macht hat­te.

Als ers­te Deut­sche seit 26 Jah­ren war Lü­ckenk­em­per, die schnell re­det, schnell isst und schnel­le Au­tos liebt un­ter der ma­gi­schen Elf-Se­kun­den-Mar­ke ge­blie­ben. Ka­trin Kr­ab­be war die letz­te Sprin­te­rin, die das schaff­te. Die Neu­bran­den­bur­ge­rin war am 27. Au­gust 1991 bei ih­rem WM-Sieg in To­kio 10,99 Se­kun­den ge­lau­fen, aber im Zwi­schen­lauf mit 10,91 Se­kun­den so­gar noch schnel­ler. Mi­t­rei­ßend: „Das ist phä­no­me­nal! 10,95 Se­kun­den sind gi­gan­tisch“, kom­men­tier­te An­ne­gret Rich­ter, 100-Me­ter-Olym­pia­sie­ge­rin von 1976, die Leis­tung der Dort­mun­de­rin. Nach den deut­schen Meis­ter­schaf­ten in Erfurt, wo Lü­ckenk­em­per 11,01 Se­kun­den hin­leg­te, hat­te Rich­ter ihr ei­ne 10er-Zeit zu­ge­traut.

Bei ei­ni­gen Tref­fen hat die heu­te 66-Jäh­ri­ge ih­re Nach­fol­ge­rin ken­nen­ge­lernt: „Dass sie bei gro­ßen Wett­kämp­fen lo­cker blei­ben kann, ist ihr gro­ßes Plus – und das war bei mir frü­her auch so. Sie hat jetzt mit die­ser Zeit al­ler­dings auch ein klei­nes Päck­chen zu tra­gen.“

Am Sonn­tag ver­pass­te sie die Chan­ce, ein Zei­chen zu set­zen – wie sie an­ge­kün­digt hat­te. „Deut­scher Sprint ist geil und deut­scher Sprint kann was“, hat­te die EMD­rit­te über 200 Me­ter ge­sagt. Das hat noch nicht ganz ge­klappt. Da­bei hat­te sie sich vor­ge­nom­men, noch ei­nen Tick schnel­ler zu lau­fen. Jetzt war sie mehr als ei­nen Tick zu lang­sam. Vi­el­leicht wird sie jetzt ei­nen Gang zu­rück­schal­ten, wie nach ih­rem De­büt in der Dia­mond Le­ague. „Mein Ge­hirn stand kurz vor der Kern­schmel­ze“, be­rich­te­te Lü­ckenk­em­per. Sie ver­ord­ne­te sich ei­ne strik­te Pau­se mit viel Ku­scheln mit Pferd „Pi­cas­so“, be­vor es mit Voll­gas zur WM ging. „Das war ge­nau der rich­ti­ge Weg“, be­fand Deutsch­lands schnells­te Frau, die im Halb­fi­na­le nicht so rich­tig un­ter Strom stand.

Sprin­te­rin Gi­na Lü­ckenk­em­per. Fo­to: dpa

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