In Ver­ruf ge­ra­ten

War­um ist die Plas­tik­tü­te ei­gent­lich so un­be­liebt?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Plas­tik­tü­ten wer­den seit ei­ni­gen Mo­na­ten ver­dammt. Aber war­um ist das ei­gent­lich so?

Jah­re­lang hat der Ver­brau­cher sor­gen­los ge­shoppt und sein Gut in Plas­tik­ta­schen ver­staut – prak­tisch, leicht und ge­gen Re­gen der bes­te Schutz für die neu­en Kla­mot­ten. Mitt­ler­wei­le sind die Plas­tik­t­ra­ge­ta­schen aber ver­pönt. Es gibt Initia­ti­ven, die sie aus den Städ­ten ver­ban­nen wol­len. Vie­le Händ­ler ver­lan­gen Geld für die Tü­ten. Doch was ist so schlimm an der bun­ten Tra­ge­ta­sche?

Die Plas­tik­tü­te gilt als Ver­pa­ckung und kann des­we­gen in der gel­ben Ton­ne oder im gel­ben Sack ent­sorgt wer­den. Doch stopp – Tü­te ist nicht gleich Tü­te. Auf 6,1 Mil­li­ar­den Plas­tik­tü­ten schätzt der In­dus­trie­ver­band Kunst­stoff­ver­pa­ckun­gen den jähr­li­chen Ver­brauch al­lein in Deutsch­land. Da­von kön­nen knapp 52 Pro­zent in der Re­gel nicht wie­der­ver­wen­det wer­den. Dar­un­ter fal­len vor al­lem klei­ne Tü­ten aus Dro­ge­ri­en, Apo­the­ken oder Kaf­fee­shops. Hin­zu­kom­men 3,1 Mil­li­ar­den dün­ne Tü­ten, die haupt­säch­lich im Su­per­markt aus­lie­gen, um dar­in Obst und Gemüse zu ver­pa­cken. Im Fach­jar­gon hei­ßen sie Hemd­chen­beu­tel.

In Deutsch­land fal­len laut dem Um­welt­bun­des­amt im Durch­schnitt 65 Plas­tik­tü­ten pro Ein­woh­ner und Jahr an. Das ent­spricht ei­nem bun­des­wei­ten Auf­kom­men von 5,3 Mil­li­ar­den Plas­tik­tü­ten Ge­hört hier nicht hin: im Jahr. Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn die Tü­ten in die Um­welt ge­lan­gen.

Plas­tik­ta­schen kön­nen nach An­sicht von Ex­per­ten bis zu 450 Jah­re über­dau­ern und ma­chen da­mit der Um­welt und ih­ren tie­ri­schen Be­woh­nern das Le­ben schwer. Vie­le Fische oder auch See­vö­gel hal­ten die Tü­ten für Nah­rung. Sie fres­sen das Plas­tik und ster­ben dar­an, weil sie die Tü­ten nicht ver­dau­en kön­nen. Nach An­ga­ben des UN-Um­welt­pro­gramms trei­ben rund 13 000 Plas­tik­par­ti­kel auf je­dem Qua­drat­ki­lo­me­ter Mee­res­ober­flä­che.

Her­ge­stellt wer­den Plas­tik­tü­ten üb­ri­gens aus Erd­öl, ei­ne end­li­che Res­sour­ce. Doch die Her­stel­lung von Pa­pier­tü­ten und Baum­woll­beu­teln ist nicht um­welt­freund­li­cher: Wäh­rend bei der Her­stel­lung ei­ner Pa­pier­tü­te et­wa 60 Gramm Koh­len­di­oxid aus­ge­sto­ßen wer­den, sind es bei ei­ner Plas­tik­tü­te aus Neu­gra­nu­lat et­wa 120 Gramm und bei ei­ner Baum­woll­ta­sche so­gar 1700 Gramm CO2. Das er­gab ei­ne Un­ter­su­chung der Eid­ge­nös­si­schen Tech­ni­schen Hoch­schu­le Zürich. Baum­woll­ta­schen rech­nen sich erst dann, wenn man sie oft wie­der­ver­wen­det.

Seit der Ent­wick­lung von Plas­tik hat die Mensch­heit nach ei­ner ak­tu­el­len Hoch­rech­nung welt­weit et­wa 8,3 Mil­li­ar­den Ton­nen da­von pro­du­ziert. Das al­ler­meis­te da­von be­fin­de sich heute als Müll in der Um­welt, bes­ten­falls noch auf De­po­ni­en, be­rich­ten US-For­scher im Fach­blatt „Sci­ence Ad­van­ces“.

Der gel­be Sack lässt Spiel­raum bei der Ent­sor­gung, so kommt es zu­min­dest bei vie­len Bür­gern an. Nicht oh­ne Grund lan­den Ze­ment­sä­cke, Win­deln und auch mal Wä­sche­kör­be in dem Re­cy­clings­ack. Hart­nä­ckig hal­ten sich ge­wis­se My­then rund um die Wert­stof­fent­sor­gung.

Es wird am En­de doch so­wie­so al­les ver­brannt . . .

