Os­na­brücks Turn­va­ter hieß Julius Schurig

Von den An­fän­gen des Kin­der- und Ju­gend­tur­nens 1833 – Mäd­chen durf­ten erst 50 Jah­re spä­ter mit­ma­chen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Von Joa­chim Dier­ks

„Turn­va­ter“Fried­rich Lud­wig Jahn gilt als Be­grün­der der or­ga­ni­sier­ten Kör­per­be­we­gung in Deutsch­land. 1811 er­rich­te­te er auf der Ber­li­ner Ha­sen­hei­de den ers­ten öf­fent­li­chen Turn­platz. Für Os­na­brück sind sys­te­ma­ti­sche tur­ne­risch-gym­nas­ti­sche Übun­gen erst­mals im Jahr 1833 do­ku­men­tiert, ver­an­stal­tet vom Rats­gym­na­si­um. Noch be­vor das Er­wach­sen­en­tur­nen mit der Grün­dung des Män­ner­turn­ver­eins (MTV) 1849 und des Os­na­brü­cker Turn­ver­eins (OTV) 1861 Fahrt auf­nahm, war al­so an die Kin­der ge­dacht – al­ler­dings aus­schließ­lich an die männ­li­chen. Ge­stat­tet wur­de das Tur­nen vom Ober­schul­kol­le­gi­um in Hannover in der Er­kennt­nis, dass die Ju­gend ne­ben den „be­deu­ten­den geis­ti­gen An­stren­gun­gen, die ihr zu­ge­mu­tet wer­den, auch der kör­per­li­chen Kräf­ti­gung be­darf“.

1833 hat­ten Leh­rer des Rats­gym­na­si­ums ei­ne Wie­se ne­ben der Pe­ters­burg ge­mie­tet, um dort im Som­mer zwei­mal wö­chent­lich mit ih­ren Schü­lern zu tur­nen und zu spie­len. Dann pach­te­te die Stadt den „Ra­ben­kamp“, et­wa süd­lich des heu­ti­gen Ber­li­ner Plat­zes ge­le­gen. Dort konn­ten die Rats­gym­na­si­as­ten wäh­rend der Som­mer­mo­na­te im Frei­en üben. Im Win­ter zog man in ei­nen ehe­ma­li­gen Vieh­stall an der Gro­ßen Gil­de­wart 9, spä­ter in das aus­ge­dien­te Leg­ge-Lo­kal im Al­ten Rat­haus. Die Um­stän­de wa­ren aus heu­ti­ger Sicht äu­ßerst pri­mi­tiv: Hei­zung gab es nicht, Pe­tro­le­um-Fun­zeln spen­de­ten un­wil­lig et­was fla­ckern­des Licht.

1862 er­rich­te­te ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft, hin­ter der MTVund OTV-Mit­glie­der steck­ten, auf der Rats­wie­se an der heu­ti­gen Tur­ner­stra­ße ei­ne ers­te klei­ne Hal­le in Fach­werk­bau­wei­se. Dem OTV tra­ten so­fort nach dem Grün­dungs­auf­ruf 87 Tur­ner, 30 „Turn­freun­de“(pas­si­ve Mit­glie­der) und 20 „Turn­zög­lin­ge“(Jun­gen zwi­schen 14 und 18 Jah­ren) bei.

Ein Glücks­fall für Os­na­brück war der aus Leip­zig stam­men­de Turn­leh­rer Julius Schurig (1839–1917). 1865 hol­te ihn Bür­ger­meis­ter Mi­quel als ers­ten Schul- und Ver­eins­turn­leh­rer an die Ha­se. Schurig brach­te fri­schen Wind und Be­geis­te­rung in die Übungs­stun­den. Er setz­te sich mit Er­folg für ein ob­li­ga­to­ri­sches Schul­tur­nen und für ei­ne Aus­deh­nung auf al­le Schul­ty­pen ein, ab 1880 auch für Mäd­chen.

Schon vor­her, et­wa ab 1865, konn­ten weib­li­che Kin­der pri­va­te Turn­kur­se be­su­chen. In ei­ner Anzeige wur­de den El­tern ans Herz ge­legt, „ih­ren jun­gen Töch­tern nicht die Ge­le­gen­heit zu ent­zie­hen, ei­nen kräf­ti­gen Kör­per aus­zu­bil­den, der sie be­fä­higt, ih­re spä­te­ren Pflich­ten zu er­fül­len“. Die­se Pflich­ten wa­ren nach dem da­ma­li­gen Rol­len­ver­ständ­nis die Auf­ga­ben als Ehe­frau, Haus­frau und Mut­ter. Zum We­sen der Gym­nas­tik hieß es: Das Rhön­rad war in den 1920er-Jah­ren schon eher et­was für fort­ge­schrit­te­ne Tur­ne­rin­nen.

„An­mut, Sanft­mut, Duld­sam­keit, Sitt­sam­keit, Lie­be und Fröm­mig­keit sind die Ele­men­te, aus de­nen die Bil­dung des Mäd­chens und der Jungfrau voll­endet wird.“

Da die Hal­le an der Tur­ner­stra­ße schon bald nicht mehr aus­reich­te, wur­de Schurig im­mer und im­mer wie­der beim Ma­gis­trat vor­stel­lig. Im Ok­to­ber 1873 war es ge­schafft: Nach Plä­nen des Stadt­bau­rats Hack­län­der wur­de die Dop­pel­turn­hal­le am Schloss­wall ein­ge­weiht. Sie war und blieb das Flagg­schiff un­ter Os­na­brücks Turn- und Sport­hal­len

auch in Gestalt des Nach­fol­ge­baus nach dem letz­ten Krieg.

