Ur­lau­ber sor­gen für an­sehn­li­ches Wachs­tum

Nach der Fi­nanz­kri­se bringt der boo­men­de Tou­ris­mus Spa­ni­ens Wirtschaft auf die Fü­ße – doch ho­he Schul­den drü­cken

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Von Ralph Schul­ze

Das spa­ni­sche Kö­nig­reich sei ein tou­ris­ti­scher Ma­gnet, der im­mer mehr Men­schen an­zie­he, freu­te sich die­ser Ta­ge der kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rungs­chef Ma­ria­no Ra­joy. „Spa­ni­en be­sucht man nicht nur, son­dern nach Spa­ni­en will man im­mer wie­der zu­rück­keh­ren.“Die­se Lie­be zum Land, die Ra­joy be­schwört, sorgt der­zeit für neue Tou­ris­ten­re­kor­de. Und sie schiebt die Wirtschaft an, die dank der Ur­lau­ber zu­neh­mend aus der Kri­se fährt.

In die­sem Jahr wächst die Zahl der in­ter­na­tio­na­len Ur­lau­ber zwei­stel­lig, und zwar ge­gen­über dem Vor­jahr um na­he­zu zwölf Pro­zent. Hält die­ser spek­ta­ku­lä­re Trend bis De­zem­ber an, könn­ten – der of­fi­zi­el­len Schät­zung zu­fol­ge – bis En­de De­zem­ber 84 Mil­lio­nen in­ter­na­tio­na­le Ur­lau­ber das spa­ni­sche Son­nen­reich be­sucht ha­ben.

Ein sa­gen­haf­ter Boom, der nicht nur zur Lo­ko­mo­ti­ve des spa­ni­schen Auf­schwungs wird, son­dern der auch hilft, Spa­ni­ens Stel­lung als eu­ro­päi­sche Tou­ris­mus­macht aus­zu­bau­en. Wenn das so wei­ter­geht, könn­ten die Ibe­rer es bald schaf­fen, zum Kon­kur­ren­ten Frank­reich auf­zu­schlie­ßen. La Fran­ce war bis­her das meist­be­such­te Land der Welt, dort wächst der Tou­ris­mus nach den Ter­ror­an­schlä­gen in Pa­ris und Niz­za aber nicht mehr wie frü­her.

An­stieg der Prei­se

Spa­ni­en, das in den letz­ten Jah­ren vom Ter­ror ver­schont blieb und des­we­gen mo­men­tan als ver­gleichs­wei­se fried­li­ches Ziel gilt, platzt der­weil aus al­len Näh­ten. Ho­tels wie pri­va­te Un­ter­künf­te sind die­sen Som­mer aus­ge­bucht. Dar­an hat auch der üp­pi­ge An­stieg der Zim­mer- und Apart­ment­prei­se we­nig ge­än­dert.

Nicht ein­mal Be­rich­te über ei­ne wach­sen­de Tou­ris­musPho­bie in den Ur­laubs­hoch­bur­gen konn­ten den Spa­ni­en­boom bis­her brem­sen: Trotz Br­ex­it sind es vor al­lem die Bri­ten, wel­che das Land stür­men und mit an­nä­hernd 25 Pro­zent der Aus­lands­gäs­te das größ­te Ur­lau­ber­heer in Spa­ni­en stel­len. Ge­folgt von den Deut­schen, die mit et­wa 15 Pro­zent das zweit­stärks­te Be­su­cher­kon­tin­gent stel­len, an drit­ter Stel­le lie­gen die Fran­zo­sen.

Für Spa­ni­ens Kon­junk­tur, die jah­re­lang un­ter ei­ner gro­ßen Immobilien- und Ban­ken­kri­se litt, ist die­ser An­drang ein Se­gen: Öko­no­men er­war­ten für 2017 ein über­durch­schnitt­li­ches Wirt­schafts­wachs­tum von an­nä­hernd drei Pro­zent. Dies sorgt für ei­ne Er­ho­lung des Lan­des. Die ist auch über­fäl­lig. Denn in­fol­ge der Fi­nanz­kri­se ha­ben Ar­beits­lo­sig­keit, Ein­kom­mens­ver­lus­te und Ein­schnit­te bei staat­li­chen Leis­tun­gen vie­le Fa­mi­li­en in Not ge­bracht.

Laut Eurostat wa­ren in 2016 rund 28 Pro­zent der spa­ni­schen Be­völ­ke­rung von Ar­mut be­droht, ein gu­tes Vier­tel der Men­schen. Nicht mal die Hälf­te der et­wa vier Mil­lio­nen Be­schäf­ti­gungs­lo­sen be­kommt Ar­beits­lo­sen­geld, sons­ti­ge so­zia­le Hil­fen sind rar. Noch im­mer ist die Fa­mi­lie das bes­te so­zia­le Netz.

Nun ist Bes­se­rung in Sicht: Die Ur­lau­ber­mas­sen sor­gen auf dem Job­markt, der vor vier Jah­ren mit ei­ner Ar­beits­lo­sen­quo­te von 26 Pro­zent völ­lig am Bo­den lag, für Be­schäf­ti­gungs­chan­cen. Ei­ne Be­le­bung, die schon spür­bar ist: Die spa­ni­sche Ar­beits­lo­sen­quo­te sank in­zwi­schen auf 17 Pro­zent, was frei­lich im­mer noch sehr hoch ist und weit über dem EUSchnitt liegt. Bei den un­ter 25-Jäh­ri­gen sind noch 39 Pro­zent oh­ne Stel­le.

Wer­muts­trop­fen ist, dass 90 Pro­zent al­ler neu­en Jobs nur be­fris­te­te und schlecht be­zahl­te Sai­son­be­schäf­ti­gun­gen sind, für die sel­ten mehr als 1000 Eu­ro brut­to ge­zahlt wer­den. Die meis­ten neu­en Ar­beits­plät­ze ent­ste­hen im Tou­ris­mus­sek­tor, wes­we­gen spa­ni­sche Me­di­en da­von spre­chen, dass Spa­ni­en auf dem Weg sei, „ein Land der Kell­ner“zu wer­den.

Spa­ni­ens Schul­den­si­tua­ti­on, die das Land im Jahr 2012 an den Rand der Staats­plei­te brach­te und un­ter den Eu­roRet­tungs­schirm flüch­ten ließ, ver­bes­sert sich der­weil nur lang­sam. Zwar ge­lang es, die Neu­ver­schul­dung des Haus­hal­tes von elf Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) in 2009 auf 4,5 Pro­zent in 2016 zu drü­cken. Und be­reits 2014 konn­te das Land den Eu­ro­päi­schen Ret­tungs­schirm nach er­folg­rei­chen Re­for­men ver­las­sen.

Doch be­denk­lich ist, dass trotz tou­ris­ti­schen Wirt­schafts­booms die ho­he Ge­samt­ver­schul­dung des Staa­tes, die bei knapp 100 Pro­zent des BIP liegt, noch nicht nen­nens­wert re­du­ziert wer­den konn­te – ei­ne Bür­de, die den staat­li­chen Spiel­raum er­heb­lich ein­schränkt. In die­sem Jahr muss die Re­gie­rung rund zehn Pro­zent des ge­sam­ten Staats­haus­hal­tes für die Schul­den­til­gung auf­brin­gen.

Wei­te­re Se­ri­en­tei­le fin­den Sie im In­ter­net auf noz.de/eu­ro­kri­se

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