Mus­ter­schü­ler vor neu­er Her­aus­for­de­rung

Ir­land wur­de mit Eu­ro-Mil­li­ar­den ge­ret­tet und steht bes­ser da als vor der Fi­nanz­kri­se – Nun ge­fähr­det der Br­ex­it den Auf­schwung

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wirtschaft -

Von Ka­trin Pri­byl

Saf­ti­ge Wie­sen, gra­sen­de Rin­der un­ter blau­em Him­mel – und auf ei­ner Fel­sen­in­sel thront die Burg. Un­weit der An­sichts­kar­ten­idyl­le per­fekt. Doch schon ein paar Ki­lo­me­ter wei­ter geht es we­ni­ger idyl­lisch zu. Dort schwe­ben Rin­der­hälf­ten an ei­ser­nen Ha­ken durch die Hal­le der ABP Food Group, ei­nem der größ­ten Fleisch­pro­du­zen­ten Eu­ro­pas. Das Ne­on­licht dort ist kalt, der Zer­le­gungs­pro­zess un­er­bitt­lich – bis die Rin­der als Hack­fleisch oder Steaks in den Ver­sand ge­hen, nach Groß­bri­tan­ni­en, auf den eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent, in al­le Welt.

Dass Ir­land vom Sor­genz­um Vor­zei­ge­kind in der EU auf­stieg, ist auch das Ver­dienst der Land­wirt­schaft und Nah­rungs­mit­tel­bran­che. „Ir­land steht nun so­gar bes­ser da als vor der Fi­nanz­markt­kri­se“, sagt Vol­ker Trei­er, Au­ßen­wirt­schafts­chef des Deut­schen In­dus­trie-und Han­dels­kam­mer­ta­ges. Milch­pro­duk­te wie But­ter und Kä­se, Ge­trän­ke­mar­ken wie Guin­ness und Bai­leys oder eben Rind­fleisch – je­ne hei­mi­schen Wirt­schafts­zwei­ge gel­ten un­ter an­de­rem als Wachs­tums­trei­ber in dem vor­mals kri­sen­ge­beu­tel­ten Land, das lan­ge auf an­de­re Sek­to­ren ge­setzt hat­te, et­wa auf aus­län­di­sche Phar­ma­und Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne, auf Ban­ken und die Bau­bran­che.

Dann platz­te 2008 im Zu­ge der Fi­nanz­kri­se die Im­mo­bi­li­en­bla­se. Die Re­pu­blik Ir­land stand kurz vor dem Bank­rott, konn­te nur mit Hil­fe aus dem Eu­ro-Ret­tungs­schirm über­le­ben. Der da­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent En­da Ken­ny und sei­ne schwarz-ro­te Ko­ali­ti­on leg­ten dem Land ein strik­tes wie dras­ti­sches Re­form- und Spar­pro­gramm auf – und sorg­ten so für die wirt­schaft­li­che Ge­sun­dung.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren zo­gen et­li­che aus­län­di­sche Kon­zer­ne wie App­le, Face­book oder Goog­le auf die In­sel und in­ves­tier­ten, vor al­lem dank des nied­ri­gen Steu­er­sat­zes auf Un­ter­neh­mens­ge­win­ne. Die Bran­chen­rie­sen lock­ten klei­ne­re Tech-Un­ter­neh­men und Start-ups an. Doch die Re­gie­rung will aus ih­ren Feh­lern ge­lernt ha­ben und sich nicht mehr kom­plett auf frem­de In­ves­to­ren ver­las­sen müs­sen. Die Wirt­schaft soll auf meh­re­ren Pfei­lern ste­hen, wes­halb die hei­mi­sche Land­wirt­schaft so­wie Le­bens­mit­te­lund Ge­trän­ke­indus­trie ge­för­dert wer­den.

Zu­rück zu den Wur­zeln al­so. Die Kri­se hat die Men­schen um­den­ken las­sen. Doch der schwe­re Weg her­aus aus der Re­zes­si­on hin­ter­ließ Spu­ren, rund ein Drit­tel der Be­völ­ke­rung litt noch bis vor Kur­zem un­ter Ver­ar­mung, und die La­ge auf dem Wohn- und Ar­beits­markt blieb kri­tisch. Und noch im­mer ge­be es vie­le, et­wa we­gen ih­rer pri­va­ten Schul­den, die die Aus­wir­kun­gen der Re­zes­si­on mer­ken, sagt Kier­an McQuinn von Ir­lands In­sti­tut für Wirt­schaft­und So­zi­al­for­schung (ESRI). „Aber im All­ge­mei­nen sind die Men­schen zu­ver­sicht­lich, auch weil sie so lang­sam die Er­ho­lung selbst spü­ren.“

