Neu­auf­la­ge des Mar­sh­mal­low-Tests

Uni Os­na­brück un­ter­sucht in in­ter­kul­tu­rel­ler Stu­die Dis­zi­plin von Kin­dern

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Psy­cho­lo­gen der Uni­ver­si­tät Os­na­brück woll­ten wis­sen, wie dis­zi­pli­niert Kin­der in Deutsch­land und Ka­me­run sind. Bei dem Ver­gleich ha­ben Sü­ßig­kei­ten ei­ne wich­ti­ge Rol­le ge­spielt.

Von An­ne Rei­nert

Der so­ge­nann­te Mar­sh­mal­low-Test ist nicht neu: Schon in den 1960er-Jah­ren er­fand ihn der US-Per­sön­lich­keits­psy­cho­lo­ge Wal­ter Mi­schel, der die Fä­hig­keit zum Be­loh­nungs­auf­schub, in der Fach­spra­che „in­hi­bi­to­ri­sche Kon­trol­le“, un­ter­such­te. Er ließ sei­ne klei­nen Pro­ban­den für ei­ne Wei­le al­lein in ei­nem Raum zu­rück und ver­sprach ih­nen zwei Mar­sh­mal­lows, wenn sie ge­dul­dig auf sei­ne Rück­kehr war­ten wür­den. Al­ler­dings hat­ten die Kin­der auch die Wahl, Mi­schel zu­rück­zu­ru­fen. In dem Fall gab es nur ein Mar­sh­mal­low.

Der Test gilt als aus­sa­ge­kräf­tig dar­über, wie dis­zi­pli­niert und selbst­kon­trol­liert ein Mensch ist. Ei­ne wich­ti­ge Fä­hig­keit im Le­ben: Wer et­wa für ei­ne Prü­fung lernt, soll­te nicht je­der Par­ty- und Ki­no­ein­la­dung fol­gen, wenn er sie er­folg­reich be­ste­hen will. Auch Mi­schels Nach­un­ter­su­chun­gen in spä­te­ren Jah­ren be­stä­tig­ten das. Um­so län­ger die Kin­der war­ten konn­ten, des­to bes­ser hat­ten sie ihr Le­ben im Griff. „Sie ha­ben die bes­se­ren Ab­schlüs­se ge­macht und die sta­bi­le­ren Ru­hig, fast ge­lang­weilt sitzt die­ses Kind in Ka­me­run vor sei­nem Puff-Puff und war­tet auf die Rück­kehr ei­nes Er­wach­se­nen.

Be­zie­hun­gen ge­führt“, sagt Bet­ti­na Lamm.

Die Psy­cho­lo­gin, die kom­mis­sa­risch die Pro­fes­sur für „Ent­wick­lung und Kul­tur“am In­sti­tut für Psy­cho­lo­gie in Os­na­brück ver­tritt, ge­hört zu der For­schungs­grup­pe, die das Mar­sh­mal­low-Ex­pe­ri­ment mit ei­ner in­ter­kul­tu­rel­len Grup­pe Vier­jäh­ri­ger wie­der­holt

hat. Lamms Kol­le­gen von den Uni­ver­si­tä­ten Bie­le­feld, Frankfurt und Gie­ßen ha­ben den Test mit ins­ge­samt 125 deut­schen Kin­dern durch­ge­führt. Sie und ihr Team reis­ten in den Nor­den des west­afri­ka­ni­schen Lan­des Ka­me­runs, wo sie 76 Kin­der der Volks­grup­pe der Nso zum Test lu­den.

Die Wis­sen­schaft­ler stell­ten bei­den Grup­pen ei­nen Tel­ler mit ei­ner Sü­ßig­keit auf ei­nen Tisch und ver­lie­ßen für zehn Mi­nu­ten den Raum. In Deutsch­land gab es Kin­der­rie­gel und Lol­lis, in Ka­me­run das He­fe­fett­ge­bäck Puff-Puff. Die in den US be­lieb­ten Mar­sh­mal­lows wä­ren hier wie dort kei­ne aus­rei­chend gro­ße Ver­lo­ckung ge­we­sen. Das Er­geb­nis des Tests: Von den deut­schen Kin­dern schaff­ten es wie bei Wal­ter Mi­schel 30 Pro­zent, die Be­loh­nung auf­zu­schie­ben, bei den Nso-Kin­dern wa­ren es da­ge­gen 70 Pro­zent.

Auf den Vi­de­os der Ex­pe­ri­men­te ist zu se­hen, wie die Kin­der sich in der War­te­zeit ver­hal­ten. Die deut­schen ha­ben deut­lich mit sich zu kämp­fen, win­den sich, ste­cken sich den Lol­li in den Mund und neh­men ihn wie­der her­aus. Ganz an­ders die Nso. Sie blei­ben ganz ru­hig. „15 Pro­zent von ih­nen sind so­gar ein­ge­schla­fen“, so Lamm.

Wie ist die­ser Un­ter­schied zu er­klä­ren? Die Wis­sen­schaft­ler se­hen ihn in den kul­tu­rel­len Wer­ten. „In Deutsch­land ist die Un­ab­hän­gig­keit und Au­to­no­mie wich­tig“, so Bet­ti­na Lamm. Kin­dern wür­de ver­mit­telt, ih­ren Be­dürf­nis­sen zu fol­gen und sich in­di­vi­du­ell zu ent­wi­ckeln. „In Ka­me­run er­zie­hen die El­tern ih­re Kin­der da­zu, sich in ei­ne Grup­pe und in Hier­ar­chi­en ein­zu­fü­gen.“

Für sie zeigt sich auch, dass psy­cho­lo­gi­sche For­schungs­er­geb­nis­se nicht auf al­le Kul­tu­ren über­trag­bar sind. 95 Pro­zent der Un­ter­su­chun­gen wür­den in den USA oder Eu­ro­pa durch­ge­führt. Die Er­geb­nis­se müss­ten nicht welt­weit gül­tig sein.

Ein Vi­deo zum Mar­sh­mal­low-Test fin­den Sie in un­se­rem On­li­ne-Ar­ti­kel auf noz.de.

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