Streit um neue Ver­ord­nung

EU will Me­dia­the­ken leich­ter zu­gäng­lich ma­chen – Film­bran­che pro­tes­tiert

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen -

Die EU-Kom­mis­si­on will den Zu­gang zu On­li­neMe­dia­the­ken von Fern­seh­sen­dern er­leich­tern. Die ge­plan­te Ver­ord­nung stößt je­doch nicht nur auf Zu­stim­mung.

Von Ste­fa­nie Wit­te

Wer im Som­mer­ur­laub Se­ri­en und Fil­me über die In­ter­net­platt­for­men Net­flix oder Sky se­hen will, hat in die­sem Jahr noch schlech­te Kar­ten. Das An­ge­bot ist im Aus­land häu­fig ge­sperrt. Ab dem nächs­ten Jahr kön­nen Se­ri­en­fans ih­re Abos end­lich auch grenz­über­grei­fend nut­zen – dank ei­ner EU-Ver­ord­nung.

In ei­nem zwei­ten Schritt und mit ei­ner zwei­ten Ver­ord­nung will die EU-Kom­mis­si­on auch An­ge­bo­te in Me­dia­the­ken von Fern­seh­sen­dern leich­ter zu­gäng­lich ma­chen. Künf­tig soll es et­wa mög­lich sein, dass ein Spa­nier in Deutsch­land sei­ne hei­mi­sche Te­le­no­ve­la oh­ne Pro­ble­me se­hen kann. Das klingt nach ei­ner gu­ten Idee. Sie fin­det je­doch nicht nur Un­ter­stüt­zung, son­dern stößt auch auf er­bit­ter­ten Wi­der­stand. Vom Tod der eu­ro­päi­schen Film­wirt­schaft ist man­cher­orts die Re­de. Kri­ti­ker ar­gu­men­tie­ren, dass Fil­me wie das preis­ge­krön­te Werk „To­ni Erd­mann“durch die neue Re­ge­lung un­mög­lich wür­den. Denn ein Teil der Kos­ten wird über den Ver­kauf von Li­zen­zen für an­de­re Län­der ab­ge­deckt.

Tie­mo Wöl­ken sitzt für die SPD im EU-Par­la­ment und ar­bei­tet als ei­ner von zwei Be­richt­er­stat­tern an ei­nem Kom­pro­miss beim The­ma

Me­dia­the­ken­zu­gang. „Wenn wir nichts ma­chen, dann nut­zen die Leu­te wei­ter ih­re VPN-Zu­gän­ge“, ar­gu­men­tiert Wöl­ken. VPN steht für „Vir­tu­al Pri­va­te Net­work“. Ein VPN-Zu­gang kann et­wa ei­ner Me­dia­thek ei­nes Fern­seh­sen­ders re­la­tiv ein­fach vor­gau­keln, dass ein Nut­zer in Spa­ni­en ei­ne Te­le­no­ve­la ab­ru­fen will, ob­wohl der Se­ri­en­fan tat­säch­lich in Deutsch­land sitzt, wo das An­ge­bot le­gal nicht ver­füg­bar ist.

„Im Mo­ment wer­den Li­zen­zen im­mer nur für ein Land oder ei­ne Sprach­re­gi­on ver­ge­ben. Wir wol­len, dass ei­ne Pro­duk­ti­on, die im Fern­se­hen und dann in ei­ner Me­dia­thek

ver­füg­bar ist, übe­r­all in der EU ab­ruf­bar ist“, sagt Wöl­ken. Das Ma­te­ri­al müs­se dann nur nach deut­schem Ur­he­ber­recht ge­prüft wer­den und dürf­te in al­len an­de­ren Län­dern ab­ge­ru­fen wer­den. Das ent­sprä­che der Idee des schran­ken­lo­sen Bin­nen­mark­tes.

Mehr oder we­ni­ger Geld?

