„Nicht die Form – das Wie ent­schei­det“

Ex­per­tin: Kei­ner­lei Nach­tei­le für Kin­der bei Ad­op­ti­on in Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen - Von Wal­traud Mess­mann

Mit der jüngst be­schlos­se­nen „Ehe für al­le“wird gleich­ge­schlecht­li­chen Paa­ren auch die Ad­op­ti­on ei­nes Kin­des er­leich­tert. Doch wie ent­wi­ckeln sich Kin­der, die bei zwei Müt­tern oder Vä­tern auf­wach­sen?

Ent­schei­dend für die kind­li­che Ent­wick­lung ist nicht die Fa­mi­li­en­form, son­dern wie Fa­mi­lie ge­lebt wird. Das be­tont die Psy­cho­lo­gin Ina Bo­ven­schen im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Bo­ven­schen ist wis­sen­schaft­li­che Ko­or­di­na­to­rin des Ex­per­ti­se- und For­schungs­zen­trums Ad­op­ti­on (EFZA) des Deut­sches Ju­gend­in­sti­tuts.

Das Haupt­ar­gu­ment ge­gen die Gleich­stel­lung bei der Ad­op­ti­on ist, dass zu ei­ner Fa­mi­lie im­mer Va­ter und Mut­ter ge­hö­ren. Ist die­ser Ein­wand be­rech­tigt?

Zahl­rei­che in­ter­na­tio­na­le Stu­di­en be­le­gen, dass es den Kin­dern, die von gleich­ge­schlecht­li­chen Paa­ren auf­ge­zo­gen wer­den, min­des­tens ge­nau­so gut geht wie Kin­dern, die in ge­mischt ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaf­ten groß­ge­zo­gen wer­den. Das gilt für je­den Ent­wick­lungs­be­reich, den die­se Un­ter­su­chun­gen be­leuch­tet ha­ben.

Kri­ti­ker be­haup­ten, die Stu­di­en sei­en zum Teil me­tho­disch frag­wür­dig…

Die am häu­figs­ten ge­äu­ßer­ten Kri­tik­punk­te sind, dass es bei den Stu­di­en kei­ne Kon­troll­grup­pen gibt und die Stich­pro­ben zu klein sind. Es gibt al­ler­dings ei­ne Rei­he sehr groß an­ge­leg­ter Un­ter­su­chun­gen so­wie zahl­rei­che Stu­di­en, bei de­nen mit Ver­gleichs­grup­pen ge­ar­bei­tet wur­de. Die Er­geb­nis­se die­ser Stu­di­en sind sehr va­li­de. Und die Stu­di­en kom­men über­ein­stim­mend zu dem Er­geb­nis, dass es kei­nen Grund zu der An­nah­me gibt, dass das Kin­des­wohl un­ter der Ob­hut gleich­ge­schlecht­li­cher El­tern ge­fähr­det ist und dass die Kin­der Nach­tei­le in ih­rer Ent­wick­lung ha­ben.

Ei­ne an­de­re Stu­die kommt so­gar zu dem Er­geb­nis, dass die­se Kin­der ein stär­ke­res Selbst­be­wusst­sein ent­wi­ckeln. Gibt es da­für ei­ne Er­klä­rung?

Die Er­geb­nis­se ei­ni­ger in­ter­na­tio­na­ler Stu­di­en wei­sen dar­auf hin, dass das El­tern­ver­hal­ten in so­ge­nann­ten Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en mehr von Wär­me und Zu­wen­dung dem Kind ge­gen­über ge­prägt und durch we­ni­ger Kon­flik­te ge­kenn­zeich­net ist als das Ver­hal­ten von El­tern in an­de­ren Fa­mi­li­en­for­men. Mög­li­cher­wei­se wird in die­sen Fa­mi­li­en auch mehr mit­ein­an­der ge­spro­chen. Das wie­der­um kann da­zu füh­ren, dass sich die Kin­der mehr mit sich und ih­rem Um­feld aus­ein­an­der­set­zen. Al­ler­dings ist dies le­dig­lich ei­ne mög­li­che In­ter­pre­ta­ti­on der Be­fun­de.

