War­um ich zu Hau­se blei­be

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Statt Re­por­ta­gen aus der Tür­kei le­sen Sie von NOZ-Re­dak­teu­rin San­dra Dorn ei­nen Be­richt in ei­ge­ner Sa­che.

Ich woll­te mit­flie­gen nach Ça­n­ak­ka­le, mir ein ei­ge­nes Bild von der La­ge in Os­na­brücks tür­ki­scher Part­ner­stadt ma­chen und dar­über be­rich­ten. Doch der Flie­ger star­tet oh­ne mich. An­ge­sichts der völ­li­gen Un­be­re­chen­bar­keit und Will­kür, mit der Staats­prä­si­dent Er­do­gan Men­schen un­ter irr­wit­zi­gen Ter­ror-Vor­wür­fen ein­sper­ren lässt, ist mir und mei­nen Vor­ge­setz­ten ei­ne Rei­se in die Tür­kei zu ris­kant.

Am An­fang über­wog die Vor­freu­de. Als un­se­re Re­dak­ti­on im Mai be­schloss, dass ei­ner von uns die Os­na­brü- cker De­le­ga­ti­on zum Tro­ja­fest be­glei­ten soll­te, muss­te ich kei­ne Se­kun­de über­le­gen. Na­tür­lich woll­te ich mit­fah­ren. Ich war neu­gie­rig auf die li­be­ra­le Stadt im Nord­wes­ten der Tür­kei. Wie ist die Stim­mung in dem Land, das sich seit dem Putsch­ver­such vor ei­nem Jahr ra­sant in ei­ne Au­to­kra­tie ent­wi­ckelt? Ich woll­te den so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Bür­ger­meis­ter Ül­gür Gök­han ken­nen­ler­nen, der der Op­po­si­ti­ons­par­tei CHP an­ge­hört und der im Mai nicht aus­rei­sen durf­te, um die Os­na­brü­cker Mai­wo­che zu be­su­chen. Ich war ge­spannt auf die Zwi­schen­tö­ne und dar­auf zu er­fah­ren, wel­chen Stel­len­wert die Part­ner­schaft mit Os­na­brück hat.

Was soll­te schon pas­sie­ren? Na­tür­lich hat­te ich den Na­men De­niz Yücel im Hin­ter­kopf. Seit Mit­te Fe­bru­ar sitzt der deutsch-tür­ki­sche Kor­re­spon­dent der Zei­tung Die Welt nun schon in Un­ter­su­chungs­haft – ver­haf­tet we­gen ab­stru­ser Ter­ror­vor­wür­fe, oh­ne Be­wei­se, oh­ne An­kla­ge. Er­do­gan-kri­ti­sche Be­richt­er­stat­tung reich­te aus, ihn hin­ter Git­ter zu brin­gen. Ähn­lich er­geht es der deut­schen Jour­na­lis­tin und Über­set­ze­rin Me­sa­le To­lu, fest­ge­nom­men am 30. April. Aber an ei­ner Lo­kal­re­dak­teu­rin aus Os­na­brück wür­de die tür­ki­sche Re­gie­rung ja wohl kaum In­ter­es­se ha­ben. Oder?

Doch dann wur­de im Ju­li der deut­sche Men­schen­recht­ler Pe­ter Steudt­ner in­haf­tiert. Und die­ser Fall pass­te so gar nicht ins Mus­ter: Kein Jour­na­list, der kri­tisch über Er­do­gan be­rich­tet hat­te, son­dern ein deut­scher Men­schen­recht­ler, der ei­nen Work­shop zu IT-Si­cher­heit in Istan­bul lei­te­te. Mit sei­ner Ver­haf­tung wur­de deut­lich: Es kann je­den tref­fen. End­lich ver­schärf­te auch die Bun­des­re­gie­rung den Ton, wenn auch viel zu spät. Doch nicht die ver­schärf­ten Rei­se­hin­wei­se des Aus­wär­ti­gen Am­tes wa­ren aus­schlag­ge­bend für mich. Der Fall Steudt­ner mach­te deut­lich: Es gibt kei­ner­lei Re­geln, an die man sich in der Tür­kei hal­ten kann, um un­be­hel­ligt durch das Land zu rei­sen, kei­ner­lei Si­cher­heit, nicht plötz­lich als Spi­on zu gel­ten. Al­lein da­durch, dass ich mei­nen Job ma­che, lau­fe ich Ge­fahr, im Ge­fäng­nis zu lan­den – oh­ne Chan­ce auf ei­ne fai­re Ver­hand­lung.

Tou­ris­ten, die trotz al­lem ih­ren Som­mer­ur­laub in der Tür­kei ver­brin­gen, sa­gen, sie be­kom­men von all dem nichts mit. Aber ich bin nun mal Jour­na­lis­tin – und Deut­sche noch da­zu. Was, wenn Er­do­gan morgen der Mei­nung ist, die Bun­des­re­gie­rung mit ei­ner er­neu­ten Ver­haf­tung rei­zen zu wol­len? Was, wenn ir­gend­ei­ner mei­ner tür­ki­schen Ge­sprächs­part­ner in und um Os­na­brück aus den ver­gan­ge­nen Jah­re auf ir­gend­ei­ner schwar­zen Lis­te steht – und ich durch den Kon­takt gleich mit?

Mehr als 20 Deut­sche sind seit dem Putsch­ver­such vor ei­nem Jahr in der Tür­kei ver­haf­tet wor­den, neun be­fin­den sich noch im­mer in Haft. 164 Jour­na­lis­ten sit­zen zur­zeit in tür­ki­schen Ge­fäng­nis­sen fest, laut Re­por­ter oh­ne Gren­zen so vie­le wie in kei­nem an­de­ren Land der Welt.

Bleibt die Fra­ge: Soll­ten Jour­na­lis­ten nicht jetzt erst recht in die Tür­kei flie­gen, um ein Zei­chen zu set­zen für De­mo­kra­tie und Mei­nungs­frei­heit? Ich ha­be gro­ßen Re­spekt vor je­dem, der sich ge­wis­sen­haft vor­be­rei­tet und den Mut da­zu hat. Ich ha­be ihn nicht.

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