Im­pre­sa­rio mit Lust am Event

Kunst für die Kon­tro­ver­se: Zum Tod des Mu­se­ums­len­kers Mar­tin Roth

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Von Ste­fan Lüd­de­mann

Am En­de schien ihm die Po­li­tik wich­ti­ger zu sein als die Kunst. Mar­tin Roth leg­te im Herbst 2016 die Lei­tung des Lon­do­ner Vic­to­ria and Al­bert Mu­se­ums nie­der, nahm Ab­schied von ei­nem Traum­pos­ten, den er als ers­ter Deut­scher über­haupt 2011 über­nom­men hat­te. Roth sprach of­fen von sei­ner Ent­täu­schung über das Vo­tum der Bri­ten für den Br­ex­it, ta­del­te scharf die Be­quem­lich­keit vie­ler Kul­tur­ma­cher, die an­ge­sichts der Be­dro­hung Eu­ro­pas durch Po­pu­lis­ten lie­ber zu­sä­hen, statt sich ein­zu­mi­schen.

Der 1955 in Stuttgart ge­bo­re­ne Mu­se­ums­chef be­trat of­fen die po­li­ti­sche Are­na. Was macht Roth jetzt? Die­se Fra­ge, die ihm in Talk­shows oft ge­stellt wur­de, hat der Kul­tur­ma­cher nicht mehr be­ant­wor­ten kön­nen. Sein scho­ckie­rend frü­her Tod im Al­ter von nur 62 Jah­ren hat nicht nur ei­ne glanz­vol­le Fach­kar­rie­re be­en­det. Auch die kul­tur­po­li­ti­sche De­bat­te ver­liert nun ei­nen ih­rer pro­fi­lier­tes­ten Wort­füh­rer.

Hier die Kunst als Reich des Schö­nen, dort die schnö­den In­ter­es­sen­kon­flik­te der Po­li­tik – die­se schein­bar ge­trenn­ten Sphä­ren hat Roth im­mer kon­se­quent zu­sam­men­ge­dacht. Schon als Dok­to­rand be­schäf­tig­te er sich mit den Welt­aus­stel­lun­gen als gro­ßen Schau­fens­tern der kul­tu­rel­len Selbst­dar­stel­lung gan­zer Ge­sell­schaf­ten. Spä­ter be­gab sich Roth, der im Jahr 2000 schon die Ex­poAus­stel­lung ge­ma­nagt hat­te, auch mit Aus­stel­lungs­pro­jek­ten mit­ten in die Kon­tro­ver­se. Hat­te er sich mit der gro­ßen Schau zur Ge­schich­te der Auf­klä­rung 2011 in Pe­king nicht all­zu sehr den dor­ti­gen Macht­ha­bern an­ge­dient? Und ver­dien­te es nicht auch Kri­tik, dass er 2017 für die Bi­en­na­le von Ve­ne­dig den Pa­vil­lon des au­to­ri­tär re­gier­ten Aser­bai­dschan be­treut hat­te? Nein. Roth steu­er­te vie­le sei­ner Aus­stel­lungs­pro­jek­te be­wusst mit­ten hin­ein in ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Kon­tro­ver­sen. Ein selbst­ge­nüg­sa­mer Mu­se­ums­fach­mann war er nie.

Da­bei wä­re Roth da­mit schon aus­ge­füllt ge­we­sen. Nach Jah­ren am Dresd­ner Ent­schie­de­ner Feind Rou­ti­ne: al­ler

Hy­gie­ne­mu­se­um steu­er­te er von 2001 bis 2011 mit den Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen in Dres­den den mit Berlin und Mün­chen größ­ten deut­schen Mu­se­ums­ver­bund. Wäh­rend der Jahr­hun­dert­flut 2002 di­ri­gier­te er geis­tes­ge­gen­wär­tig die Ret­tung der Kunst­schät­ze vor dem stei­gen­den Elb­was­ser.

Von Dres­den nach Lon­don war es für ihn dann nicht ein­mal ein Schritt. Der Glanz des Ba­rock, der Gla­mour des Pop: Bei­des ver­stand Roth als gleich­be­rech­tig­ten Aus­druck kul­tu­rell vi­ta­ler Epo­chen. Und so mach­te er das bis da­hin leicht an­ge­staub­te Vic­to­ria and Al­bert Mu­se­um mit Block­bus­tern zu De­si­gner Alex­an­der McQueen und Po­pi­ko­ne Da­vid Bo­wie zu ei­nem Kraft­werk ge­sell­schaft­li­cher Re­prä­sen­ta­ti­on.

Mar­tin Roth hat nicht nur die Mu­se­en, die ihm an­ver­traut wa­ren, er hat vor al­lem die Rol­le des Mu­se­ums­di­rek­tors ganz neu er­fun­den. Roth war Kunst­fach­mann und Im­pre­sa­rio, Fund­rai­ser und Show­star in ei­ner Per­son. Er ver­stand das gro­ße Event als le­gi­ti­men kul­tu­rel­len Aus­druck für Mil­lio­nen. Er in­sze­nier­te Kunst als Schnitt­stel­le von Schön­heit und Geld und Po­li­tik. Da­mit traf er den Zeit­geist prä­zi­ser als vie­le sei­ner Kri­ti­ker. Roth hat vor­ge­führt, wie die Aus­stel­lung zum Me­di­um der Deu­tung ge­sell­schaft­li­cher Ge­gen­wart avan­cie­ren kann.

Da­mit ge­hört er in ei­ne Ka­te­go­rie mit ei­nem cha­ris­ma­ti­schen Mu­se­ums­ma­na­ger wie Max Hollein, dem Ku­ra­tor Chris Der­con, der die Ber­li­ner Volks­büh­ne zur Dreh­schei­be der Kul­tu­ren ent­wi­ckeln wird, oder Adam Szymc­zyk, der mit sei­nem Aus­griff nach At­hen die Kas­se­ler Do­cu­men­ta ganz neu er­fun­den hat. Mar­tin Roth wird nun feh­len¨– nicht nur als cha­ris­ma­ti­scher Pro­vo­ka­teur des bis­wei­len arg selbst­ge­nüg­sa­men Kul­tur­be­trie­bes.

Fo­to: dpa

Mar­tin Roth

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