Häu­fig wer­den auch Be­fürch­tun­gen laut, Kin­der aus Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en könn­ten Dis­kri­mi­nie­rung er­le­ben. Ist die Sor­ge be­rech­tigt?

Es gibt Hin­wei­se dar­auf, dass es zu Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen kom­men kann. Dies war auch in der deut­schen Stu­die der Fall, die vom Staats­in­sti­tut für Fa­mi­li­en­for­schung an der Uni­ver­si­tät Bam­berg durch­ge­führt wur­de. Aber auch dort hat sich ge­zeigt, dass aus sol­chen Er­fah­run­gen kei­ne Nach­tei­le für die Ent­wick­lung der Kin­der re­sul­tie­ren müs­sen, da po­si­ti­ves El­tern­ver­hal­ten mög­li­chen Ent­wick­lungs­de­fi­zi­ten ent­ge­gen­wir­ken kann. Nicht die Fa­mi­li­en­form ist al­so für die kind­li­che Ent­wick­lung ent­schei­dend, son­dern wie Fa­mi­lie ge­lebt wird und wie sich El­tern den Kin­dern ge­gen­über ver­hal­ten.

Das Ver­hal­ten der El­tern ist für das Kin­des­wohl wich­tig. Nicht ih­re se­xu­el­le Ori­en­tie­rung.

Ein an­de­rer Kri­tik­punkt ist, dass Ge­schlech­ter­rol­len bei gleich­ge­schlecht­li­chen El­tern nicht in vol­lem Um­fang er­lernt wer­den kön­nen...

Auch zu der Fra­ge der se­xu­el­len Iden­ti­tät und der se­xu­el­len Ein­wick­lung in sol­chen Fa­mi­li­en­kon­stel­la­tio­nen gibt es in­ter­na­tio­na­le Stu­di­en. Die vor­han­de­nen Be­fun­de ge­ben kei­ne Hin­wei­se dar­auf, dass die Ent­wick­lung der se­xu­el­len Iden­ti­tät, die ei­ne wich­ti­ge Auf­ga­be für Kin­der und Ju­gend­li­che ist, durch das Auf­wach­sen bei gleich­ge­schlecht­li­chen El­tern be­ein­träch­tigt wird.

Zwi­schen dem Jahr 2004 und 2015 ist die Zahl der Ad­op­tio­nen um 25 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen. Woran liegt das?

Da­für gibt es ver­schie­de­ne Grün­de: Was die In­land­sa­d­op­tio­nen an­geht, hat das un­ter an­de­rem da­mit zu tun, dass in Deutsch­land die Zahl ad­op­ti­ons­be­dürf­ti­ger Kin­der ab­nimmt. Das ist un­ter an­de­rem auf die bes­se­re Un­ter­stüt­zung Fo­to: Im­a­go/Wes­tend61 der Kin­der- und Ju­gend­hil­fe, ins­be­son­de­re auch von al­lein­er­zie­hen­den Müt­tern, zu­rück­zu­füh­ren. Hin­zu kommt, dass Paa­re, die sich ein Kind wün­schen, den Kin­der­wunsch aber auf na­tür­li­chem Weg nicht rea­li­sie­ren kön­nen, durch die Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin heute viel mehr Mög­lich­kei­ten ha­ben. Es gibt ei­nen welt­wei­ten Trend, dass we­ni­ger Kin­der ver­mit­telt wer­den. Das liegt zum ei­nen dar­an, dass in vie­len Län­dern in­zwi­schen auch Mög­lich­kei­ten ge­schaf­fen wer­den, dass die Kin­der in ih­ren leib­li­chen Fa­mi­li­en blei­ben kön­nen oder in Fa­mi­li­en im Her­kunfts­land un­ter­ge­bracht wer­den. Zum an­de­ren wer­den aus ein­zel­nen Län­dern auch aus po­li­ti­schen Grün­den kei­ne Kin­der mehr ins Aus­land ver­mit­telt.

Ina Bo­ven­schen

Fo­to: DJI/Da­vid Au­ßer­ho­fer

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