Bau­stel­len-Lie­be: An­bag­gern mal an­ders

Spot­ter gibt es in Os­na­brück über­all, wo sich Rad­la­der, Mul­den­kip­per oder Wal­zen be­we­gen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von An­ne Spiel­mey­er

Sie be­ginnt früh und en­det in vie­len Fäl­len nie: die Lie­be zur Bau­stel­le. Bag­ger, Kran, Ge­rüst: Os­na­brück hat da ei­ni­ges zu bie­ten. Ein Blick durch die Bril­le der Bau­stel­lenS­pot­ter und Psy­cho­lo­gen.

Das Bes­te am Ur­laub im Nor­den war die Au­to­bahn – mit all ih­ren Bau­stel­len auf A1 und A7. „Die Kin­der wa­ren so glück­lich“, räumt Melanie Pel­le­mey­er aus Os­na­brück ein und meint ih­re bei­den Söh­ne Lu­kas (8) und Jan­nis (5). Was die Au­to­bahn kann, kann Os­na­brück schon lan­ge. Schließ­lich wach­sen mit dem Som­mer auch die Stel­len, an de­nen ge­bag­gert und ge­gra­ben wird: „Wir kom­men nur sehr lang­sam von der Stel­le“, sagt Mut­ter Pel­le­mey­er über ih­ren Weg in die In­nen­stadt. Und das führt sie nicht et­wa auf Staus oder Stra­ßen­sper­run­gen zu­rück, son­dern auf ih­re bei­den Jungs, die ger­ne ste­hen und tief in die Bau­gru­be gu­cken: der Nach­wuchs der Spot­ter-Sze­ne. Die Müll­ab­fuhr wur­de ir­gend­wann lang­wei­lig, die Bau­stel­le nicht. Bei ih­rem Mann hal­te sich das Phä­no­men bis heu­te.

Par­ken in der 4

Die Fa­mi­lie hat in der vier­ten Eta­ge des Park­hau­ses an der Her­ren­teichs­stra­ße ge­parkt. „Ak­tu­ell muss es im­mer die Vier sein“, er­klärt die 37-Jäh­ri­ge. Ein Grund: Durch das Rol­lo lässt sich ein Blick auf das neue Sport­haus von L&T er­ha­schen, bei dem laut Un­ter­neh­men vor­aus­sicht­lich noch bis En­de Au­gust das letz­te Ge­schoss des Roh­baus wächst. „Da, ei­ne St­ein­sä­ge, ei­ne Kreis­sä­ge, ein Bau­schutt­con­tai­ner – aber nur ein klei­ner“, ana­ly­siert der fünf­jäh­ri­ge Jan­nis das Wim­mel­bild in luf­ti­ger Hö­he. Nicht nur durchs Rol­lo oben oder ex­tra ein­ge­zo­ge­ne Sicht­fens­ter am Bo­den, auch im In­ter­net ver­fol­gen Spot­ter das Her­an­wach­sen des neu­en Baus. Bis zu 1000 Auf­ru­fe im Mo­nat ver­zeich­ne die Sei­te des Sport­hau­ses mit BauBil­der­ga­le­rie, so Peter Hell­mich, Con­tent Ma­na­ger.

Mensch und Ma­schi­ne

Bau­stel­len zie­hen an – Kin­der wie Er­wach­se­ne blei­ben ste­hen und staunen, wenn die Ab­riss­bir­ne ein­schlägt, wenn der Bag­ger sich in al­te Ge­bäu­de frisst, wenn der Kran ton­nen­schwe­re Tei­le durch die Luft bau­meln lässt. „Ich kann stun­den­lang ste­hen und zu­gu­cken“, be­stä­tigt Wer­ner Tüm­per, der mit Fern­glas vom Rad­weg an der Bre­mer Stra­ße auf die Brü­cken-Bau­stel­le für die neue Orts­um­ge­hung Belm (A 33/ B 51) schaut. Nicht sel­ten blei­ben hier Spot­ter ste­hen. „Es ist ein­fach ge­wal­tig. Da muss man ver­har­ren“, fin­det der 71-Jäh­ri­ge. War­um? Et­was, das evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch in uns an­ge­legt ist? Psy­cho­lo­gen kön­nen nur spe­ku­lie­ren über die­se be­son­de­re Form der Mensch-Ma­schi­ne-Ge­bäu­de-In­ter­ak­ti­on.

Der Drang zum Auf­bau­en

Ge­org Ru­din­ger, eme­ri­tier­ter Psy­cho­lo­gie-Pro­fes­sor aus Bonn, und Mar­tin Cor­des, Di­plom­psy­cho­lo­ge

von der Uni­ver­si­tät Os­na­brück, sind sich ei­nig: „Neu­gier ist die ent­schei­den­de Trieb­fe­der für das mensch­li­che In­ter­es­se an Bau­stel­len – ob bei Ab­riss oder Neu­bau.“Die Bau­stel­le samt Ge­rät ist im­mer grö­ßer und lau­ter als der All­tag und ver­schafft sich da­mit au­to­ma­tisch Auf­merk­sam­keit und Ge­hör. Aber nicht nur das: „Bau­stel­len zei­gen, was der Mensch im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes auf­bau­en kann“, so Ru­din­ger. Die fas­zi­nie­ren­de, mo­der­ne Tech­nik pa­cke uns da­bei eben­so wie die Grö­ßen­di­men­sio­nen. „Bau­stel­len zei­gen, dass der Mensch ge­stal­tungs­mäch­tig ist, dass er krea­tiv ist, dass er kon­trol­liert zer­stö­ren und bau­en kann“, so der Pro­fes­sor.

