„Nol­de war ge­wiss kein Hei­li­ger“

Di­rek­tor der Emil-Nol­de-Stif­tung Seebüll über die Ver­bin­dung des Künst­lers zu den Na­zis

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Vor 150 Jah­ren wur­de ei­ner der gro­ßen deut­schen Künst­ler Emil Nol­de ge­bo­ren. Be­kannt für sei­ne dra­ma­ti­schen Land­schaf­ten und leuch­ten­den Blu­men­still­le­ben. Chris­ti­an Ring, Di­rek­tor der Nol­deStif­tung Seebüll, spricht im In­ter­view über die Rol­le des Künst­lers im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus.

Von Mar­tin Schul­te

Herr Ring, Sie sind seit gut vier Jah­ren Di­rek­tor der Nol­de-Stif­tung. Gab es in die­ser Zeit gro­ße Über­ra­schun­gen für Sie im Be­zug auf den Men­schen oder den Künst­ler Emil Nol­de?

Was für mich wirk­lich sehr über­ra­schend war, ist der Um­stand, dass Nol­de bis zum En­de des Zwei­ten Welt­kriegs an die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­glaubt hat. Ich dach­te im­mer, dass er nach dem Be­rufs­ver­bot und der Prä­sen­ta­ti­on sei­ner Bil­der in der Aus­stel­lung „Entar­te­te Kunst“um­ge­dacht und sich von den Na­zis ab­ge­wen­det hät­te.

Wie geht die Stif­tung mit die­sen Er­kennt­nis­sen um? Mir ist wich­tig, dass wir die­se Ver­bin­dung of­fen und aus­führ­lich kom­mu­ni­zie­ren, in­ner­halb und au­ßer­halb der Stif­tung.

Sie ha­ben vor ei­ni­ger Zeit zwei un­ab­hän­gi­ge His­to­ri­ker mit ei­ner Stu­die über Nol­des Ver­bin­dung zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­auf­tragt. Lie­gen die Er­geb­nis­se schon vor?

Nein, zu­min­dest nicht in der End­fas­sung. Die Er­geb­nis­se wer­den gera­de zu­sam­men­ge­fasst und struk­tu­riert. Am 26. und 27. Ok­to­ber ha­ben wir in Ham­burg ei­ne Ta­gung zum The­ma „Nol­de im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“, dann wer­den die Er­geb­nis­se vor­ge­stellt. Al­ler­dings ste­cken da für mich bis­lang noch kei­ne tie­fer ge­hen­den, neu­en Über­ra­schun­gen drin, auch wenn es ei­ni­ge be­mer­kens­wer­te und bis­lang un­be­ach­te­te Schrift­stü­cke gibt, in de­nen Ada und Emil Nol­de den Ta­ten­drang des „Füh­rers“lo­ben. Aber die­sen Wort­laut ken­nen wir ja auch schon aus an­de­ren Brie­fen.

Trotz­dem ha­ben Sie die­se Stu­die wie­der­holt als wich­tig be­zeich­net – auch weil die Stif­tung die­sem The­ma jahr­zehn­te­lang ge­zielt aus­ge­wi­chen ist?

Ja, ab­so­lut. Die Stif­tung hat sich lan­ge Zeit nicht mit der ei­ge­nen Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­ge­setzt. Als ich die­se Stu­die in Auf­trag ge­ge­ben ha­be, war mir aber ehr­lich ge­sagt auch nicht klar, wel­che ein­deu­ti­gen Be­le­ge sie

für Nol­des NS-Gläu­big­keit brin­gen wür­de. Ich woll­te da­mals ein­fach nur die Fak­ten auf dem Tisch ha­ben, ob­jek­tiv und wis­sen­schaft­lich. Wie die Er­geb­nis­se am En­de zu be­wer­ten sind, ist dann je­dem selbst über­las­sen.

Gab es denn noch Be­har­rungs­kräf­te im Um­feld der Stif­tung, die ge­gen die­se Stu­die wa­ren?

Ja, es gab Zwei­fel. Denn na­tür­lich hat so ei­ne Stu­die Aus­wir­kun­gen auf die Nol­de-Re­zep­ti­on. Aber ich bin fel­sen­fest da­von über­zeugt, dass Nol­des Werk so stark ist, dass es die­se Dis­kus­si­on aus­hält. Das Fas­zi­nie­ren­de an sei­ner Kunst ist, dass sie so vie­le Men­schen, Er­wach­se­ne und Kin­der, auf vie­len un­ter­schied­li­chen Ebe­nen

an­spricht. Nol­des Kunst ist stark, der Mensch Nol­de aber war ge­wiss kein Hei­li­ger.