1899 bil­de­ten bei­de Os­na­brü­cker Turn­ver­ei­ne ei­ge­ne Da­men­ab­tei­lun­gen, zu de­nen auch Mäd­chen Zu­gang hat­ten. Zum MTV-Stif­tungs­fest 1899 tra­ten die Tur­ne­rin­nen erst­mals öf­fent­lich auf. Sie schwan­gen Keu­len und führ­ten ei­nen Rei­gen in wei­ßen lan­gen Klei­dern mit ro­ten Schär­pen auf. Die Turn­klei­dung ori­en­tier­te sich an der All­tags­klei­dung der Frau­en, die die Be­we­gungs­frei­heit stark ein­schränk­te. Um die Jahr­hun­dert­wen­de for­der­te un­ter an­de­rem die Re­form­be­we­gung die „Be­frei­ung des weib­li­chen Kör­pers“, fand aber vor 1919 kei­ne gro­ße Re­so­nanz. Zwar wur­den die Rö­cke et­was kür­zer, Kon­flik­te mit den Moral­vor­stel­lun­gen wa­ren aber pro­gram­miert, so­bald der Rock­saum über das Knie rutsch­te. Die Ho­se blieb lan­ge Zeit ta­bu. Erst der „Ma­tro­sen-Look“mit Turn­blu­se und Plu­der­ho­se brach­te Frau­en und Mäd­chen ab et­wa 1915 et­was mehr Be­we­gungs­frei­heit. In den 1920er-Jah­ren glich sich ih­re Turn­klei­dung der­je­ni­gen der Män­ner an.

Ein gro­ßer För­de­rer des Kin­der­tur­nens war Her­mann Oh­ne­sor­ge (1887–1967). Als Leh­rer an der Bür­ger­schu­le Ha­ken­stra­ße trug er gym­nas­ti­sche Übun­gen in den nor­ma­len Un­ter­richt hin­ein. Et­wa zur Mit­te je­der Schul­stun­de ließ er al­le Fens­ter weit öff­nen, zog sei­ne Ja­cke aus und turn­te die Übun­gen vor. Auf Kom­man­do muss­ten sie die Kin­der nach­voll­zie­hen. In sei­ner Frei­zeit war er Turn- und Rie­gen­füh­rer im MTV und bau­te ei­ne neue Ab­tei­lung für Kin­der­tur­nen auf. Das Kin­der­tur­nen wur­de zum Ge­gen­stand sei­ner wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­ar­beit, die ihn auf Vor­trags­rei­sen ins eu­ro­päi­sche Aus­land und bis nach Süd­ame­ri­ka führ­te. Er gilt als Be­grün­der des mo­der­nen Kin­der­tur­nens.

Im Drit­ten Reich wur­de die Lei­bes­er­zie­hung der Kin­der und Ju­gend­li­chen knall­hart in­stru­men­ta­li­siert. Der Sport durf­te kein rei­ner Selbst­zweck mehr sein, er soll­te ei­ne all­sei­ti­ge Bil­dung des Sport­trei­ben­den be­inhal­ten: ideo­lo­gi­sche For­mung des Be­wusst­seins, kör­per­li­che Er­tüch­ti­gung und mi­li­tä­ri­sche Wo kein Schnee liegt, Er­zie­hung. Die Os­na­brü­cker Sport­ver­ei­ne, zu de­nen seit 1876 auch der Os­na­brü­cker Tur­ner­bund (OTB), seit 1879 der TV „Gut-Heil“und seit 1897 der Turn­ver­ein Jahn ge­hör­ten, wur­den mehr oder we­ni­ger gleich­ge­schal­tet. Der OTV stell­te sei­ne vor­bild­li­che Sport­an­la­ge an der Jahn­stra­ße ver­mehrt den Schu­len und den Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen wie KdF, SA, HJ und BDM zur Ver­fü­gung. Das hat­te den nütz­li­chen Ne­ben­ef­fekt, dass die Ju­gend in­di­rekt dem OTV ver­bun­den blieb, ob­wohl die Ju­gend­li­chen von 10 bis 14 Jah­ren ge­schlos­sen an BDM und HJ ab­zu­ge­ben wa­ren.

Nach dem Krieg wur­den gro­ße An­stren­gun­gen un­ter­nom­men, zer­stör­te Hal­len und Sport­plät­ze wie­der­her­zu­rich­ten. Auch weil es kaum Al­ter­na­ti­ven gab, er­leb­te der Kin­der- und Ju­gend­sport mit sei­nen im­mer stär­ker aus­dif­fe­ren­zier­ten An­ge­bo­ten ei­nen ra­san­ten Auf­schwung „wie ein Phö­nix aus der Asche“, so der frü­he­re Vor­sit­zen­de Gün­ter Wi­en­holt in der Fest­schrift zum 150-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um des Os­na­brü­cker Sport­clubs (OSC), in dem OTV und MTV 1969 auf­gin­gen.

Al­le be­reits er­schie­ne­nen Tei­le der Serie kön­nen Sie im In­ter­net nach­le­sen un­ter noz.de/os

tut es auch Sä­ge­mehl: Ski­gym­nas­tik in der OTV-Turn­hal­le En­de der 1930-Jah­re.

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