Eu­ro­päi­sche Film­pro­du­zen­ten pro­tes­tie­ren da­ge­gen. Über 400 Ver­tre­ter von Fil­m­un­ter­neh­men und Bran­chen­ver­bän­den ha­ben ei­nen of­fe­nen Brief an die EU un­ter­zeich­net. Sie for­dern dar­in, die Plä­ne zu ver­wer­fen. Be­fürch­tet wer­den „schwe­re

Schä­den“für die Film­wirt­schaft. Wenn ei­ne On­li­ne-Li­zenz für al­le Mit­glied­staa­ten gel­te, wir­ke sich das „ne­ga­tiv auf den Wert der Rech­te in den ver­schie­de­nen Ver­triebs­ka­nä­len“aus. Die Be­fürch­tung: Am En­de blei­be we­ni­ger Geld für die Pro­duk­ti­on.

Die Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on der Film­wirt­schaft (SPIO), ein Bran­chen­ver­band, un­ter des­sen Dach sich 18 Be­rufs­ver­bän­de der deut­schen Film- und Fern­seh­wirt­schaft zu­sam­men­ge­schlos­sen ha­ben, spricht in ei­nem Dos­sier da­von, dass die Vor­ab­ver­käu­fe von Li­zen­zen bis zu ei­nem Drit­tel der Pro­duk­ti­ons­kos­ten ein­bräch­ten.

EU-Be­richt­er­stat­ter Tie­mo Wöl­ken wi­der­spricht: „Mir hat nie­mand Zah­len vor­ge­legt, wo­nach die Fi­nan­zie­rung nach der Ver­ord­nung ge­rin­ger wür­de.“Im Ge­gen­teil: Durch die ein­fa­che­re Klä­rung der Ur­he­ber­rech­te, wür­de zu­sätz­lich Geld frei, das dann wie­der in die Pro­duk­tio­nen flie­ßen kön­ne.

Der Bran­chen­ver­band SPIO be­strei­tet das und ar­gu­men­tiert, dass durch die neue Ver­ord­nung kei­ne Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Pro­du­zen­ten und Sen­de­an­stal­ten mehr mög­lich sei­en, die et­wa da­zu führ­ten, dass ein Film nur noch in ei­nem be­stimm­ten Land ge­zeigt wer­den darf. Die Pro­du­zen­ten wür­den im­mer mehr von we­ni­gen Auf­trag­ge­bern ab­hän­gig. Die Be­für­wor­ter der Ver­ord­nung be­strei­ten das: Die Ver­trags­frei­heit sei nach wie vor ge­ge­ben.

Tie­mo Wöl­ken for­dert zu­dem, dass Pro­duk­tio­nen, die mehr Eu­ro­pä­er er­rei­chen, am En­de auch bes­ser be­zahlt wer­den müss­ten. „Fern­seh­sen­der müs­sen ei­ne grö­ße­re Reich­wei­te ent­spre­chend ver­gü­ten“, sagt Wöl­ken. Der Be­richt­er­stat­ter glaubt: „Die Film­bran­che hat Angst, weil sie in ei­nem sich wan­deln­den Um­feld, in dem im­mer mehr Men­schen on­li­ne schau­en, nicht weiß, mit wel­chem Mo­dell sie in Zu­kunft Geld ver­die­nen soll. Am En­de ist es ei­ne Ver­tei­lungs­fra­ge.“Im Ok­to­ber soll der Rechts­aus­schuss über den Ent­wurf der Ver­ord­nung ent­schei­den, an­schlie­ßend ist das Par­la­ment ge­fragt.

Fo­to: AFP

Film­pro­duk­tio­nen wie „To­ni Erd­mann“von Ma­ren Ade (Bild) wer­den laut Kri­ti­kern durch die neue EU-Ver­ord­nung un­mög­lich, da ein Teil der Kos­ten über den Ver­kauf von Li­zen­zen für an­de­re Län­der ab­ge­deckt wird.

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