Än­dert sich die Re­zep­ti­on sei­ner Kunst auch mit den stei­gen­den Prei­sen, die sei­ne Wer­ke bei Auk­tio­nen er­zie­len?

Ich glau­be nicht, dass die Re­zep­ti­on sei­ner Wer­ke von den Prei­sen ab­hängt. Die Prei­se stei­gern, wenn über­haupt, sei­ne Be­kannt­heit. Für mich ist viel be­deu­ten­der, dass wir Nol­des Werk in Zu­kunft brei­ter auf­fä­chern und The­men­fel­der öff­nen, die un­be­kannt sind. So kön­nen wir auch neue Be­su­cher­grup­pen ge­win­nen. Und ganz ne­ben­bei wird das auch wie­der die Nach­fra­ge auf dem Kunst­markt er­hö­hen. In zehn Jah­ren, En­de 2026, läuft das Ur­he­ber­recht der Stif­tung auf die Nol­de-Bil­der aus. Kön­nen Sie kon­kret be­nen­nen, wie viel Geld der Stif­tung da­durch ver­lo­ren geht?

Das ist tat­säch­lich schwie­rig, denn das Fol­ge­recht kal­ku­liert sich auch dar­aus, wie vie­le Wer­ke von Nol­de in den Kunst­han­del ge­langt sind. Aber es ist ei­ne gro­ße Sum­me, die uns vor Pro­ble­me stel­len wird. Des­halb ar­bei­ten wir schon seit Län­ge­rem dar­auf hin, dass die Stif­tung wei­ter­hin ei­gen­stän­dig ar­bei­ten kann. Das ist im­mer Nol­des Wil­le ge­we­sen.

Die Stif­tung be­sitzt ne­ben un­zäh­li­gen Gra­fi­ken, Aqua­rel­len und Zeich­nun­gen knapp die Hälf­te der rund 1100 be­kann­ten Öl­bil­der Nol­des. Wä­re es auch ei­ne Mög­lich­keit, die Samm­lung der Stif­tung kri­tisch zu durch­leuch­ten, um sich mög­li­cher­wei­se von Bil­dern zu tren­nen? Auch das ist si­cher­lich ei­ne Fra­ge, die wir uns stel­len müs­sen, al­ler­dings steht da­bei im­mer der Stif­ter­wil­le im Fo­kus, dass im­mer nur so vie­le Wer­ke ver­kauft wer­den, wie zur Er­fül­lung des Stif­tungs­zwe­ckes nö­tig sind.

Mal jen­seits der Kunst ge­fragt: Ist Ih­nen der Mensch Emil Nol­de ei­gent­lich sym­pa­thisch?

Da muss ich tat­säch­lich über­le­gen. Ich ha­be ein sehr dis­tan­zier­tes Ver­hält­nis zu Nol­des Per­sön­lich­keit, weil ich ver­mei­den möch­te, dass ich als Di­rek­tor der Stif­tung ei­ne Art Hei­li­gen­kult be­trei­be. Es ist schwie­rig, ich kann­te ihn nicht, ha­be aber ei­ni­ge Men­schen ge­spro­chen, die ihn kann­ten und mir von sei­ner lie­be­vol­len und auf­merk­sa­men Art be­rich­tet ha­ben. Ich fin­de es je­den­falls be­ein­dru­ckend, dass er früh an sich und sein Werk ge­glaubt hat – und die­sem al­les un­ter­ge­ord­net hat. Von Nol­des Hal­tung im Drit­ten Reich dis­tan­zie­re ich mich, doch kann ich mir kein um­fas­sen­des Ur­teil er­lau­ben, weil ich in der Zeit nicht ge­lebt ha­be.

Nol­de selbst neig­te in sei­nen Tex­ten sehr zur Selbst­v­er­klä­rung.

Ja, ab­so­lut. Aber die­ses Um­deu­ten der ei­ge­nen Bio­gra­fie ken­nen wir auch von an­de­ren his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten. Ich glau­be, wenn ich Nol­de nicht mö­gen wür­de, wür­de ich nicht in Seebüll ar­bei­ten.

Gibt es noch Über­ra­schun­gen in Nol­des Werk? Chris­ti­an Rings Ein­schät­zung da­zu so­wie das aus­führ­li­che In­ter­view im In­ter­net auf noz.de

Will kei­nen „Hei­li­gen­kult“be­trei­ben: Chris­ti­an Ring, Di­rek­tor der Nol­de-Stif­tung Seebüll, vor den Wer­ken des Künst­lers Emil Nol­de. Fo­to: Micha­el Staudt

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