Ian Tal­bot, Chef der Han­dels­kam­mer Cham­bers Ire­land, zeigt sich eben­falls „sehr op­ti­mis­tisch“, ins­be­son­de­re beim Blick auf die Ar­beits­lo­sen­quo­te, die von rund 15 Pro­zent in 2011/2102 im­mer wei­ter Saf­ti­ge Wei­den, Rind­fleisch für den Ex­port: Ir­land ver­dankt den Auf­schwung auch der Agrar­bran­che.

bis auf zu­letzt 6,4 Pro­zent ge­sun­ken ist. Das brin­ge Steu­ern ein und neh­me Druck vom So­zi­al­hil­fe­sys­tem. Das Pro­blem: „Die Zins­schul­den sau­gen je­nes Geld auf, das die Re­gie­rung frü­her für Steu­er­er­leich­te­run­gen oder Ähn­li­ches aus­ge­ge­ben hät­te.“

Die Po­li­tik er­hielt denn auch ih­ren Denk­zet­tel. Nach­dem Fi­ne Ga­el bei der jüngs­ten Par­la­ments­wahl er­heb­li­che Ver­lus­te er­lit­ten hat­te, ge­stal­te­te sich die Re­gie­rungs­bil­dung schwie­rig, und Ken­ny, das Ge­sicht der Spar­maß­nah­men, Steu­er- und Ge­büh­ren­er­hö­hun­gen, trat im Mai als Par­tei­chef zu­rück.

Nun steht Nach­fol­ger Leo Va­ra­dkar der auf Dul­dung ba­sie­ren­den,

fra­gi­len Min­der­heits­re­gie­rung vor. Sei­ne größ­te Her­aus­for­de­rung heißt Br­ex­it. Denn die bei­den Nach­bar­län­der, das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich und Ir­land, sind wirt­schaft­lich, po­li­tisch und ge­sell­schaft­lich eng ver­floch­ten. Und auch wenn die In­sel­re­pu­blik dar­auf hofft, dass zahl­rei­che Ban­ken und Fi­nanz­dienst­leis­ter Nie­der­las­sun­gen und da­mit gut be­zahl­te Ar­beits­plät­ze von Lon­don nach Du­blin ver­la­gern, ins­ge­samt be­droht der EU-Aus­tritt den Wohl­stand. 2015 gin­gen 13,9 Pro­zent al­ler ex­por­tier­ten Gü­ter ins Kö­nig­reich, 25,7 Pro­zent der Im­por­te stamm­ten aus Groß­bri­tan­ni­en. Soll­ten Zöl­le mit bis zu 60 Pro­zent auf Ex­por­te an­fal­len, wie man­che be­fürch­ten, trä­fe das ein­zel­ne Bran­chen und vor­ne­weg die iri­schen Rind­fleisch­ex­por­te schmerz­lich.

Doch für das klei­ne Land mit sei­nen nur knapp fünf Mil­lio­nen Ein­woh­nern birgt der EU-Aus­tritt des gro­ßen Nach­barn auch in po­li­ti­scher Hin­sicht mas­si­ve Ri­si­ken. Denn es ist der ein­zi­ge EUMit­glied­staat, der ei­ne Land­gren­ze mit dem Kö­nig­reich teilt. Die Er­in­ne­run­gen an die schlim­men Zei­ten, als der Nord­ir­land­kon­flikt jahr­zehn­te­lang die Re­gi­on mit Ge­walt und Ter­ror über­zog, sind zwar ver­blasst. Ver­ges­sen sind sie nicht, ge­schwei­ge denn die Ta­ten ver­zie­hen. Vie­le Be­woh­ner sor­gen sich, dass die Kon­flik­te auf­flam­men könn­ten.

Kei­ner will des­halb zu­rück zu ei­ner har­ten Gren­ze mit Kon­trol­len und Zoll­schran­ken. Wie aber lässt sich das um­set­zen an­ge­sichts des bri­ti­schen Wun­sches, die Kon­trol­le über die Gren­zen zu­rück­zu­ge­win­nen? Noch ist das un­ge­klärt. „Die Frus­tra­ti­on in Ir­land über die Po­si­ti­on des Kö­nig­reichs und der bri­ti­schen Re­gie­rung wächst“, sagt Kier­an McQuinn vom ESRI. Den Auf­schwung wol­len sich die Iren nicht vom Nach­barn ver­der­ben las­sen.

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