Die Me­ta­pher „sich et­was auf­zu­bau­en“hal­te sich nicht oh­ne Grund in un­se­rem Wort­schatz. Ein kon­struk­ti­ves Mo­ment, das Zuf­rie­den­heit schaf­fe – in al­len Le­bens­be­rei­chen.

Kick am Stra­ßen­rand

Aber es geht hier um den Men­schen. Zur Schaf­fens­kraft ge­sellt sich wie selbst­ver­ständ­lich die Lust an Zer­stö­rung. Auch dann, wenn ein Ge­bäu­de St­ein für St­ein in sich zu­sam­men­sinkt, ste­hen die Pas­san­ten ge­fes­selt da­ne­ben. „Ich kann mir das Ver­gnü­gen gön­nen, weil es bei mir selbst kei­nen Scha­den an­rich­tet“, er­klärt Ru­din­ger die­se Fas­zi­na­ti­on. Bau­stel­len bö­ten in­so­fern ei­ne si­che­re Ober­flä­che, um et­wa

Zer­stö­rung mit­zu­er­le­ben. In der Psy­cho­lo­gie spricht man bei der Su­che nach Sen­sa­ti­on und im­mer neu­en An­rei­zen von „Sen­sa­ti­on-see­king“, dann et­wa, wenn Ex­trem­sport­ler nach neu­en, ris­kan­ten Er­leb­nis­sen su­chen. Die Bau­stel­le ist so et­was wie das „Sen­sa­ti­on-see­king des Ot­to Nor­mal­ver­brau­chers“, dreht Cor­des die Idee wei­ter. Ein klei­ner Kick am Stra­ßen­rand.

Der Knoll­stra­ßen-Bag­ger

An der Knoll­stra­ße ist we­nig Kick, aber das, was Spot­ter auch schau­en lässt: Bau­ma­schi­nen. Hier zie­hen Mul­den­kip­per, Hy­bridbag­ger und Wal­ze Ab­schnitt für Ab­schnitt ih­re Bahn. Die Ka­nal­ar­bei­ten im zwei­ten Bau­ab­schnitt („Lan­ge Wand“bis zur Zu­fahrt zum Ame­os-Kli­ni­kum) sind be­en­det. Mo­men­tan wird in die­sem Be­reich noch der Stra­ßen­be­lag er­neu­ert. „Bis En­de Sep­tem­ber wird das dau­ern, dann wird dem Plan nach mit dem Ka­nal­bau im drit­ten Bau­ab­schnitt be­gon­nen“, sagt Mar­co Hör­mey­er, Spre­cher der Stadt­wer­ke Os­na­brück.

Füh­rer­häus­chen-Theo­rie

Chris­ti­an Mor­gens­tern ist als Bag­ger­fah­rer auf der Knoll­stra­ße im Ein­satz und weiß um die ma­gne­ti­sche Wir­kung sei­nes 25-Ton­nenGe­fährts. „Der Bag­ger ist laut, grell, und er be­wegt sich“, lau­tet sei­ne Füh­rer­häus­chen-Theo­rie zur An­zie­hungs­kraft. So­bald Kin­der auf die Welt kä­men, we­del­te man vor ih­rer Na­se mit Spiel­zeug oder Ku­schel­tie­ren. „Be­we­gung ist al­les“, glaubt er. Der Bag­ger hat das per­fek­tio­niert. Nicht zu schnell, nicht zu lang­sam und sehr kraft­voll.

„Vie­le El­tern sind aber doch ge­nervt, wenn die Klei­nen gu­cken wol­len und aus­brem­sen“, ver­rät Mor­gens­tern aus jah­re­lan­ger Gehweg-Be­trach­tung und lässt mit die­ser Aus­sa­ge das Fas­zi­no­sum ein we­nig brö­ckeln. So pa­ckend Bau­stel­len für vie­le Men­schen sind, so be­harr­lich wah­re Spot­ter durch­hal­ten – am En­de will eben doch nicht je­der tag­täg­lich lär­mend an­ge­bag­gert wer­den.

Wo es in Os­na­brück Bau­stel­len gibt, le­sen Sie im In­ter­net auf www.noz.de

Der Blick durch die La­mel­len: Hier ent­steht gera­de das letz­te Ge­schoss vom Sport­haus bei L+T. Fo­tos: Micha­el Grün­del

Die bei­den Spot­ter: Jan­nis (5, links) und Lu­kas (8) Pel­le­mey­er aus Os­na­brück fach­sim­peln über St­ein- und Kreis­sä­ge.

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