In Deutsch­land wird knapp die Hälf­te der Ver­pa­ckun­gen, die im gel­ben Sack und in der gel­ben Ton­ne ge­sam­melt wer­den, tat­säch­lich wie­der­ver­wer­tet. 44,1 Pro­zent lan­de­ten 2014 statt­des­sen in Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen. Das geht aus ei­ner Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf ei­ne An­fra­ge der Grü­nen her­vor. Die Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen in Deutsch­land bie­ten grund­sätz­lich ei­nen ef­fi­zi­en­ten Weg, Rest­ab­fäl­le zu ent­sor­gen. Für das Re­cy­cling von Ver­pa­ckun­gen je­doch stel­len sie kei­ne Al­ter­na­ti­ve dar. Je­des Ki­lo­gramm Kunst­stoff­ver­pa­ckun­gen, das der Ver­brau­cher in den gel­ben Sack oder die gel­be Ton­ne gibt, spart ge­gen­über der Müll­ver­bren­nung fast 1,3 Ki­lo­gramm CO2.

Ver­pa­ckun­gen müs­sen vor­her aus­ge­wa­schen wer­den . . .

Nein, müs­sen sie nicht. „Die Ver­pa­ckun­gen sind, so gut es geht, zu ent­lee­ren, al­so sorg­fäl­tig aus­zu­krat­zen“, sagt Da­nie­la Pom­mer, Spre­che­rin der Awi­go. Aber es Was darf rein und was nicht? Die Be­fül­lung des gel­ben Sacks ist nicht im­mer ganz ea­sy, denn es gibt ei­ni­ge My­then dar­um.

gilt: je sau­be­rer, um­so bes­ser. Ein Aus­wa­schen wird aber nicht ver­langt.

Nur Ver­pa­ckun­gen mit dem Grü­nen Punkt dür­fen in den Sack . . .

Nein, grund­sätz­lich gilt: Al­le Ver­pa­ckun­gen dür­fen in den gel­ben Sack. Die Sa­che mit dem Grü­nen Punkt kommt noch aus der An­fangs­zeit der Müll­tren­nung. Da gab es nur das ei­ne Sys­tem – den Grü­nen Punkt.

Plas­tik ist Plas­tik – al­te Zahn­bürs­ten und ka­put­te Haar­bürs­ten kön­nen im Gel­ben Sack ent­sorgt wer­den ...

Plas­tik ist nicht gleich Plas­tik – vor al­lem bei der Müll­tren­nung nicht. Es dür­fen nur Ver­pa­ckun­gen im Gel­ben Sack ent­sorgt wer­den, da­für zah­len die Un­ter­neh­men.

Ma­te­ri­al, das als Ver­pa­ckung ver­wen­det wur­de oder ganz re­gu­lär im Haus­halt an­fällt, ge­hört in den gel­ben Sack oder die gel­be Ton­ne. Bei­spie­le sind et­wa das Sty­ro­por-In­nen­le­ben des Kar­tons für den PC-Mo­ni­tor oder Schnip­sel aus Ver­sand­kar­tons und ähn­li­cher Sty­ro­por-Ab­fall. Sty­ro­por, das bei­spiels­wei­se bei der Re­no­vie­rung an­fällt, al­so als Iso­lier­ma­te­ri­al ver­wen­det wor­den ist, ge­hört in den Rest­müll oder in den Son­der­müll.

Was ist mit Pa­pier oder Milch­kar­tons?

Vie­le Ver­pa­ckun­gen sind be­schich­tet. Sie be­ste­hen zwar aus Pa­pier, wur­den aber mit ei­ner glän­zen­den Fo­lie über­zo­gen oder mit Alu­mi­ni­um. Da gibt es ei­nen Reiß­test, er­zählt Da­nie­la Pom­mer. Pa­pier reißt ganz gera­de ein, so die Ex­per­tin. Piz­za- und Scho­ko­kuss­kar­ton da­ge­gen nicht – sie ge­hö­ren in den gel­ben Sack. Auch Ge­trän­ke­kar­tons ha­ben in ih­rem In­ne­ren meist ei­ne Be­schich­tung – sie ge­hö­ren auch in den Sack.

Doch, sie wer­den ge­häck­selt, ge­wa­schen und ge­trock­net. Aus dem Ma­te­ri­al las­sen sich dann neue Fo­li­en her­stel­len. Sie sind zwar nicht mehr be­son­ders hoch­wer­tig, kön­nen aber zum Bei­spiel als Ma­te­ri­al für gel­be Sä­cke ver­wen­det wer­den.

Was ist mit Deo- und Haar­spray­do­sen, wo ent­sorgt man sie?

Die Do­sen ent­hal­ten Plas­tik, aber auch Me­tall. Sie dür­fen nur res­tent­leert in den gel­ben Sack ge­schmis­sen wer­den. Wenn noch ein Rest in der Do­se bleibt, kön­ne es sein, das sich die Do­sen im Lkw ent­zün­den, sagt Pom­mer. Gera­de in den Som­mer­mo­na­ten sei das nicht un­ge­fähr­lich.

Der Staat zahlt für die Ent­sor­gung . . .

Nein, der gel­be Sack wird durch das dua­le Sys­tem fi­nan­ziert. Der Han­del und die In­dus­trie müs­sen für die Ver­pa­ckun­gen, die sie in Um­lauf brin­gen, be­zah­len. Und rech­nen ih­re Kos­ten für das dua­le Sys­tem in die Ver­kaufs­prei­se der Pro­duk­te ein.

Die Plas­tik­tü­te hat im Meer ei­gent­lich nichts zu su­chen, denn dort ist sie ge­fähr­lich für die Mee­res­tie­re. Fo­to: dpa

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